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Ukrainekrieg: Nachtangriff auf Kiew – zwischen Sirenen, Feuertod und Hochzeiten

Ukrainekrieg: Nachtangriff auf Kiew – zwischen Sirenen, Feuertod und Hochzeiten

Ukrainekrieg: Nachtangriff auf Kiew – zwischen Sirenen, Feuertod und Hochzeiten

Ukraine-Krieg: Am nächsten Morgen sind die Spuren des Luftangriffs in Kiew zu sehen.
Ukraine-Krieg: Am nächsten Morgen sind die Spuren des Luftangriffs in Kiew zu sehen.
Am nächsten Morgen sind die Spuren des Luftangriffs in Kiew zu sehen. Foto: Vogel
Ukrainekrieg
 

Nachtangriff auf Kiew – zwischen Sirenen, Feuertod und Hochzeiten

In Kiew hat sich im dritten Jahr des Ukraine-Krieges eine morbide Normalität etabliert. Während am Tag das zivile Leben routiniert abläuft, erhellen in der Nacht Bombenexplosionen und Flakfeuer den Nachthimmel. Für die JUNGE FREIHEIT berichtet Ferdinand Vogel aus dem Kriegsgebiet.
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Die Sonne war gerade über dem Maidan versunken, als auf den Telegram-Warnkanälen erste Meldungen über russische Bomber erschienen. Tu-95, gestartet von russischen Militärflugplätzen, formierten sich in Richtung Ukraine. Kurz nach 23 Uhr ertönte der Luftalarm – nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Dnipro, Poltawa und zahlreichen weiteren Regionen. Wenige Minuten später waren Dutzende iranischer Shahed-Drohnen auf Kurs und die Warn-Apps schrillten auf den Handys los.

Bis dahin hatte das Zentrum von Kiew kaum an Krieg erinnert. Junge Menschen flanierten über die breiten Boulevards der Chreschtschatyk, Cafés waren gefüllt, in den Parks spielten Kinder und Liebende küßten einander unter mit Efeu überwachsenen Steintoren. Die Terrassen der Lokale waren voll. Erst die überquellenden Tafeln auf dem Maidan, Porträts der Gefallenen, eingerahmt von Blumen, Kerzen und Fahnen, und die unzähligen Reklametafeln für die Streitkräfte erinnerten daran, daß sich das Land seit über drei Jahren im Verteidigungskrieg gegen Rußland befindet (JF berichtete).

Ukrainisches Werbeplakat für die Armee, aufgenommen in der Kiewer Metro.
Ukrainisches Werbeplakat für die Armee, aufgenommen in der Kiewer Metro. Foto: Vogel

Kurz nach 23 Uhr jedoch leerte sich die Stadt beinahe abrupt. Menschen verschwanden in Kellern, Schutzräumen oder tief hinab in die Metrostationen, die längst zu Rettungsinseln geworden sind. Andere eilten nach Hause, Türen schlugen zu, das Straßenbild erstarb, Rollos wurden heruntergerollt, Vorhänge zugezogen. Die prächtigen Straßen lagen plötzlich verlassen da, nur vereinzelt fuhren noch Polizeifahrzeuge mit Blaulicht über die leeren Kreuzungen. Die Straßenlaternen beleuchteten eine gespenstische Szenerie, als hätte die Stadt im Bruchteil einer Sekunde den Atem angehalten.

Zu viele Drohnen kommen durch

Auf die Stille der folgenden Stunde legte sich ein bedrückendes Gefühl: die Ruhe vor dem Sturm. Dann folgten erste dumpfe Schläge am Horizont, Abfangversuche weit vor den Toren der Stadt. Der Himmel über Kiew begann zu knistern. Feuerrote Leuchtspurmunition zog Linien durch die Dunkelheit, Flugabwehrstellungen erwachten zum Leben. Die Verteidigung der Hauptstadt erfolgt in mehreren Ringen: mobile Systeme weit außerhalb, weitere Batterien im Umland und schließlich getarnte Stellungen auf freien Flächen im Stadtgebiet.

Hier beginnt in solchen Nächten die Schicht der Soldaten, deren Aufgabe es ist, im Sekundenbruchteil auf die Schatten im Himmel zu reagieren. Denn die Shaheds dröhnen wie gedrosselte Motorräder, wenn sie näherkommen.  Mit ihnen fliegen viele Attrappen ohne explosive Ladung, um Radare zu täuschen und ukrainisches Abwehrfeuer auf sich zu lenken. Viele werden abgefangen, bevor sie die Stadt erreichen. Doch manche durchstoßen die erste Verteidigungslinie und tauchen direkt über den Dächern Kiews auf.

Manchmal, wenn man genau hinschaut und Glück hat, kann man ihre schemenhaften schwarzen Silhouetten wie Schatten über die Häuser schweben sehen. Wie große pechschwarze Umhänge von Reitern. Und plötzlich blitzt aus einem Park oder einer Brache ein Flugabwehrsystem auf, feuert mehrere Sekunden lang, dann verschwindet es wieder. Jeder Schuß ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn die feindlichen Drohnen sind nur für wenige Sekunden im Schußfeld der ukrainischen Verteidiger. Einige Drohnen stürzen nach Explosionen brennend ab, ihre Wracks krachen auf Straßen und Höfe. Aber zu viele kommen durch.

Luftangriff auf Kiew dauert bis zum Morgengrauen

Zwischen ein und drei Uhr morgens erhellen orangerote Feuerbälle den Himmel über Kiew. Einschläge. Mal ein Stromverteiler, mal ein Wohnblock. In dieser Nacht trifft es unter anderem ein Wohnhaus in der Boryspilska-Straße im Stadtteil Darnytskyj. Mehrere Shahed-Drohnen und Kinschal-Raketen schlagen ebenfalls in Wohngebieten ein. Feuer bricht aus, Sirenen der Rettungskräfte heulen durch die Nacht. Feuerwehrkolonnen rasen durch menschenleere Straßen, Polizei sperrt ganze Straßenzüge ab. Der Angriff endet nicht. Bis zum Morgengrauen, fast in regelmäßigen Intervallen, tauchen neue Drohnenwellen auf. Alle zehn, zwanzig Minuten wird die Stille von grollenden Motoren, Flakfeuer oder Explosionen unterbrochen. Erst mit dem ersten Licht erlischt der Dauerangriff.

Anwohner nach dem Luftangriff, darunter eine Großmutter mit Enkelkind im Arm.
Anwohner nach dem Luftangriff, darunter eine Großmutter mit Enkelkind im Arm. Foto: Vogel

Am Morgen wirkt die Stadt zerrissen. Auf dem Maidan läuft das Leben scheinbar normal an. In den Boulevards der Altstadt posiert eine junge Braut vor einem Fotografen. Die Hochzeit ist bezahlt, das Leben muß weitergehen. Studenten eilen zu den Vorlesungen, Büroangestellte fahren mit der Metro, Marktstände öffnen ihre Rolltore. Kiew atmet, als sei nichts geschehen.

Doch nur wenige Kilometer entfernt zeigt sich ein anderes Bild. In der Boryspilska-Straße fehlen ganze Stockwerke eines Wohnblocks. Hunderte Anwohner, erschöpft, weinend, fassungslos, stehen vor den Trümmern. Feuerwehr und Polizei arbeiten Seite an Seite, Bürgermeister Vitali Klitschko ist vor Ort. Bagger und anderes Großgerät versuchen, Schutt zu räumen, um noch Vermißte zu bergen – doch die Hoffnung ist gering. Kuscheltiere, Kaffeetassen, Fotoalben liegen zwischen Betontrümmern, herausgeschleudert von der Explosion und nun Relikte eines ausgelöschten Alltags.

Zwischen Trümmern in Kiew liegt ein Rezept für Apfelkuchen.
Zwischen Trümmern in Kiew liegt ein Rezept für Käsekuchen. Foto: Vogel

Nur zweihundert Meter entfernt hat der Wochenmarkt seine Tore geöffnet. Händler verkaufen Obst, Gemüse und Blumen, Nachbarn tauschen Neuigkeiten aus. Eine groteske Gleichzeitigkeit: hier Trauer und Tod, dort Alltag und Geschäftigkeit. Kinder rennen lachend zwischen den Ständen umher, während nebenan ein Bagger Trümmer aus einer Ruine hebt. In Kiew geht das Leben weiter – aber nicht für jene, die in dieser Nacht unter den Trümmern starben.

„Sie werden uns nicht brechen“

Diese Nacht zeigt erneut, was der Krieg bedeutet: ein permanenter Wechsel zwischen Normalität und Ausnahmezustand. Zwischen Märkten, Hochzeiten und Cafés – und den Trümmern von Wohnhäusern, in denen noch Stunden zuvor Menschen lebten. Doch die Menschen in Kiew verweigern sich dieser Logik. Sie trauern, sie weinen, sie begraben ihre Toten. Und doch öffnen sie am nächsten Morgen ihre Geschäfte, schicken ihre Kinder zur Schule, feiern ihre Hochzeiten. Das Leben geht weiter, nicht weil es leicht ist, sondern weil Aufgeben keine Option ist. Am 28. August 2025 sterben allein in Kiew mindestens 18 Menschen, 40 werden verletzt. Unter den Opfern sind auch drei Kinder, darunter eines, das nur zwei Jahre alt wurde.

Ferdinand Vogel berichtet für die JF direkt aus dem Ukraine-Krieg.
Ferdinand Vogel berichtet für die JF direkt aus dem Ukraine-Krieg. Foto: Maria Volkova

Das betroffene Gebiet hat keinerlei militärische Relevanz. Keine Industrie, keine militärische Infrastruktur, auf über tausend Meter in jede Himmelsrichtung kein einziges strategisch bedeutendes Ziel. Es ist reine Zivilzone. „Das ist Terror“, sagt Maria, die Fahrerin und Übersetzerin, die dabei das Lenkrad etwas fester greift, während sie ihr Auto aus dem Viertel steuert. „Das Ziel der Russen ist es, uns zu demoralisieren. Sie wollen unseren Willen brechen, weil man gebrochene Menschen besser kontrollieren kann. Wir werden nachher weinen. Aber sie werden uns nicht brechen. Niemals.“

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In den kommenden Tagen folgen weitere Berichte aus der Ukraine.

Am nächsten Morgen sind die Spuren des Luftangriffs in Kiew zu sehen. Foto: Vogel
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