Joachim Kuhs

 

Realitätsblind

Die unionsinternen Verlautbarungen zum Kundus-Einsatz der Bundeswehr stimmen überwiegend sorgenvoll: Auch die außenpolitischen Maßstäbe der Opposition geraten mehr und mehr durcheinander. Wenn die amerikanischen Interessen schwer zu durchschauen wären, könnte man ja über manches hinwegsehen. Gerade unter George W. Bush ist dies aber nicht mehr der Fall. Eine Partei, die den Anspruch erhebt, nach einer Rückkehr in die Regierungsverantwortung einen zuverlässigeren Kurs zu fahren als Rot-Grün, sollte daher genau wissen können, welche Rolle unserem Land eigentlich zukommt.

Statt dessen erleben wir einen Willy Wimmer, der seine hinlänglich bekannten Ressentiments gegen den Irak-Krieg auf die Mission in Afghanistan überträgt und scheinheilig die Befürchtung ausspricht, "unsere Soldaten" könnten dort gezwungen sein, "die Kastanien aus den Feuern der Machthaber" zu holen. Welche Aufgabe sollten sie denn sonst übernehmen? Neue Machthaber einzusetzen? Das kann man mit "bis zu 450 Mann" beim besten Willen nicht leisten, das vermögen bei Bedarf doch wieder nur die Amerikaner ins Werk zu setzen, und wenn sie es wollten, hätten sie es vermutlich längst getan. Soll das Bundeswehr-Kontingent dann alternativ, um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, einfach nur zuschauen, wie alles so vonstatten geht, in diesem potentiell so schönen Land, wie die Menschen arbeiten, das Leben genießen und sich im politischen Alltag Schritt für Schritt zivilisierte Umgangsformen aneignen? Das liegt doch wohl eher in der Kompetenz der vielen klassischen NGO’s, dazu müßte man sich nicht noch den ganzen Verwaltungsaufwand zumuten, den solche Einsätze der Bundeswehr aufbürden.

Noch schlimmer als Wimmer mit seinem notorischen Störfeuer ist, daß sogar die außenpolitische Koryphäe der Union, Friedbert Pflüger, Bedenken anmeldet und davor warnt, daß die deutschen Soldaten "nicht zur Zielscheibe oder zu Komplizen der Drogenbarone" werden dürften. Hier erweist er sich nämlich in doppelter Hinsicht als realitätsblind: Die Bundeswehr ist zum einen bereits durch ihren Einsatz in Kabul zum Garanten einer Ordnung geworden, die ohne eine effiziente Nutzung der Ressource Opium keine volkswirtschaftliche Perspektive hat. Zum anderen geht es in Afghanistan nicht darum, innenpolitische Probleme der westlichen Gesellschaften zu lösen. Deutschland wird am Hindukusch nicht gegen die Drogenschwemme, sondern gegen den Terrorismus verteidigt. Wer das nicht begreift, mag noch so oft in Washington antichambrieren: Er eignet sich nicht als Mitgestalter transatlantischer Sicherheitspartnerschaft.

Das Mäkeln über die deutsche Präsenz in der afghanischen Provinz muß daher ein Ende haben. Natürlich wird man diese Wildnis nicht befrieden können. Nur wer mitmacht bei der neuen Weltordnung, wird aber später angemessen von ihr profitieren dürfen. In Kundus ist dies unserem Land zu günstigeren Kosten möglich als beispielsweise im Irak.

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