Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, stellte sich gegen die Nationalsozialisten Foto: picture-alliance / dpa | dpa
Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, stellte sich gegen die Nationalsozialisten Foto: picture-alliance / dpa | dpa

75. Todestag von Clemens August Graf von Galen
 

Im Widerspruch

Der Reichspropagandaminister mochte innerlich jubiliert haben, als er seinen lüsternen Rachephantasien freien Lauf ließ: Wenn erst einmal der „Endsieg“ eingefahren sei, werde man Clemens August Graf von Galen, den Bischof von Münster, auf dem Platz vor seinem Dom hängen und die Gläubigen dem öffentlichen Blutgericht beiwohnen lassen, zur Abschreckung und Einschüchterung. Vorerst allerdings, konterte Joseph Goebbels ähnliche, kurzfristigere gedankliche Vorstöße seines Parteigenossen, Reichsleiter Martin Bormann, müsse man sich gegenüber Galen noch in Zurückhaltung üben, um das katholische Münsterland nicht unnötigerweise gegen das Regime Hitlers aufzubringen.

Die Überlegungen führender Nationalsozialisten im Jahr 1941, wie mit von Galen weiter zu verfahren sei, markierten den Punkt, an dem die Geduld der braunen Machthaber mit ihm definitiv ihr Ende gefunden hatte. In allzu offenen Worten hatte der katholische Würdenträger unmittelbar zuvor den Terror des Naziregimes angeprangert. Allzu sehr hatte er den Nationalsozialisten den Spiegel vorgehalten, öffentlich und zu allem Überfluß auch noch öffentlichkeitswirksam. Galens Schicksal war besiegelt – dessen Exekution lediglich aus Opportunitätsgründen auf passendere Zeiten verschoben. Am Ende kam es anders.

Die Gedankenspiele Goebbels‘ und Bormanns machen aber auch deutlich, wie sehr Haltung und Handeln Galens nur im historischen Kontext des Nationalsozialismus und vor der Folie von Diktatur und Zweitem Weltkrieg zu begreifen sind. Nur in Reaktion auf den Terror der Nazis konnte der Bischof zum „Löwen von Münster“ werden. Nur in der historischen Gesamtschau werden auch die Irrungen und unauflösbaren Widersprüche Galens in ihrer ganzen Tiefe erkennbar. Irrungen und Widersprüche, die ihn im Rückblick als durchaus sperrige geschichtliche Figur erscheinen lassen.

Galen lehnt Hitler anfangs nicht ab

Der neue, zu diesem Zeitpunkt 55jährige Bischof, der am 5. September 1933 ernannt und am 28. Oktober desselben Jahres geweiht wurde, ist anfangs jedenfalls noch weit von einer offenen Konfrontation mit den ebenfalls neuen politischen Machthabern im Deutschen Reich entfernt. Hitler wird Galen später attestieren, anfänglich ein Freund des NS-Regimes gewesen zu sein. Die im Januar an die Macht gelangten Nazis setzen auf Galens vermeintliche Kompromißneigung und sehen seine Ernennung zum Bischof als vorteilhaft für sich.

Galen war kein Parteigänger Hitlers. Aber er lehnte den „Führer“ und dessen neuen Staat auch nicht ab. Das Verhältnis zwischen der Katholischen Kirche und der neuen Regierung sah der Bischof, das zeigt ein Hirtenbrief Galens vom 28. Oktober 1933, noch positiv. Im Januar des folgenden Jahres versicherte Galen: „Als Vaterlandsliebende stehen wir hinter dem Führer, den Gottes Vorsehung auf diesen Posten berufen hat.“

Der Bischof war politisch ein Nationalkonservativer alter Prägung, der in einer von ihm 1932 verfaßten Schrift über die „Pest des Laizismus“ den Gedanken der Volkssouveränität attackierte. Der Liberalismus war ihm ebenso verhaßt wie sozialistische Tendenzen und Freidenkertum. Jegliches staatliche Ordnungssystem – auch das nationalsozialistische – sah er in Übereinstimmung mit der Haltung des Vatikans als von Gott angeordnet.

Rassenideologie und Neuheidentum erzürnen von Gahlen

Momente eines Umschwenken Galens – auf einen Kurs gegen die Nazis – wurden deutlich, als der Nationalsozialismus auch gegenüber den Kirchen seine Maske fallen ließ. Als Hitler die Macht „ergriff“, war er noch peinlichst bemüht, die Kirchen nicht in Gegenposition zu sich zu bringen. Er wußte, daß er seine Machtstellung nicht gegen sie behaupten konnte. Nachdem die Nationalsozialisten ihr Regime etabliert und Gegner größtenteils ausgeschaltet hatten, waren Rücksichten gegenüber der Kirche nicht mehr nötig.

Die dem Nationalsozialismus innewohnenden neuheidnischen Tendenzen, die sich in der Rassenideologie und dem Blut-und-Boden-Denken äußerten, brachten von Galen gegen die NSDAP, nicht aber gegen den von ihr getragenen Staat auf.

So sehr der münstersche Bischof deutliche Worte gegen das Neuheidentum des Nationalsozialismus fand, so sehr unterstützte er die zunächst offensive, dann aggressive Außenpolitik des Hitler-Staates und auch seinen Krieg. „Gott hat es zugelassen, daß das Vergeltungsschwert gegen England in unsere Hände gelegt wurde“, stellte Galen im März 1941 zum militärischen Vorgehen Deutschlands gegen das britische Inselreich fest. „Wir sind die Vollzieher seines gerechten Willens.“ Den Krieg gegen die Sowjetunion lobte der Bischof als Kampf gegen den atheistischen Kommunismus: „Wenn ich könnte, würde ich mitgehen gegen den Bolschewismus“, bekannte er.

Kritik am Euthanasieprogramm ist Wendepunkt

Je stärker der Terror der Nationalsozialisten – zum Beispiel in Form von Klostersturm und -enteignung sowie der Vertreibung von Ordensmitgliedern – sich auch gegen die katholische Kirche und ihre Einrichtungen richtete, umso mehr erwuchs ihnen in von Galen ein erbitterter Gegner. Reagierte er zunächst noch mehrheitlich auf Attacken der Nazis gegen seine Kirche, weitete der Bischof seine verbalen Schläge schließlich auch auf die Terrormaßnahmen der Diktatur gegen andere aus.

Bronzestatue von Kardinal Clemens August Graf von Galen in Münster Foto: picture alliance / Matthias Tödt/dpa-Zentralbild/ZB | Matthias Tödt
Bronzestatue von Kardinal Clemens August Graf von Galen in Münster Foto: picture alliance / Matthias Tödt/dpa-Zentralbild/ZB | Matthias Tödt

Bereits Ende 1939 hatte Hitler ein großangelegtes Euthanasieprogramm ins Rollen gebracht. Abgefaßt im Oktober 1939 und auf den 1. September, den Tag des deutschen Angriffs auf Polen, zurückdatiert, besiegelte der Mordbefehl Hitlers das Schicksal von mehr als 100.000 geistig behinderten und seelisch kranken Menschen im Deutschen Reich. Bis zum August 1941 werden ungefähr 70.000 Patienten ermordet. Das T4-Mordprogramm war geheim, ließ sich aber auf Dauer nicht geheim halten. Ende Juli 1940 erhielt Galen Informationen über die Tötung geistig Behinderter. Verschiedene inoffizielle Initiativen des deutschen Episkopates, eine Einstellung der Morde zu bewirken, blieben erfolglos. Am 9. März 1941 prangerte Galen in einer Predigt die Euthanasiemaßnahmen an.

Noch deutlicher wurde er in einer weiteren Predigt in der Lambertikirche in Münster am 3. August 1941: „Seit einigen Monaten hören wir Berichte, daß aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, daß diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, daß man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes ‘lebensunwertes Leben’ vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert.“

Von Gahlen inspiriert die „Weiße Rose“

Indem Galen prophezeite, daß auch Invalide, Altersschwache und Kriegsversehrte nach der Logik der Nazis dem staatlichen Mordprogramm zum Opfer fallen könnten, sorgte der Bischof für einen Aufruhr nicht nur unter seinen Zuhörern. Seine Predigten machten im ganzen Deutschen Reich und im Ausland die Runde, von Mund zu Mund und als heimlich vervielfältigte Abschriften. Deutlicher kann man das Unrecht, für das das NS-Regime steht, kaum benennen. Spätestens jetzt hatte sich Galen die Nationalsozialisten, die die Aktion T4 wegen der Reaktion der Öffentlichkeit offiziell einstellten, zu Todfeinden gemacht.

Als „Löwe von Münster“ ist Clemens August Graf von Galen schon zu Lebzeiten zu einer Legende geworden. Und man tritt der katholischen Kirche nicht zu nahe, wenn man feststellt, daß es nicht zuletzt dieser Umstand gewesen ist, der die Motive und Bausteine des 1955 initiierten und im Oktober 2005 zum Abschluß gekommenen Seligsprechungsprozesses Galens geliefert hat. In einer Seligsprechung geht es eben nicht darum, eine christliche Persönlichkeit in allen ihren Facetten auszuleuchten. Eine Seligsprechung stellt katholischen Gläubigen eine bestimmte Person als Zeugen christlichen Lebens vor Augen.

Dies ist auch bei Clemens August Graf von Galen der Fall gewesen. Sein bleibendes Verdienst aber ist, wesentliche Aspekte des nationalsozialistischen Terrors klar beim Namen genannt und durch seine oppositionellen Stellungnahmen wiederum Widerstandsgruppen gegen die Nazi-Herrschaft – etwa die „Weiße Rose“ um Hans und Sophie Scholl – inspiriert und ermutigt zu haben.

Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, stellte sich gegen die Nationalsozialisten Foto: picture-alliance / dpa | dpa
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