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Das kurdische Masada

Im Jahr 70 n. Chr. lag Jerusalem verwüstet darnieder, der Tempel war zerstört. Die jüdischen Widerstandskämpfer verschanzten sich in der Festung Masada, die bis heute als „letztes jüdisches Bollwerk gegen die römische Invasion einen hohen Symbolwert hat“, so die Online-Enzyklopädie Virtual Jewish Library.

Die Zeloten harrten erstaunliche drei Jahre lang auf dem schroffen Felsen mitten in der Wüste aus. Letztlich waren die tausend Männer, Frauen und Kinder der römischen Militärmacht mit ihren Rammböcken und Katapulten jedoch nicht gewachsen. „Laßt uns zum Schwert greifen, solange unsere Hände noch frei sind … Laßt uns sterben, bevor wir Knechte unserer Feinde werden müssen“, soll ihr Anführer Elazar Ben-Yair in einer aufrüttelnden Ansprache an sein Volk gefordert haben. Um sich ein „grausameres Schicksal“ zu ersparen, wählten die Zeloten lieber den Freitod, den ihre Religion ihnen eigentlich verbot. Im Jahr 2014 sollen irakische Jesiden in ihrer Verzweiflung ebenfalls bereits ihre eigenen Kinder getötet haben, wie die Zeitschrift Foreign Policy berichtet.

Bei dem Anblick, wie Jesiden von der sunnitischen Terrorgruppe Islamischer Staat immer höher in die unwirtliche Berglandschaft getrieben wurden, werden unweigerlich Erinnerungen an Masada wach. Die ethnischen Kurden, Angehörige einer uralten Sekte, deren Glaubenssätze und Bräuche sich bis nach Ninive und Babylon zurückverfolgen lassen, flohen vor dem vordringenden IS, der bereits „die dort lebenden Christen vertrieben, die Kreuze auf ihren Kirchen zerstört und ihnen die Todesstrafe angedroht hatte, wenn sie nicht bereit waren, eine Kopfsteuer zu zahlen“. Weiter heißt es in dem Foreign Policy-Bericht: „Die Jesiden wurden vor eine noch einfachere Wahl gestellt: Konversion oder Tod.“

Für die USA geht die Einheit des Irak vor

In Wirklichkeit blieb vielen Jesiden freilich keine andere Wahl, als zu konvertieren und zu sterben. In der Weltsicht des IS sind die Angehörigen dieses nicht-arabischen Volks wenig besser als Ungläubige. Und für die Regierung in Bagdad hat die Rettung dieser Minderheit im fernen Kurdistan – einer Region, die sich aus dem Sumpf des Irak befreien und unabhängig werden will – keine Priorität.

Zum weiteren Unglück der Kurden bleiben die Strippenzieher in Washington ihrer Phantasievorstellung eines (mit Gewalt) geeinten Irak unter einer starken (sektiererischen und korrupten) Zentralregierung verhaftet. Die amtierende US-Regierung fetischisiert die nationale Einheit des Irak genauso wie die vorherige. Die Iraker, so glaubt man in Washington, hätten nur dann Chancen auf eine bessere Zukunft, wenn sie im Gefängnis einer unglücklichen politischen Zwangsehe eingesperrt bleiben.

Schlimm genug, daß die USA Saddam in seinem monströsen Völkermordvorhaben an den Kurden mit Lieferungen von chemischen und biologischen Waffen, Pestiziden und Giftstoffen unterstützten – Präsident Bush bewilligte eine Geheimoperation der Special Forces zur Unterstützung der türkischen Vernichtungskampagne gegen die separatistische Kurdische Arbeiterpartei PKK: ein weiteres Beispiel für die amerikanische Unfähigkeit, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.

Könnte Israel nicht helfen?

Amerikanischen Versuchen, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen zu sabotieren, zum Trotz haben sich die Kurden als einzige Bevölkerungsgruppe im Irak gegenüber den USA konsequent loyal verhalten. Kurdische Peschmerga-Kämpfer unterstützten 2003 die Bush-Krieger, und im heutigen Irak blüht die monokulturelle Autonome Region Kurdistan als einzige Oase in der Demokratiewüste Irak, „wo die Wirtschaft boomt und Amerikaner beliebt sind“, wie jüngst im Journal „60 Minutes“ des US-Fernsehsenders CBS zu vernehmen war. „Nation-Building, wohin man auch blickt – die Kurden bauen Tag um Tag ihr Land. Hier gibt es mehr Kräne als Minarette und einen Ansturm auf Zement.“ Kein Wunder, daß die Kurden nichts mit ihren destruktiven Nachbarn zu tun haben wollen, die sie in der Vergangenheit verfolgt haben und sich nun gegenseitig umbringen.

Meine Frage lautet nun: Wo sind die Europäer, warum kommen sie den unschuldigen Jesiden nicht zu Hilfe? Qubad Talabani, der Repräsentant der Regionalregierung Kurdistan in den USA, bekräftigte gegenüber amerikanischen Medien, die uralte Sekte sei verloren, wenn es nicht gelänge, einen humanitären Korridor zu öffnen, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Kann nicht zum Beispiel der Vatikan das notwendige Bargeld und die Kreuzritter aufbringen, um den Jesiden den Weg aus dem Irak zu ebnen?

Und warum ist vor allem Israel nicht bereit, seinen Freunden im Nordirak aus ihrer Bedrängnis zu helfen? Die Kurden und die Israelis verbindet seit langem eine gegenseitige Loyalität. Anders als die USA unterstützt Israel die kurdische Unabhängigkeit. Erst kürzlich betonte der israelische Publizist Yossi Alpher in einem Beitrag für die in New York erscheinende Tageszeitung The Daily Jewish Forward die „starken Beziehungen auf der Grundlage ihres einzigartigen Status als nicht-arabische Völker, die im ‘arabischen’ Nahen Osten nach Unabhängigkeit streben“.

Rettungsaktionen für Zehntausende sind möglich

Wenn sie es denn nur wollten, wären die Israelis durchaus in der Lage, Lebensmittel und andere lebensnotwendige Vorräte abzuwerfen, Gegner ins Jenseits zu befördern und diese armen Menschen über eine Luftbrücke in Sicherheit zu bringen. Die Likud-Regierungen unter Menachem Begin und Jitzhak Schamir vollbrachten ähnliche Hilfeleistungen für insgesamt über 20.000 äthiopische Juden, die im Rahmen der Militäroperationen Moses (1984/85) und Solomon (1991) aus dem Sudan beziehungsweise aus Addis Abeba ausgeflogen wurden. Wie kann Israel der Tragödie des kurdischen Masada tatenlos zusehen?

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