Wir brauchen keinen Gott

Immanuel Kant und Charles Darwin haben nicht nur den 12. Februar gemeinsam, des einen Todestag (1804), des anderen sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährender Geburtstag. Beide waren nach der Vorstellung ihrer Zeitgenossen alte Männer, bevor sie ihre wissenschaftlichen Hauptwerke präsentierten. Beide haßten das Reisen. Darwin, dem im Alter eine kurze Eisenbahnfahrt „gräßliche Untergangsgefühle“ bescherte, verließ England nur ein einziges Mal, Kant seine ostpreußische Heimatprovinz nie. Beider Tagesablauf war auf die Minute so penibel eingeteilt, daß ihre Nachbarn die Uhr danach stellten. Aber was diese beiden originär „alteuropäischen“ Denker in unserem kollektiven Gedächtnis vor allem unzertrennlich wie Castor und Pollux verbindet, ist die Vorstellung von der revolutionären, unser „Weltbild“ und Selbstverständnis umstürzenden Wirkung ihrer „Theorien“. Der Philosoph Kant hatte ein gutes Gespür für derartig fundamentale Wandlungen, die seine „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) anstoßen würde, wenn er seinem erkenntniskritischen Opus die Kraft einer „kopernikanischen Wende“ zutraute. Und der Naturwissenschaftler Darwin, der mit „On the Origin of Species“ („Über die Entstehung der Arten“) 1859 die „Bibel der Biologie“ (Jürgen Neffe) vorlegte, ließ sich nicht zuletzt deshalb zwanzig Jahre mit der Veröffentlichung Zeit, weil ihm klar war, welchen „Urknall“ seine „Evolutionstheorie“, und zumal deren Anwendung auf die vorgebliche „Krone der Schöpfung“ in ihrer letzten, 1871 („The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“) dann auch unerbittlich gezogenen Konsequenz im noch penetrant christlich geprägten viktorianischen England auslösen mußte: daß sie nämlich das „Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies“ (Sigmund Freud). Über das gesellschaftliche Ächtungspotential dieser religiös-ideologischen Widerstände gab sich der skrupulöse, auch von Rücksichten auf seine naiv-gläubige Gattin geplagte Naturforscher keinerlei Illusionen hin – schon deshalb nicht, weil er selbst dieses Habitat eine Zeitlang bewohnte. Denn der 1809 als Sohn eines betuchten Arztes in Mittelengland geborene Darwin sollte zwar in die Fußstapfen des Vaters treten, ertrug aber während der ersten Medizinsemester in Edinburgh das blutige Gemetzgere nicht, dem die damalige chirurgische „Kunst“ noch glich. So ergab sich 1827 der Studienwechsel hin zur beschaulichen Theologie in Cambridge, wo er nebenbei allerdings eifrig botanische, zoologische und geologische Kollegs besuchte. Aus Darwin wäre wohl einer dieser prototypischen englischen Landpfarrer geworden, die Blätter trocknen, Käfer sammeln oder Schmetterlinge fangen, hätte er nicht im Dezember 1831 das Angebot zu einer Forschungsreise auf der „H.M.S Beagle“ erhalten, die den ständig seekranken Passagier auf dieser Nußschale von Schiff rund um den Erdball führte und erst 1836 wieder heimwärts brachte. Offene Religionskritik ziemte sich für Darwin als Wissenschaftler nicht Ausgedehnte Exkursionen, vor allem an Süd­amerikas Küsten und auf dem Galapagos-Archipel im Pazifik, bescherten ihm das Material, aus dem er bis zu seinem Tod (1882) in ländlicher, finanziell behaglich gepolsterter, privatgelehrter Abgeschiedenheit von Downe in der Grafschaft Kent das Werk hervorbrachte, das ein führender Evolutionsbiologe wie Ernst Mayr (1904–2005) mit guten Gründen für die „gesamte moderne westliche Welt“ als „prägend“ einstuft, weil es ihr „Weltverstehen“ seit 150 Jahren strukturiert. Seit 150 Jahren deshalb, weil die Rezeption so schlagartig einsetzte, als habe das Publikum lange darauf gewartet. Die Erstauflage von „On the Origin of Species“ war, sensationell für einen dicken wissenschaftlichen Wälzer, am Tag ihrer Auslieferung, dem 24. November 1859, vergriffen. 1872 erschien die sechste Auflage, bereits 1860 kam eine Übersetzung auf den deutschen Markt, wohl die erste von etwa 40 Übersetzungen in alle Weltsprachen. Die gewaltige Resonanz ließ den magenkränkelnden Privatier von Down House, der nur vier Stunden am Tag arbeitend seine Faktenhalden beackern konnte, im selben Jahrzehnt, das aus „Blut und Eisen“ das Deutsche Reich gebar, zum lebenden „Mythos“ werden. Dabei überließ er die weltanschaulich-popularisierende Ausmünzung anderen: dem „deutschen Darwin“ etwa, dem „Welträtsel“-Löser Ernst Haeckel (1834–1919), der aus der Evolutionstheorie eine dezidiert antichristliche, materialistisch-„monistische“ Ideologie formte, die sich politisch rundum als anschlußfähig erwies. Der sozialdemokratische Programmatiker Karl Kautsky reichte 1882 seine Dissertation über die „Entstehung von Ehe und Familie“ nicht von ungefähr bei dem Jenaer Zoologen ein. Die Ortsgruppen von Haeckels „Monistenbund“ waren um 1910 zudem zuverlässige Anlaufpunkte sozialdemokratischer Oberlehrer-Intelligenz. Daß andererseits von Haeckels „rassenhygienischen“, auf „Ausmerze“ und „Höherzüchtung“ bedachten, auch von manchem SPDler und Kommunisten akzeptierten, mit Darwins „Kampf ums Dasein“ verrührten Ideen wissenschaftshistorisch recht früh – so von Daniel Gasman („The Scientific Origins of National Socialism“, 1971) – eine Brücke zur NS-Rassenpolitik geschlagen wurde, die Haeckel zum Vordenker Adolf Hitlers stilisierte, konnte nicht ausbleiben. Darwin selbst wollte sich in diese Arena nie begeben. Die zahllosen Materialisten, Naturalisten, „Freidenker“, Speakers’ Corner-Heilande und rabiaten Atheisten, die sich im Königreich an seine Rockschöße klammerten, schüttelte er so erschrocken wie angeekelt ab. Offene Religionskritik ziemte sich für ihn als „objektiven“ Wissenschaftler und Gentleman nicht. Gleichwohl war nicht zu verkennen, daß sich seine „Origin of Species“ – ungeachtet der Verpackung dieser „Botschaft“ im zoologisch-botanischen Datendickicht – letztlich in brutaler Direktheit gegen den vorherrschenden christlichen Glauben an die göttliche Sonderschöpfung jeder einzelnen Art richtete, an die sich auch der Theologiestudent Darwin noch bis zum Ende seiner „Beagle“-Reise gebunden fühlte. Die ersten Entwürfe zur Evolutionstheorie (1842) schütteln diesen Ballast endlich ab. Die Grundlagen seiner Theorie machen einen „Schöpfergott“ überflüssig. Denn das biblisch inspirierte Dogma der separaten Schöpfungen läßt sich mit der naturwissenschaftlich, empirisch gesicherten Einsicht nicht mehr vereinbaren, der zufolge Arten durch Artenwandel entstanden, also letztlich auf einen Ursprung des Lebens zurückzuführen sind. Alles weitere, die vom Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer für die Wartezimmer-Lektüre aufbereiteten „Schlüsselbegriffe“ („Der kleine Darwin. Alles, was man über Evolution wissen sollte“, 2008), ergibt sich in Darwins Gedankengebäude dann mit Leichtigkeit und Eleganz: die Veränderlichkeit der Lebewesen (Variabilität), die Vererbung (Heredität, von der Darwin etwas ahnte, aber kaum etwa wußte, da er Gregor Mendels bahnbrechende Forschungen aufgrund einer winzigen Nachlässigkeit nicht zur Kenntnis nahm), die von Malthus übernommene „Überproduktion von Nachkommen“, die den berühmt-berüchtigten „Kampf ums Dasein“ hervorruft, der dann die „Selektion“ (in mißverständlichem Deutsch: „Zuchtwahl“) bedingt. Die Exemplare der Population, die wegen unzulänglicher Eigenschaften ihrer Umwelt nicht angepaßt sind, bestehen den Kampf eben nicht und gehen zugrunde, während die „Angepaßten“ selektiert werden, sich fortpflanzen und ihre Art erhalten. Dieser schier unvorstellbar lange Evolutionsmarathon nimmt, die Leichen der Dinosaurier hinter sich lassend, vor etwa 65 Millionen Jahren sachten Kurs auf den Homo sapiens. Auch er ist ein Produkt des Artenwandels durch natürliche Selektion. Die Arten sind also nicht, jede für sich, konstante Hervorbringungen eines womöglich „gütigen“ Schöpfers. Dieser weltanschaulich so unausweichliche wie für viele vormoderne Menschen schmerzliche Schluß bedingt eine der „Aktualitäten“ der „Lehre Darwins“. Immerhin gibt es – politisch-soziologisch relevant heute freilich nur noch in den USA – auch im 21. Jahrhundert weiter „Anti-Darwinisten“, die sich als „Kreationisten“ und Verfechter des „Intelligent Design“ lautstark zu Wort melden. Mustert man wissenschaftlich relevante Publikationen im Vorfeld von Darwins 200. Geburtstag, gerade auch in den USA, ist jedoch unschwer zu erkennen, daß es sich hier inzwischen um aussichtslose Rückzugsgefechte handelt. Die „Kreationisten“ gelten den Koryphäen von Harvard und Princeton als gesellschaftlich zwar noch relevanter, aber auf dem Aussterbeetat stehender Narrensaum, dem der „umstrittene“ Evolutionsbiologe und „bekennende“ Atheist Richard Dawkins siegesgewiß nachruft, es handle sich hier entweder um Dummköpfe oder Narrenhäusler („Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren“, 2008). John Dupré, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, der sich aus den USA ins britische Essex „gerettet“ hat, kein orthodoxer „Darwinist“, würdigt den Schöpfer der Evolutionstheorie gerade deshalb als Urheber einer „vollständig naturalistischen Weltsicht“, weil er „jedwede plausible Begründung für den Glauben, es gebe irgendwelche Götter oder übernatürliche Wesen, untergraben hat“ („Darwins Vermächtnis“, 2005). Für Sean B. Carroll (Genetiker an der University of Wisconsin), der soeben mit einem ambitionierten Versuch hervorgetreten ist, Darwins Axiome mit den vielleicht – dank Dawkins’ Dominanz – mitunter arg „genzentrierten“ Resultaten der Molekularbiologie zu stützen („Die Darwin-DNA. Wie die neueste Forschung die Evolutionstheorie bestätigt“, 2008), gehört das „Intelligent Design“ schlicht in die „große Mülltonne der überholten Gedanken“. Für die üppig wuchernde deutsche Publizistik zum 12. Februar 2009 formuliert der umtriebige Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas (Universitas, Heft 791/09) mit dem Konstanzer Biologen Ulrich Kutschera: „Kein sachkundiger Biologe zweifelt heute noch daran, daß die heute lebenden Organismen die derzeitigen Endglieder eines Jahrmillionen langen historischen Entwicklungsprozesses sind. Evolution ist eine Tatsache, keine vage ‘Theorie’ im umgangssprachlichen Sinne.“ Darum sollte es 2009 auch niemanden mehr überraschen, „wenn notorisch-dogmatische Anti-Evolutionisten oder deren unreflektierte Nachplapperer nicht mehr ernst genommen werden“ – als „unverzeihlich beschränkt“, wie Vaas Dawkins zitiert. Dieses Verdikt muß sich nach Dupré aber auch auf die ungleich größere Schar von manchen Naturwissenschaftlern ermunterter katholischer und protestantischer Apologeten beziehen, die uns seit Darwins Lebzeiten weismachen wollen, Evolutionstheorie und Gottesglaube sei miteinander vereinbar. Prominentester Zeuge ist hier immer noch der katholische Naturphilosoph Teilhard de Chardin (1881–1955), der die Vereinbarkeit von Abstammungslehre und kirchlichem Dogma auflagenstark verteidigte, da Darwins Theorie angeblich nicht der Annahme einer richtungsbestimmenden göttlichen Schöpferkraft widerspräche. Derartig lächerliche Fluchtargumente, so Dupré und Dawkins, seien aber definitiv falsch – eine Ansicht, mit der sie unter Naturwissenschaftlern seit langem nicht allein dastehen. Wenn der Glaube an die Existenz Gottes eine „Minimalbedingung des Christentums“ ist, dann bleibe, so Dupré, vom Theismus im allgemeinen und vom Christentum im besonderen auf der Basis von Darwins Evolutionstheorie eben „nichts“ übrig, „was Glaubwürdigkeit beanspruchen kann“. Es sei daher nur „heilsam, diese Art von Mythologie loszuwerden“ – auch im Hinblick auf den zu erwartenden „Kampf der Kulturen“, der seit geraumer Zeit vornehmlich religiös angefeuert werde. Daß Darwins Erbe ungeachtet aller ideologischen Transformationen keine Ersatzreligion, sondern eine – wenn auch derzeit als recht unerschütterlich geltende – wissenschaftliche Theorie ist, dokumentieren die mit Leidenschaft geführten Dispute um einige ihrer Ausläufer wie die Sozialbiologie und die Evolutionspsychologie im Zusammenhang mit dem ultramodischen Geschwätz über „Gender“. Hier leuchten Grenzen auf, etwa wenn beharrlich darauf rekurriert wird, das Verhalten der gegenwärtig lebenden Menschen habe seinen Ursprung in den Lebensbedingungen des Neandertalers. Anders, unumstrittener, sieht es in der „Evolutionären Erkenntnistheorie“ aus, die seit Konrad Lorenz’ Zeiten Kant und Darwin mit der Hypothese koppelt, auch unser Erkenntnisapparat sei keineswegs, wie der Königsberger Weltweise meinte, „apriori“ gegeben, sondern Resultat der Selektion: „Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Lauf der Evolution in Anpassung auf diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte.“ (Gerhard Vollmer, „Evolutionäre Erkenntnistheorie“, 1990). Nicht die beliebige Mutation ist das Hauptwerkzeug der Evolution Markante Umrisse einer „neuen Theorie der Evolution“ machen sich indes auf dem Feld der Molekularbiologie bemerkbar, die Sean B. Carroll gerade so wortreich wie plausibel als „Bestätigung“ Darwins präsentiert hat. Demnach ist nicht das von der Genetik bislang gestützte „Prinzip Zufall“, also die beliebige genetische Mutation das „Hauptwerkzeug der Evolution“, sondern die „komplexe Interaktion zwischen Zelle und dem Genom“, wie der Wissenschaftsjournalist Martin Rasper die zentrale Botschaft aus den Ergebnissen des Humangenomprojekts resümiert. Sie relativiert die lange Zeit dominierende Fixierung auf „das Gen“ erheblich, da nun feststehe, daß die Gene nur zwei Prozent der DNA ausmache und deren Hauptmasse aus einem Arsenal von Werkzeugen bestehe, das das Erbgut organisiere. Dieses Modell veranschlage den Stellenwert von Umwelteinflüssen neu. Krisenhafte Veränderungen von „außen“ können demnach sehr wohl auf das Erbgut wirken – zwar nicht auf die Gene, aber auf deren Steuermechanismen in der Zelle. Was den Schluß zulasse: „Lebewesen sind nicht dem blinden Zufall (der Mutation) ausgeliefert, sondern gestalten ihre eigene Evolution aktiv mit – allerdings nicht bewußt, sondern einzig mit dem Ziel zu überleben.“ Eines extern schöpferischen „Steuermannes“ bedarf es allerdings auch nach dieser „neuen Theorie“ nicht, die eher auf eine fein differenzierte Bekräftigung der Evolutionstheorie von Charles Darwin hinausläuft (Natur+Wissen, 1/09).

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