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Buchrezension: Norbert Bolz und der Kampf um die Vielfalt der Meinungen

Buchrezension: Norbert Bolz und der Kampf um die Vielfalt der Meinungen

Buchrezension: Norbert Bolz und der Kampf um die Vielfalt der Meinungen

Ein Mann sitzt mit zusammengefalteten Händen und nachdenklichem Blick dar: es ist der Publizist Norbert Bolz
Ein Mann sitzt mit zusammengefalteten Händen und nachdenklichem Blick dar: es ist der Publizist Norbert Bolz
Der Publizist Norbert Bolz sorgt sich um unser Verhältnis zur Normalität. Foto: picture alliance/dpa | Horst Galuschka
Buchrezension
 

Norbert Bolz und der Kampf um die Vielfalt der Meinungen

Ein ironischer Tweet – und um sechs Uhr morgens steht die Polizei vor der Tür: Der Fall Norbert Bolz zeigt, wie brüchig die Meinungsfreiheit in Deutschland geworden ist. In seinem neuen Buch seziert der Medienwissenschaftler die „zerstörte Normalität“ einer Gesellschaft, die abweichende Stimmen zunehmend kriminalisiert.
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Von Winston Churchill ist das Bonmot überliefert, man lebe in einer Demokratie, wenn man sich sicher sein könne, daß es der Milchmann ist, wenn es morgens um sechs an der Tür klingelt. Ob der Publizist und emeritierte Professor für Medienwissenschaften Norbert Bolz an den britischen Staatsmann denken mußte, als es am frühen Morgen des 23. Oktober dieses Jahres tatsächlich an seiner Tür klingelte? (JF berichtete) Vier Polizisten teilten ihm mit, daß die Staatsanwaltschaft Berlin aufgrund der „Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ ein Ermittlungsverfahren gegen ihn in Gang gesetzt habe.

Bolz’ Vergehen: Im Januar 2024 hatte er auf den Tweet der taz „AfD-Verbot und Höcke-Petition: Deutschland erwacht“ geantwortet: „Gute Übersetzung von ‘woke’: Deutschland erwache!“ Daß die SA-Parole „Deutschland erwache“ in diesem Kontext ironisch gemeint ist, liegt auf der Hand. Es war jedoch schon immer ein Wesensmerkmal totalitärer Systeme, erbarmungslos gegen Humor und Ironie vorzugehen, da sie das entlarvende Potential eines guten Witzes, einer gelungenen Pointe fürchten.

Vielleicht hat Bolz die vier Beamten um etwas Geduld gebeten und zu einem Exemplar seines jüngsten Buches „Zurück zur Normalität“ gegriffen, um ihnen folgende Passage passend zum Gebaren übergriffiger Staatsgewalt vorzulesen: „Da niemand weiß, wo die ‘Haßrede’ beginnt, haben wir es mit einer despotischen Maßnahme zu tun, die den Eindruck vermittelt, alles, was nicht der Regierungslinie entspricht, werde als ‘rechtsextrem’ behandelt. (…) Man braucht schon sehr viel Mut, um hier dagegenzuhalten. Denn die politisch-mediale Elite beläßt es nicht mehr bei der Diskriminierung abweichender Meinungen. Jetzt droht die Kriminalisierung.“

Abertausende sind diesen staatlichen Drangsalierungen ausgesetzt

Bolz mag sich über die kostenlose Öffentlichkeitsarbeit, die die Berliner Staatsanwaltschaft ihm und seinem Buch hat zuteil werden lassen, gefreut haben. Er selbst hat unmittelbar nach dem Hausbesuch süffisant getwittert, er habe den Beamten versprochen, ab jetzt nur noch über Bäume zu sprechen.

Doch auch wenn sich diese Episode für Bolz’ Reputation und die Verkaufszahlen seiner Bücher positiv entwickeln wird, steht sie stellvertretend für eine brandgefährliche Entwicklung. Abertausende Menschen sind mittlerweile den gleichen staatlichen Drangsalierungen in Form von Hausdurchsuchungen wegen Meinungsdelikten ausgesetzt.

Die freie Meinungsäußerung gilt in Deutschland nur noch unter dem Vorbehalt politischer Wohlgefälligkeit und wird zunehmend rabiat im Zusammenspiel von Politik, Justiz, Medien und staatsfinanzierter NGOs bekämpft. Wie es dazu kommen konnte, ist das Thema von „Zurück zur Normalität“, welches nicht nur aufgrund der persönlichen Erlebnisse des Autors uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Bolz: „Wokeness ist das Krankheitsbild der zerstörten Normalität“

Normalität als Kategorie definiert sich nicht von selbst: „Normal ist, was sich von selbst versteht und nicht erst ausgehandelt oder gerechtfertigt werden muß“, nähert sich Bolz dem zentralen Begriff seines Buches an. Obwohl eine genaue Definition schwierig sei, gebe es eine Begriffsfamilie, die sich um das Konzept der Normalität herum gruppiere: „Gewohnheit, Institution, Selbstverständlichkeit (…), Tradition, Vorurteil, Vertrauen, Erfahrung, Bürgerlichkeit“. Eine normale Gesellschaft folgt dem konservativen Credo, daß es das Neue ist, welches sich dem Althergebrachten gegenüber zu rechtfertigen hat, und nicht umgekehrt. Bolz’ Orientierung an der Institutionenlehre Arnold Gehlens ist hier unverkennbar.

Norbert Bolz: Zurück zur Normalität. 256 Seiten, Langen-Müller-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Norbert Bolz: Zurück zur Normalität. 256 Seiten, Langen-Müller-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Vor allem seit der Kulturrevolution von 1968 hat das Überlieferte im sogenannten Westen einen schweren Stand. Seit den 1990er Jahren radikalisierte sich ausgehend von den USA diese traditionsfeindliche Bewegung in Gestalt der Wokeness, deren finales Stadium wir gerade erleben. „Wokeness ist das Krankheitsbild der zerstörten Normalität“, schreibt Bolz, zu dessen Stärken das verdichtete Formulieren komplexer Sachverhalte gehört. Ein zentrales Merkmal der woken Ideologie ist die Verabsolutierung des individuellen Identitätsentwurfs. Begrenzungen jedweder Art, etwa durch einen traditionellen Sittenkanon, religiöse Gebote oder schlicht die Biologie des Menschen, werden als Diskriminierung empfunden, öffentlich markiert und zunehmend juristisch verfolgt.

Für die Demokratie ist nur Meinungsdiversität konstitutiv

Normalität als Gegenbegriff zur Wokeness zu etablieren ist so naheliegend wie genial. Bolz beschränkt sich nicht auf eine Beschreibung der krassesten Absurditäten des progressiven Zeitgeistes. Sein Fokus liegt auf dem gesamtgesellschaftlichen Flurschaden, den eine Hinwendung von normal zu woke mit sich bringt: „Wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr zutraut, verbindlich zu sagen, was gut, recht und richtig ist, muß sie eine absolute Toleranz gegenüber beliebigen Meinungen über das, was gut, recht und richtig ist, entwickeln und alle Kulturen in ihren Eigenarten gleichermaßen respektieren. Es bleibt dann nur noch ein absoluter Wert übrig: Diversität.“

Diese Diversität ist neben der heilsgeschichtlichen Überhöhung des Klimawandels der Geßlerhut, den heute jeder zu grüßen hat, der zu den „Demokraten“ gehören will. Die einzige Diversität jedoch, die für eine Demokratie konstitutiv ist, die Meinungsdiversität, ist für das linksliberale Milieu nur noch ein störendes Überbleibsel einer angeblich patriarchal-rassistischen Vergangenheit, die überwunden werden müsse. Es wird als Treppenwitz in die Geschichte eingehen, daß die erfolgreichste Uniformierung der veröffentlichten Meinung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter dem Schlachtruf der Diversität erfolgt ist.

„Nein danke, ich bin normal“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dichtete Hölderlin einst, und für Bolz ist das Rettende eine Rückkehr zur Normalität, die in einer „Wiedergeburt der Bürgerlichkeit“ zu finden sei. Die größte Provokation heute besteht in einer bürgerlich-normalen Lebensführung, die sich an den Herausforderungen des Alltags orientiert, eingebettet in ein größeres Ganzes durch den überlieferten Traditionsbestand unserer Vorfahren und stets mißtrauisch diesseitigen Heilsversprechen gegenüber, die verläßlich in den Untergang geführt haben. Ein normales Leben bevorzugt das Eigene gegenüber dem Fremden, das Bewährte gegenüber dem Neuen, das Konkrete gegenüber der Utopie.

Bereits in seinem 2023 veröffentlichten Buch „Der alte weiße Mann“ attestierte Bolz einen von Ressentiment getriebenen Feldzug der Progressiven gegen alles Bürgerliche. Mit der nun neu aufgeladenen Kategorie der Normalität gibt Bolz seinen Lesern eine mächtige Waffe in die Hand. Denn nichts provoziert den Zeitgeist mehr als die Weigerung, sich an den penetranten Vielfaltsritualen der Gegenwart zu beteiligen, freundlich zum Ausdruck gebracht mit den Worten: „Nein danke, ich bin normal.“

Aus der JF-Ausgabe 51/25.

Der Publizist Norbert Bolz sorgt sich um unser Verhältnis zur Normalität. Foto: picture alliance/dpa | Horst Galuschka
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