Florian Illies ist ein Meister der Synopsis, also der Zusammenschau. Er stellte diese besondere Kunst erstmals in seinem Verkaufsschlager „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ unter Beweis und hat inzwischen zu einer Art Erfolgsmasche gemacht, was damals begann. Illies schreibt historische Miniaturen, die noch kleiner sind als die von Stefan Zweig, mit dessen „Sternstunden der Menschheit“ der Begriff der historischen Miniatur ja eigentlich assoziiert wird, und addiert sie zu einem Buch, bei dem es wegen der häufigen Szenenwechsel nie langweilig wird.
Zuletzt war ihm das bei „Liebe in Zeiten des Hasses“ (JF 5/22) hervorragend gelungen. Und mit der Zeit, der er sich damals angenommen hatte – dazwischen erschien 2023 noch ein Buch über Caspar David Friedrich (JF 36/24) –, bekommt es der Leser auch in seinem neuen Erfolgsbuch „Wenn die Sonne untergeht“ zu tun. Im Blickpunkt steht – der Untertitel „Familie Mann in Sanary“ verrät es – der wohl schillerndste deutsche Romancier des letzten Jahrhunderts: Thomas Mann.
„Wenn die Sonne untergeht in Sanary, dann sieht man manchmal, ganz hinten am Horizont, da, wo der Balken des graublauen Wassers auf die Decke des blaugrauen Himmels trifft, große dunkle Schatten“, und „wenn die Sonne untergeht, sitzen sie friedlich nebeneinander an den Tischen der Cafés und Bistros, und manchmal wechseln sie sogar ein erstes freundliches Wort miteinander.“ Aber auch: „Wenn die Sonne untergeht, binden sie sich die Arme ab und spritzen sich Heroin.“
Klaus und Erika sind es, denen die Sympathien des Autors gelten
Die Sonne geht also häufiger unter in dem biographischen Bericht von Florian Illies, und das ist natürlich auch als Symbol für das Schicksalsjahr 1933 aufzufassen. Mal blicken Katia, Thomas und die kleineren Kinder Elisabeth und Michael von der vorübergehend in Sanary-sur-Mer gemieteten Villa La Tranquille aufs Meer, mal geht es um die anderen Exilanten, das sind die in den Bistros und Cafés – Aldous Huxley, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, René Schickele, um nur die prominentesten zu nennen –, und mal geht es um die großen Kinder Klaus und Erika, beide homosexuell, beide dem Rauschgift ins Fangnetz gegangen, das bei Illies schönfärberisch Droge genannt wird, weil man ja Verständnis haben muss für die durch das NS-Unrechtsregime Entwurzelten und sie für ihren unverantwortlichen Lebenswandel nicht auch noch zusätzlich tadeln möchte.
Gerade Klaus und Erika sind es nämlich, denen die Sympathie des Autors gilt, eines typischen Vertreters des linksliberalen Politkonsenses der Gegenwart mit seiner monstranzhaft vorgenommenen Verneigung vor dem, was heute unter dem Modewort „queer“ subsumiert wird. Klaus und Erika sind schon 1933 so modern, wie alle sein sollten, meint man aus Illies’ Tonfall herauszuhören. Doch beide starben früh.

Erika hat in München gerade das Kabarett „Pfeffermühle“ zum Laufen und mit ihren kreativen Darbietungen das Publikum zum Toben gebracht. In Zürich will sie das Projekt fortführen. Im gleichen Geist bemüht sich Klaus um die Herausgabe einer neuen, auf die Bedürfnisse der Emigranten zugeschnittenen Literaturzeitschrift mit dem Titel Die Sammlung.
„Man muss das nicht Verklemmtheit nennen“
Sie soll im Amsterdamer Querido-Verlag erscheinen. Beide emanzipieren sich, auch räumlich, von ihren Eltern, sind am Mittelmeer nur zu Gast. Lieber halten sie sich in Paris bei den weniger betuchten Exilanten auf. Dabei haben sie den Urlaubsort entdeckt: Schon 1931 erschien in der Reihe „Was nicht im ‘Baedeker’ steht“ ihr Riviera-Reiseführer, in dem auch Sanary kurz Erwähnung findet.
Weniger Verständnis als Klaus und Erika erntet ihr Vater, Leistungsethiker Thomas, der sich dagegen entschied, seine homoerotische Neigung auszuleben, sie lieber zu Kunst sublimierte: „Man muss das“, schreibt Illies, „nicht Verklemmtheit nennen“, und der Leser versteht: Aber man kann es.
Im Februar 1933 geht Heinrich Mann nach Frankreich
Dass der ehemalige FAZ-Redakteur den Autor der „Buddenbrooks“ mit derselben Ironie verspottet, die dessen Markenzeichen war, indem er TM-typische Vokabeln wie „Behagensminderung“ nun gegen ihn wendet, das hat natürlich seinen Witz. Noch weniger Verständnis als der Lübecker Leidenschaftsskeptiker ernten die als Repräsentanten des neuen Ungeistes eingestuften Dableiber Ernst Jünger und Gottfried Benn. Mit letzterem, karikiert als „Stabstrompeter der Nazis“, ärgert sich Klaus Mann herum, ersterer ist Gegenstand eines Essays von Golo.

Gegenstand der Synopsis ist, in wiederkehrenden Exkursen, selbstverständlich auch Heinrich Mann, der ebenfalls an der Côte d’Azur landet. Er, der wie sein Neffe Klaus, wie seine Nichte Erika entschiedener gegen die Braunhemden agitiert hatte als sein kleiner Bruder, sieht sich nach der Machtergreifung von Anfang an großer Gefahr ausgesetzt und überschreitet weise vorausblickend bereits am 21. Februar 1933, trickreich getarnt als argloser Tagestourist, die Grenze zu Frankreich. Nun gilt es nur noch, seine Lebedame und Lebensgefährtin, die 35jährige Nelly Kröger, nachzuholen, die in Berlin in die Fänge der Gestapo gerät und der darum Heinrichs größte Sorge gilt.
Sein Bruder Thomas sorgt sich dagegen, so stellt es Illies in seiner zwischen Rekonstruktion und Interpretation schwankenden Auswertung von Briefen, Tagebüchern und anderen Zeitdokumenten dar, weniger um Menschen und mehr um seine in München verbliebenen Privatnotizen. Es quält ihn bereits in der Schweiz eine Art Dauerpanik, die geheimen Details seines Lebens, die er den Heften anvertraut hat, könnten den Nationalsozialisten in die Hände fallen und ihn so für alle Zeiten diskreditieren. Immerhin: Das Manuskript zu „Joseph und seine Brüder“ kann gesichert werden, die Arbeit daran weitergehen, sofern die Nerven mitspielen.
Eine Urlaubsreise nach Arosa schließt sich an
Minutiös folgt der Mitherausgeber der Zeit der Chronologie der Ereignisse, konzentriert sich auf die kurze Zeitspanne von Februar bis September 1933, die für die Familie Mann wie für viele Gleichgesinnte einen epochalen Umbruch bedeutete, einen Bruch mit Rechtsnormen, sittlichen Normen, kulturellen Normen. Dazu gehört beispielsweise, dass binnen weniger Wochen das Eigentum von Thomas und Katia Mann, ihre großzügig angelegte Villa in München und auch das auf deutschen Konten liegende Geld, beschlagnahmt wird. An diesem Einzelschicksal wird noch einmal die ganze Perfidie des totalitären Grundgestus deutlich, der 1933 in Deutschland Einzug hielt. „Hitlerismus“ nennen ihn Thomas Mann und andere skeptische Dichter und Denker jener Zeit, die sich ebenfalls bald im Exil wiederfanden.
Die Ereignisse, die zu diesem Exil führen sollten, überraschen Thomas und Katia während einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris. Der Schriftsteller referiert zu „Leiden und Größe Richard Wagners“. Eine Urlaubsreise nach Arosa schließt sich an. Dort verlängert sich der Urlaub ungeplant und unbefristet, weil in die sichere Schweiz immer entschiedenere Warnungen vor dem Wagnis dringen, nach Deutschland zurückzukehren. Kurzzeitig weichen die Manns aus nach Lugano, wo Kollege Hermann Hesse sein Domizil hat, dann folgen sie der Empfehlung von Klaus und Erika und wählen Südfrankreich als Übergangsort.
Mit heutiger Moral aufs Gestern schauen
Sohn Golo, der eigentlich als Student in Göttingen kurz vorm Examen steht, muss in geheimer Mission von München aus Geld und Vermögenswerte retten, die ebenfalls erwachsene Tochter Monika Berlin verlassen. Klaus und Erika sondieren das Terrain in Südfrankreich und lotsen ihre Eltern mit den kleineren Geschwistern schließlich über die Stationen Le Lavandou und Bandol nach Sanary-sur-Mer unweit von Toulon. Dort wird der Sommer verbracht, dessen Rekonstruktion Illies gekonnt mit Anekdoten zu würzen versteht, ehe er in einem Epilog darauf eingeht, wie es für die einzelnen Mitglieder der Familie Mann weiterging.
Das alles schildert der Mittfünfziger in weitgehend schnörkellosen, klaren und zugleich von einem Hauch Sarkasmus durchwehten Sätzen, die das Lesen zum kurzweiligen Vergnügen machen. Und natürlich profitiert man immens von der Fülle an Details, die der tief schürfende Autor zusammengetragen hat. Wer weiß schon, dass Thomas Mann von seiner Frau und seiner Schwiegermutter „Reh“ genannt wurde und Walt Disneys Idee zu Bambi einem Bankett in Harvard zu verdanken ist, bei dem der bekannte Literat dem Filmproduzenten den gleichnamigen Roman von Felix Salten ans Herz legte?
Das bereichert, das gefällt – auch wenn mancher sich stören mag am Hochmut des Heutigen im Urteil über die Geschichte Gewordenen, den man dem Buch abzuspüren meint, wenn sein Verfasser mit dem Blick und den moralischen Standards von heute, obwohl auch sie nur Moden und Trends geschuldet sind, auf die Vergangenheit zurückschaut (vgl. Forum JF 23/26).
Ein „reduzierter, verwilderter und gemeinbedrohlicher Geisteszustand“
Wie zuvor bei „Liebe in Zeiten des Hasses“ sind die Anfänge der NS-Diktatur das historische Hintergrundrauschen von „Wenn die Sonne untergeht“. Es mag nicht das primäre Interesse von Florian Illies gewesen sein, doch – und das ist ein weiterer Pluspunkt – sein Buch schärft auch den Blick dafür, dass in den Augen vieler die Sonne in Deutschland gerade wieder untergeht. Es lädt ein zu Vergleichen mit der Gegenwart, etwa wenn „über allen öffentlichen Gebäuden der Stadt“ auf einmal eine Fahne „weht“, die gar nicht die Fahne der Republik ist, sondern die einer totalitären Bewegung mit großem Zulauf seitens einer politisierten Zivilgesellschaft, oder wenn Thomas Mann seinem Land einen „reduzierten, verwilderten und gemeinbedrohlichen Geisteszustand“ attestiert.
Die heute wieder grassierende Cancel-Kultur und die ihr in der Regel vorgelagerten medial entfesselten Entrüstungsstürme („Shitstorms“) entlarvt Illies’ akribisch recherchierte Anatomie einer Ausgrenzung nämlich als urfaschistisches Phänomen, welches bereits vor knapp hundert Jahren dafür sorgte, dass ein international geachteter Literaturnobelpreisträger den Rotary Club München verlassen und eine Mobbing-Aktion der Stadt ertragen musste – wegen angeblicher Verunglimpfung des bayerischen Säulenheiligen Richard Wagner.
Protokollauszug: „Rotary stellt sich in den Dienst einer neuen nationalen Erhebung.“ Wenn man nur die Begriffe austauschen muss – streiche „nationale Erhebung“, setze „Diversität und Vielfalt“ –, um unmittelbar im Hier und Jetzt zu landen, kommt man zu einem beklemmenden Befund: Deutschland hat sich wenig geändert. Oder mit den Worten des berühmten Lübeckers: „Ja, die Welt ist voll bösartiger Dummheit, vielleicht sollte man sich daran gewöhnen.“





