Korrektiv

In Beuthen hat sich ein Verband konstituiert, der die Interessen der Vertriebenen aus den polnischen Ostgebieten vertreten möchte. Ihnen sei, so die Argumentation der Gründer, bislang eine vollständige Wiedergutmachung für das zurückgelassene Eigentum versagt geblieben. Die polnische Republik und internationale Organisationen müßten in die Pflicht genommen werden, um die Forderungen der Betroffenen gegen die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion durchzusetzen. Die Initiative kommt spät, aber nicht zur unrechten Zeit. Wider Erwarten haben sich in den vergangenen Monaten die deutschen Vertriebenen in den Vordergrund gespielt. Obwohl ihre biologische Uhr längst abgelaufen sein sollte und sie in der Bundesrepublik eigentlich nie den Konsens mit der offiziellen Deutschland- und Außenpolitik verletzen wollten, irritieren sie plötzlich die europäische Öffentlichkeit. Sie belasten die Beziehungen zwischen Berlin und Prag. Mit der Kampagne für ein Zentrum gegen Vertreibungen stellen sie ihre Interessen in einen unverfänglichen, auch von Gutwilligen nicht ohne weiteres zu beanstandenden Zusammenhang. Da sie nicht einmal versuchen, deutsche Verbrechen durch den Hinweis auf ihr eigenes Schicksal zu relativieren, ist es um so mehr wichtig, sich ihnen auf ihrem ureigenen Terrain entgegenzustellen. Dies will nun der neue Verband polnischer Ostvertriebener. Er betont, daß die Deutschen, die einst die ehemaligen Ostgebiete des Hitler-Reiches geräumt haben, nicht als "Vertriebene" im eigentlichen Sinn anzusprechen sind. Sie hätten diese Regionen nämlich in Etappen verlassen – erst auf der Flucht vor der Front, dann auf der Grundlage internationaler Vereinbarungen. Ein Recht auf Entschädigung könne ihnen daher nicht zugebilligt werden. Die Koordinaten sind damit zurechtgerückt. Auch wenn viele leichtfertig davon reden, daß nach 1989 eine neue Epoche begonnen hätte, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, daß die 1945 etablierte Nachkriegsordnung immer noch das Fundament ist, auf dem das Europa von heute steht. Bereits die Wiedervereinigung stellte eine Belastung dar, die von unseren alten und neuen Freunden und Partnern kaum auszuhalten war. Es ist nun ein Gebot der Fairneß, ihnen weitere Probleme zu ersparen. Dabei reicht es keineswegs aus, die geschaffenen Fakten einfach zu akzeptieren. Man muß vielmehr verhindern, daß die Argumente, die für diese Fakten sprachen, nachträglich in Frage gestellt werden. Die Historisierung der Ereignisse am Ende und im Gefolge des Zweiten Weltkrieges darf nicht zu ihrer Delegitimierung führen.

Die Wortmeldung aus Polen wird in diesem Sinne einen wichtigen Beitrag leisten. Sie hat aber auch eine ganz pragmatische Facette. Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion werden zu einer finanziellen Leistung kaum imstande sein. Unser Land hat hier die Chance, zu seiner historischen Verantwortung zu stehen, indem es in die Bresche springt.

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