Erfolgsgeheimnis

Viele Menschen erheben in diesen Tagen die Stimme, um dem amerikanischen Aufmarsch gegen den Irak in den Arm zu fallen. Manche von ihnen mögen „Sleeper“ gewesen sein, die bloß auf einen billigen Anlaß gewartet haben, um die USA wieder einmal des Imperialismus zu bezichtigen. Den meisten jedoch dürfte weiterhin zu attestieren sein, daß sie den Boden der euro-atlantischen Wertegemeinschaft noch nicht ganz verlassen haben. Dies gilt sogar für Oskar Lafontaine. Er scheint aus seiner politikfernen Warte die amerikanischen Intentionen zwar nicht zu billigen – obwohl er sie durchaus begreift. Eine Tötung Saddam Husseins könne er sich jedoch – so seine in der ARD-Sendung „Friedman“ vertretene Auffassung – unter bestimmten Umständen als eine sinnvolle Lösung vorstellen. Es ist denkbar, daß sich Lafontaine seine Sensibilität für den Geist des nachsozialistischen Jahrhunderts zu erhalten vermochte, weil er aus einer fern zurückliegenden Marx-Lektüre noch im Hinterkopf hat, auf welchen Fundamenten die westliche Wertegemeinschaft errichtet wurde. Wir freuen uns heute zwar alle über die diversen demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien, die unsere europäische Identität ausmachen und uns mit unseren amerikanischen Freunden über alle Spannungen des Augenblicks hinweg verbinden. Wir verdrängen darüber aber zu leicht, daß es all das, worauf wir stolz sind, nicht umsonst gegeben hat. Ohne die Bereitschaft, Blut zu vergießen und dabei notfalls auch niedere Instinkte in den Dienst der guten Sache zu stellen, wäre es kaum möglich gewesen, die bürgerliche Demokratie in auch nur einem Land, geschweige denn auf unserem ganzen Kontinent zu etablieren. Ohne den Mut zu einer der physischen Vernichtung nahekommenden Ausbeutung von Lohnabhängigen wäre so manche unternehmerische Erfolgsgeschichte nicht geschrieben worden, und der Marktwirtschaft würde es an jenem Glanz fehlen, die sie heute zum Modell für die ganze Welt macht. Wir sollten den großen Gründergestalten der Moderne in Politik und Wirtschaft aber nicht bloß danken, daß sie durch ihre Grausamkeit gegenüber den Angehörigen der eigenen und fremder Gesellschaften die Grundlage für unser Leben in Freiheit und Wohlstand gelegt haben. Wir sollten auch versuchen, uns ihrer würdig zu erweisen. Der Glaube an die Evidenz unserer Ideale darf uns nicht blind dafür machen, daß manche sie nicht teilen wollen und daher in ihrem eigenen wie natürlich auch unserem Interesse zur Vernunft gebracht werden müssen. Der Irak-Krieg bietet den Europäern die Chance, nicht zuletzt sich selbst zu beweisen, daß sie den Herausforderungen des 21.Jahrhunderts gewachsen sind. Sie müssen bereit sein, sich von jenen Selbsttäuschungen zu verabschieden, die man einst brauchte, um im ideologischen Kalten Krieg bestehen zu können. Gewalt an sich ist in der internationalen Politik weder gut noch schlecht. Es kommt immer auf die Ziele an, die durch sie erreicht werden sollen.

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