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„Faktenfinder“-Artikel und Instagram-Beiträge der „Tagesschau“ mit den Corona-Karten
„Faktenfinder“-Artikel und Instagram-Beiträge der „Tagesschau“ mit den Corona-Karten Fotos: tagesschau.de / Instagram/tagesschau / JF-Montage

Rechtfertigungsversuch von „Faktenfinder“
 

Ob manipuliert oder nicht: „Tagesschau“ verwirrt mit Corona-Karten

Die „Tagesschau“ galt einst als „Lagerfeuer der Nation“. An diesen Status kam die ARD-Nachrichtensendung in der Corona-Krise fast wieder heran. Viele Deutsche wollten täglich die neuesten Infektionszahlen erfahren, den Streit zwischen Bund und Ländern eingeordnet bekommen, über die Situation in den Nachbarländern informiert werden. Die Zuschauerzahlen stiegen 2020 sprunghaft.

Doch was ist, wenn eben diese Zahlen manipuliert sind, um ein Angstnarrativ aufrecht zu erhalten? Das wäre ein Skandal. Die Betonung liegt auf „wäre“. Denn wie ein aktueller Fall zeigt, ist nicht immer gleich klar, ob und was wahr  ist und was gelogen. Anlaß sind zwei Grafiken der „Tagesschau“, die reichweitenstarke Twitter-Nutzer verbreitet hatten und für heftige Kritik an der öffentlich-rechtlichen Sendung sorgten.

Die „Tagesschau“ veröffentlichte auf ihrem Instagram-Kanal am 17. März und am 9. April jeweils eine Karte mit den Landkreisen, die farblich eingefärbt die sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz zeigt. Die Corona-Karte vom 17. März leuchtet orange bis hellrot, mit vereinzelten gelben Flecken. Die Grafik vom 9. April ist hingegen knall- bis dunkelrot, gelbe Felder sind nicht mehr vorhanden.

Explosionsartiger Anstieg der Inzidenzzahlen?

Auf den ersten Blick scheint es, als sei die Inzidenz innerhalb von rund drei Wochen explodiert. Wer der „Tagesschau“ auf Instagram folgt, und das tun immerhin drei Millionen Nutzer, und ihre Beiträge regelmäßig anschaut, der wurde damit in die Irre geführt und mußte annehmen, die Infektionszahlen seien rasant gestiegen und die entsprechenden Warnungen von Politikern und Wissenschaftlern damit berechtigt.

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Es sei denn, er schaute auf die Farblegende. Denn auch die änderte sich. War die Inzidenz bis 100 am 17. März noch orange eingefärbt, so schien sie am 9. April tiefrot aus den Smartphonebildschirmen. Auch wurden neue Klassen, z.B. „bis 35“ hinzugefügt und die Skala bei der jüngeren Grafik endete bei 200, die andere bei 500. Die Quellen- und Rechteangaben waren hingegen genauso wie das restliche Layout nahezu identisch.

Einsicht und Entschuldigung folgen erst unten

Die Inzidenzzahl lag am 17. März bei 86, am 9. April bei 110. Es gab also einen Anstieg, aber keinen explosionsartigen. Auf Twitter verbreiteten sich Manipulationsvorwürfe entsprechend schnell. Wohl auch deshalb sah sich das ARD-„Faktenfinder“-Ressort genötigt, einen Artikel dazu zu veröffentlichen. Der von dem Journalisten Patrick Gensing verfaßte Beitrag las sich jedoch eher wie ein PR-Artikel. Denn das aus „Tagesschau“-Sicht Unangenehme steht wie oft bei Pressemitteilungen ziemlich weit unten.

Im aktuellen Fall ist das die Einsicht, daß die Grafiken „für nachvollziehbare Verwirrung und Kritik gesorgt“ haben. Die Chefredaktion von „ARD-aktuell“, die für die „Tagesschau“ verantwortlich ist, wird mit den Worten zitiert: „Es tut uns leid, wenn die Verwendung der unterschiedlichen Grafiken zu Mißverständnissen oder Irritationen geführt hat.“ Es zeige sich, daß es sinnvoll sei, crossmedial einheitlich aufzutreten.

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Die Überschrift des Artikels lautet allerdings ganz anders. „Keine Manipulation bei Corona-Karten“, steht in großen Lettern auf der „Tagesschau“-Seite in der Rubrik „Faktenfinder“. Im Teaser wird betont, es habe zwar Verwirrung und Kritik gegeben, „eine Manipulation hat es aber nicht gegeben“.

Gensing erklärt in dem Beitrag, die Grafiken stammten zwar beide von „ARD-aktuell“, die mit der helleren Skala basiere aber auf Fernsehbeiträgen, die mit der dunkleren Skala auf der Inzidenzkarte von der Internetseite. Die Farbskala bei der neuen Karte sei nicht verändert, sondern lediglich aufgrund der steigenden Zahlen um weitere Klassen ergänzt worden.

Ob die Karten tatsächlich auf unterschiedlichen Grundlagen basieren – die eine nur für die Website, die eine für die TV-Sendung – läßt sich von Außen schwer beweisen, zumal die Karte mit der helleren Skala selten genutzt werde, wie der „Faktenfinder“ selber schreibt. Das ist jedoch auch nicht nötig, denn Fakt ist: Beide Karten wurden, ohne daß dies erklärt worden wäre, auf ein- und demselben Kanal veröffentlicht. Und die Farben waren, wie das Beispiel Inzidenz 100 zeigt, eben doch unterschiedlichen Werten zugeordnet.

„Tagesschau“ räumt Fehler ein und kündigt einheitliche Darstellung an

Im „Faktenfinder“-Artikel wurden die Screenshots der Instagram-Beiträge nicht vollständig gezeigt. Eingefügt war lediglich der Screenshot eines Twitter-Eintrags, bei dem die Farblegenden unten abgeschnitten sind. Warum die Entschuldigung der Chefredaktion sowie der Hinweis mit der „nachvollziehbaren Kritik und Verwirrung“ nicht weiter oben im Text steht, ist bislang unklar. Auf Nachfragen der JUNGEN FREIHEIT verwies eine „Tagesschau“-Sprecherin auf den Blog der Sendung. Dort räumt die Redaktion den Fehler ein und kündigt an, die Darstellung der Inzidenzkarte über alle Ausspielwege zu vereinheitlichen.

Daß der vermeintliche Erklärbeitrag vom „Faktenfinder“ am Ende doch nur wie ein PR-Artikel wirkt, aber kein guter ist, zeigen indes die Reaktionen darauf. Weil die Entschuldigung erst zum Ende hin kommt und Überschrift sowie Teaser im Stil „‘Tagesschau’ sagt: Die ‘Tagesschau’ hat recht“ daherkommen, vermuten nun zahlreiche Nutzer erst recht eine Manipulation und einen Vertuschungsversuch. Und die Bild-Zeitung greift diesen Unmut auf und titelt: „So dreist rechtfertigt die ‘Tagesschau’ ihre Corona-Karten.“

„Faktenfinder“-Artikel und Instagram-Beiträge der „Tagesschau“ mit den Corona-Karten Fotos: tagesschau.de / Instagram/tagesschau / JF-Montage
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