Vor 100 Jahren

Die verspielte Chance auf Frieden

Am 12. Dezember 1916 traten mitten im Ersten Weltkrieg die Mittelmächte mit einem Angebot vor die Weltöffentlichkeit. Sie seien nach ihren bisher großen Erfolgen bereit, ohne Vorbedingungen in Friedensverhandlungen einzutreten. Gerade hatten diese Erfolge mit der Eroberung Rumäniens einen neuen Höhepunkt erreicht, aber auch sonst war es Deutschland und Österreich in den vergangenen zwei Jahren gelungen, die Gegner auf Distanz zu halten. Man erbitte also nicht aus der Position der Schwäche um etwas, sondern betone aus der Position der Stärke den Friedenswillen, hieß es.

Diese Sätze hatten ihren Grund. Ein öffentliches Friedensangebot gilt immer auch als Signal der Schwäche. Es kann den Verdacht begründen, daß sich die anbietende Seite von weiteren Kämpfen keine erneute Verbesserung ihrer militärischen Lage verspricht, also im Zenit ihrer Macht steht. Im Umkehrschluß wird das die Feindstaaten ermutigen, jetzt selbst auf militärische Besserung der Lage zu setzen. In der Tat hatte man in Paris, London oder St. Petersburg solche Gedanken, fand sich allerdings bald auf dramatische Weise eines anderen belehrt.

Sichere Sieger

Noch für mehr als ein Jahr entwickelte sich die militärische Lage auf radikale Weise zu deutschen Gunsten. Es ging nicht nur Rußland im Folgejahr 1917 auf dem Schlachtfeld und als Folge von zwei Revolutionen völlig unter, sondern auch in Frankreich konnten alliierte Erfolge nicht erzielt werden. Im Gegenteil brachen im Heer jene Meutereien aus, die teilweise nur durch Massenerschießungen beendet werden konnten.

Ein Jahr nach dem Friedensangebot sahen das Deutsche Reich und seine Verbündeten fast wie sichere Sieger aus. Allerdings brachte man es bekanntlich trotzdem fertig, diese weltgeschichtlich einzigartige Chance noch zu verspielen. Gestattet man sich im Rückblick den Gedanken daran, was andernfalls vielleicht hätte geschehen können, hätten sich die Kriegsgegner im Jahr 1916 oder Anfang 1917 noch geeinigt, dann entsteht unvermeidlich das Bild einer anderen Welt des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Kein Drittes Reich

Ein Frieden hätte etwa den Ausgriff der Vereinigten Staaten von Amerika in Richtung Europa erheblich erschwert. In diesem Bild würden dann auch sowohl die Sowjetunion wie das Dritte Reich fehlen, die beide ohne die Ereignisse der Folgejahre 1917 bis 1919 kaum denkbar sind. Die Totalitäre Ära wäre also mit einiger Sicherheit ausgefallen. Wie der Nahe Osten in einem Kompromißfrieden hätte gestaltet werden können, ist deutlich spekulativer zu beurteilen.

Nicht zuletzt zu dessen revolutionärer Neuaufteilung wurde der Krieg damals geführt, ja sie war zwischen Frankreich und Großbritannien im Sykes-Picot-Geheimabkommen sogar schon schriftlich fixiert worden, fast auf den Tag genau ein halbes Jahr vor dem Friedensangebot der Mittelmächte. Italien wurde als Kolonialmacht in der Türkei berücksichtigt, auch Rußland sollte einen Teil der Beute in Konstantinopel bekommen.

Von Frankreich hatte es zudem bereits die lapidare Zusage, den Verlauf der künftigen deutschen Ostgrenze frei gestalten zu können, sich also nehmen zu können, was immer man in St. Petersburg wollte. Bei solchen scheinbar guten Aussichten meinten die deutschen Kriegsgegner, keinen Frieden schließen zu müssen. Man wartete zwei Wochen und lehnte dann ab.

Die Weltöffentlichkeit für dumm verkauft

Einmal mehr wurde die Weltöffentlichkeit dabei buchstäblich für dumm verkauft, die von den ganzen Teilungsabkommen und wirklichen Kriegszielen der Entente natürlich ebenso wenig wußte, wie von den jahrelangen russisch-französischen Planungen, diesen Krieg bei passender Gelegenheit loszutreten. Auch die Historische Forschung hat das später wieder gründlich vergessen, wie die Aufregung um den Artikel von Rainer F. Schmidt in der aktuellen Ausgabe der Historischen Zeitschrift zeigt, der diese Dinge anspricht.

Die ablehnende Erklärung der Entente warf den Mittelmächten vor, nur eine Propagandageste abgegeben zu haben. Mit einigem Zynismus bemängelten das britische, französische und russische Imperium, die gemeinsam 1916 fast die Hälfte der Welt beherrschten, im Angebot der Mittelmächte sei nicht hinreichend Garantie für „die Existenz kleiner Staaten“ enthalten.

So ging der Krieg denn weiter. Im später willkürlich zerlegten Nahen Osten tobt er gewissermaßen noch heute, allen Friedensangeboten und Friedensprozessen zum Trotz, seit einhundert Jahren.

Friedensangebot: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verliest im Reichstag die Note Foto: picture alliance / akg

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