BERLIN. Die Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprechen eine eindeutige Sprache: Die Deutschen werden immer kränker. 2006 meldeten sie sich noch an durchschnittlich 13 Arbeitstagen krank, 2019 waren es schon 20, und aktuell ist der Wert auf 25 gestiegen. Das ist absoluter Europarekord: In den übrigen Ländern des Kontinents liegt der Schnitt bei 14 Tagen.
Das wirft die Frage auf: Ist das Leben in Deutschland ungesünder als anderswo? Oder ist es für die Deutschen zu einfach, sich arbeitsuntauglich schreiben zu lassen? Seit der Corona-Zeit genügt ein Anruf beim Arzt, um sich für fünf Tage, also eine ganze Arbeitswoche, aus dem Verkehr ziehen zu lassen.
Das lädt zum Mißbrauch ein: Niemand muß in der Praxis vorsprechen. Der Patient erklärt dem Mediziner, daß er sich unwohl fühlt, der gibt noch ein paar Tipps zum Gesunden, und schon hat man eine Woche bezahlten Urlaub. Natürlich ist das der Extremfall. Doch der unverhältnismäßig hohe Krankenstand in Deutschlands Unternehmen muß eine Ursache haben.
Warken will telefonische Krankschreibung abschaffen
Zunächst hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) das Thema beklagt und als einen zusätzlichen Grund für Deutschlands sinkende Wettbewerbsfähigkeit genannt. Er hatte zunächst nur von 14,5 Tagen gesprochen. Doch darin waren, wie er sich später korrigierte, die kurzfristigen Krankmeldungen von ein oder zwei Tagen nicht dabei.
Seine Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte nun an, die Regeln für die Krankschreibung zu überprüfen. „Wir brauchen praktikable Lösungen“, sagte sie dem Tagesspiegel. Die „niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung“ könne „mißbräuchlich ausgenutzt werden“.
Als diese 2021 eingeführt wurde, sollten die Ärzte entlastet und das Ansteckungsrisiko mit Covid in Wartezimmern reduziert werden. Doch die Maßnahme wurde nicht mehr zurückgenommen. 2023 beschloß die Regierung auf Initiative von Warkens Vorgänger Karl Lauterbach (SPD), sie dauerhaft einzuführen – mit verheerenden Folgen für die Arbeitgeber. Selbst von notorischen Blaumachern können sie sich nicht trennen, weil der Kündigungsschutz hohe Grenzen setzt.
Lauterbach spricht von „Schikane“
Lauterbach nannte nun die Pläne, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen, „eine Schikane“. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi (SPD) sekundierte: „Das ist kompletter Unsinn und ehrlich gesagt auch ein unanständiger Generalverdacht gegenüber den Beschäftigten, die sich krank melden.“
Der Gesundheitsminister von Rheinland-Pfalz, Clemens Hoch (SPD), forderte zudem, verpflichtende Krankschreibungen, die bisher nach drei Tagen gelten, erst nach zwei Wochen Fehlzeit verpflichtend zu machen (die JF berichtete).
Erschwerend für die Arbeitgeber und erleichternd für die Arbeitnehmer kommt eine weitere spezielle deutsche Regel hinzu: In den ersten sechs Wochen erhalten krankgeschriebene Beschäftigte von ihren Unternehmen eine hundertprozentige Lohnfortzahlung. Das von der Krankenversicherung gezahlte Krankengeld läuft danach bis zu 72 Wochen weiter.
Die Statistiken zeigen: Andere Länder mit weniger Lohnfortzahlung und sogenannten Karenztagen, also Krankheitstagen, an denen zunächst kein Geld gezahlt wird, registrieren weit weniger Krankmeldungen. (fh)





