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Architektur: Wie man das Bauhaus deutsch denkt

Architektur: Wie man das Bauhaus deutsch denkt

Architektur: Wie man das Bauhaus deutsch denkt

Umgeben von Bäumen stehen in Berlin zwei Häuser im Bauhaus-Stil
Umgeben von Bäumen stehen in Berlin zwei Häuser im Bauhaus-Stil
Errichtet im Bauhausstil: Die Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf. Foto: IMAGO / epd
Architektur
 

Wie man das Bauhaus deutsch denkt

Die AfD in Sachsen-Anhalt will dem Bauhaus-Kult ein neues Bekenntnis zu deutscher Bautradition entgegensetzen. Doch der Streit greift zu kurz: Nicht das Bauhaus war der Irrweg, sondern die Verwandlung seines experimentellen Geistes in ein ästhetisches Dogma.
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Bereits 2024 forderte die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Antrag „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“ eine Abkehr von der vermeintlich „einseitigen Glorifizierung“ der Architekturschule, die von Sachsen-Anhalt aus im 20. Jahrhundert ihren Siegeszug um die Welt antrat (JF berichtete). Im Regierungsprogramm zur Wahl am 6. September 2026 wirft sie dem Land vor, seine Identität zu stark aus diesem Erbe abzuleiten.

Weil sie der Gestaltungsschule nationale Verwurzelung abspricht, setzt die AfD der bisherigen Landesmarke #moderndenken ein #deutschdenken entgegen. Unter „Schöner bauen!“ fordert sie zugleich, öffentliche Neubauten sollten „anerkannte Bautradition“ und historische Identität aufgreifen, regionale langlebige Materialien bevorzugen und von einer Bevölkerungsmehrheit als schön empfunden werden.

Ein Blick auf die Landeskampagne zeichnet allerdings ein vielschichtigeres Bild: Zwar versteift sich die Landesregierung nicht einzig auf die Bauhausschule. Unter dem Signet #moderndenken liest sie Sachsen-Anhalts Geschichte vielmehr als Abfolge von Innovations- und Modernisierungsschüben, die von der Himmelsscheibe von Nebra über Luther bis in die Gegenwart reichen. Doch gerade diese Zusammenstellung wirft die Frage auf, warum wesentliche Teile deutscher Kultur- und Nationalgeschichte vornehmlich als Geschichte der Moderne erzählt werden. Der Streit zwischen #moderndenken und #deutschdenken gilt damit vor allem ihrem Deutungsrahmen. Damit verweist der AfD-Vorstoß auf eine Dimension, die im modernisierungsgeschichtlichen Zugriff der Landesmarke weniger deutlich hervortritt.

Das historische Bauhaus war keine einheitliche Stilmaschine

Entsprechend aufgeladen fiel das Echo aus. Drei Reaktionsmuster dominieren: Ein Großteil der Berichterstattung – von der Financial Times bis Reuters – zieht Parallelen zur nationalsozialistischen Bauhausfeindschaft und warnt vor kulturpolitischen Eingriffen und Mittelkürzungen. Andere Beobachter, etwa Jörg Lau in der Zeit, lesen die Debatte weniger als Architekturfrage denn als Symptom eines tieferen Kulturkampfes um nationale Identität und Erinnerungspolitik. Deutlich seltener sind Stimmen wie Thomas Schmid in der Welt, die eine fachlich und ästhetisch begründete Kritik an den Spätfolgen der Moderne jenseits parteipolitischer Grabenkämpfe für legitim halten. Geschichte erklärt Empfindlichkeiten. Sie beantwortet aber nicht, was an der Kritik baukünstlerisch einzulösen ist. Gerade deshalb darf die historische Parallele nicht zum Totschlagargument werden, das die Moderne gegen Kritik immunisiert.

Jenseits dieser Abwehrreaktionen legt der Vorstoß unter dem Titel „Schöner bauen!“ jedoch einen wunden Punkt frei, der weit über Architekturfachdebatten hinausreicht: Warum bringen Wettbewerbe, Hochschulen und Gestaltungsbeiräte so häufig eine Architektur hervor, die Fachleute akzeptieren, während große Teile der Bevölkerung sie als unattraktiv empfinden?

Das historische Bauhaus war keine einheitliche Stilmaschine, sondern ein hochdynamisches Experimentierfeld für avantgardistische Strömungen, die mit dem verknöcherten Akademismus in Bild- und Baukunst brechen und eine sozialpolitische Agenda gestalterisch umsetzen wollten. In keineswegs luftleerer Sphäre wurzelte das Werk, wies doch bereits die Benennung auf die mittelalterliche Bauhütte hin und vereinten die frühen Skizzen gotischen Geist, altüberlieferte Zunftordnung, ehrliche Handwerkskunst sowie den Aufruhr expressionistischer Gestalt.

Deutsch war daran gerade der Wille, nicht deutsch sein zu wollen

Erst 1923 manifestierte Walter Gropius den Wandel durch eine Hinwendung zur Rationalisierung und Serienproduktion. Fortan sollten Funktionalität, neue Materialien und die Verbindung von Kunst und Fertigung gute Gestaltung massentauglich machen: Licht und Luft, Hygiene und Heizung, Qualität und Alltagstauglichkeit sollten keine Privilegien sein. Das war kein Luxus, sondern ein soziales Versprechen. Hannes Meyers sozialideologischer Funktionalismus und Mies van der Rohes Reduktion von Architektur auf ihre konstruktive Essenz im Spannungsfeld von Stahl, Glas und edlem Stein zeigen, wie wenig sich das Bauhaus zu einer homogenen Lehre verdichten lässt. Gerade diese Spannweite trug zu jener radikalen, beinahe kathartischen Erneuerung von Architektur und Gestaltung bei, die weltweit wirksam wurde.


Auf Antrag der NSDAP beschloss der Dessauer Gemeinderat 1932 die Schließung; nach der Fortsetzung als Privatinstitut, einer Gestapo-Razzia und der endgültigen Auflösung 1933 verbreiteten emigrierte Bauhäusler ihre Ideen weit über Deutschland hinaus. So wurde aus einem deutschen Experiment ein Kulturexport von Weltrang. Darin liegt ein eigentümliches Paradoxon: Gerade eine Kultur, die im deutschen Idealismus das Allgemeine und Universale aus dem Besonderen zu denken suchte, brachte eine Architektur hervor, die ihre deutsche Herkunft geradewegs darin bewies, nationale Stilgrenzen überwinden zu wollen. Das Bauhaus gehört deshalb mitsamt seinem Universalismus zur deutschen Kulturgeschichte. Deutsch war daran gerade der Wille, nicht deutsch sein zu wollen. Eine Kulturnation erbt ihre Widersprüche. Ihre Geschichte ist ein Mosaik.

Der Irrweg begann beim Dogma

Das Bauhaus war nicht der Irrweg der Moderne. Der Irrweg begann dort, wo aus dem Experiment Bauhaus ein Dogma der Moderne wurde. Musealisieren heißt historisieren, nicht annullieren. Deshalb besteht die Gefahr, eine inkonsistente Jahrhundertchronologie zur monokausalen Wirkungskette zu verkürzen. Auf Seiten der Kritik wird eine Genealogie vom Bauhaus über Funktionalismus und Betonheroismus zu den gesichtslosen Nachkriegsstädten konstruiert. Befürworter des Bauhaus spiegeln diese Verkürzung als Erfolgsgeschichte aus Innovation, Exil und Weltruhm bis zur gegenwärtigen ästhetischen Unantastbarkeit. Beides greift zu kurz. Das Bauhaus ist architekturhistorisch weder der ostalgische Plattenbau noch die kriminogene Vorstadtsiedlung.

Seine Ideen flossen vielmehr in eine breitere europäische Bewegung ein, die mit Werkbund und Neuem Bauen begann und mit den Congrès Internationaux d’Architecture Moderne seit 1928 das städtische Leben autogerecht in Zonen zerlegte und die Zerstörung des Zusammenhangs Stadtplanung nannte. Serienbau und industrielle Fertigung waren zuerst keine Bauhaus-Ideologie, sondern eine Antwort auf Mangel: Kriegszerstörung, Bevölkerungswachstum und Wohnungsnot verlangten Obdach für Millionen. Die Moderne stellte zu einem günstigen Zeitpunkt ein wirksames Instrumentarium bereit. Sie siegte nicht zuletzt, weil sie sich leichter rechnen, wiederholen und bilanzieren ließ.

Das Werkzeug war nützlich; problematisch wurde seine institutionelle Verabsolutierung. Was als Versuch begonnen hatte, erstarrte über Generationen zur Verwechslung von Formlosigkeit mit der Gewissheit des Fortschritts. So wurde aus Methode Moral.

Architektur muss dem Leben dienen, nicht dem Katalogbild

Funktionen wurden getrennt, Straßenräume aufgelöst, die Stadt zunehmend vom Verkehr her gedacht. Mit Fassadenornamenten verschwanden vielerorts lokale Eigenarten, mit der Nutzungsmischung jene beiläufige Lebendigkeit. Schönheit und Geborgenheit ließen sich schwer messen – und gerieten gerade deshalb leicht unter Verdacht von sentimentalem Überschuss. Hier setzt auch die Kritik von Léon Krier an, einem Befürworter traditionalistischer Baukunst, der weniger die Moderne bekämpfte als ihren Monopolanspruch. Dass dieser Widerspruch älter ist als der heutige Kulturkampf, zeigten auf unterschiedliche Weise schon Brecht, Bloch oder Adorno mit ihrer Kritik. Architektur ist kein Designobjekt für Kollegen. Sie muss dem Leben dienen, nicht dem Katalogbild.

In ihrer Reduktion auf Fläche und Funktion löste die Moderne eine quantitative Wohnungsfrage – und erzeugte mancherorts eine qualitative Stadtbildfrage. Industrielle Vervielfältigung schuf nicht automatisch Straßen, Plätze und Häuser, in denen Menschen sich beheimatet fühlten. Man verwechselte die Abwesenheit von Dekor mit der Anwesenheit von Haltung. Doch wer dafür das Bauhaus zum historischen Hauptschuldigen erklärt, verwechselt Ursprung und spätere Dogmatisierung. Aus der Kritik an verordneter Moderne folgt noch keine verordnete Gegenmoderne.

Das Regierungsprogramm der AfD stellt dem Bauhaus als Chiffre der „Identitätslosigkeit“ eine staatlich definierte „anerkannte Bautradition“ entgegen. Doch warum sollte auf das modernistische Dogma ein traditionalistisches folgen?

Heimat lässt sich nicht importieren

Jahrzehntelang entstand eine Echokammer: Hochschulen lehrten, was Jurys prämierten; Jurys prämierten, was Gestaltungsbeiräte bestätigten; Gestaltungsbeiräte bestätigten, was längst als guter Geschmack galt. Wo ein selbstreferentielles System in beinahe psychiatrischer Geschlossenheit nur noch sich selbst bestätigt, wird aus ästhetischer Selbstgewissheit Inzucht: Der Formenkanon ist erschöpft, die Preise verleiht man sich gegenseitig – und selbst gestalterische Totgeburten finden noch ihre Jury. Diesen Kreislauf durch eine staatlich privilegierte Gegenästhetik zu ersetzen, wäre kein Befreiungsschlag. Ästhetischer Etatismus bleibt Etatismus – auch wenn er plötzlich Gesimse trägt.

Und „anerkannte Bautradition“ – anerkannt durch wen? Durch den Staat, die Architektenkammern, einen demoskopisch gemessenen Volksgeschmack? Romanik, Barock, Reformarchitektur – oder nicht auch das Neue Bauen? Wenn nach lokaler Verwurzelung gesucht und zugleich auf architekturpolitische Vorbilder jenseits des Atlantiks geschielt wird, wachsen nur die Widersprüche. Vergoldete Applikationen und monumentale Triumphbögen mögen Macht inszenieren; Ortsbindung erzeugen sie nicht. Heimat lässt sich nicht importieren.

Ein moderner Bau kann Stadt bilden

Die Alternative lautet nicht Bauhaus oder Tradition. Die Alternative lautet Pluralismus oder Dogma. Weltgeltung adelt keinen Entwurf. Fortschritt heiligt keine Form. Tradition übrigens auch nicht.

Die Aufgabe ist nicht Rückkehr, sondern Rückgewinnung: Licht, Hygiene und Rationalität ohne den Verlust von Maßstab, Handwerk und Kleinteiligkeit. Ein moderner Bau kann Stadt bilden. Eine klassische Fassade kann Kulisse bleiben. Ein weißer Kubus kann einen Ort schaffen. Entscheidend ist, ob Straßen noch führen, Fassaden noch sprechen und Plätze noch sammeln – oder ob Stadt zu Restflächen, Hüllen und Trassen zerfällt. Ob Häuser einen Ort stiften oder ihn bloß besetzen. Ob Menschen sich beheimaten oder lediglich unterbringen lassen.

Das Bauhaus gehört zu Deutschland

Das Bauhaus gehört Deutschland. Deshalb gehört auch die Kritik am Bauhaus zu Deutschland. Wer es kleinredet, verschenkt einen deutschen Welterfolg. Wer es sakralisiert, verrät seinen experimentellen Ursprung. Eine Avantgarde, die einst Götzen stürzen wollte, taugt schlecht zum goldenen Kalb, um das die Nachgeborenen ehrfürchtig kreisen. Vielleicht liegt gerade darin etwas zutiefst Deutsches: das Eigene nicht im beharrlichen Kreisen um sich selbst zu suchen, sondern im Drang, aus ihm auszubrechen. Vom deutschen Idealismus bis zum Bauhaus war Universalismus nicht die Verneinung des Eigenen, sondern dessen kühnste Hervorbringung.

Deshalb gehört das Bauhaus samt und sonders zu Deutschland und zu Sachsen-Anhalt. Ein Volk, das eine große Kultur besitzt, braucht keine Götzen.

Aus der JF-Ausgabe 35/26.

Errichtet im Bauhausstil: Die Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf. Foto: IMAGO / epd
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