Erzieherischer Gewinn

Der über 2.400 Jahre alte geharnischte Seufzer des Sokrates über die verkommene „Jugend von heute“ macht immer wieder mal die Runde – nämlich dann, wenn gezeigt werden soll, daß die Klagen über mangelnde Manieren und fehlenden Respekt der Heranwachsenden alt, ja, altbacken seien. Sollte es tatsächlich stets die alte Leier sein, die abgespielt wird, wo Eltern an ihren Kindern verzweifeln, wären die gültigen Antworten darauf längst geschrieben. Anscheinend aber erfährt das Thema eine neue Brisanz. Anders ist kaum zu erklären, daß die Hitliste der Ratgeberbücher 2008 eben nicht von Koch-, Back- oder Diättips angeführt wurde, sondern von Michael Winterhoffs mittlerweile in der 18. Auflage erhältlichem Werk „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Daß für den Geburtenknick in westlichen Gesellschaften nicht nur der Mangel an finanziellen Mitteln oder Krippenplätzen verantwortlich ist, sondern auch die Last der Erziehungsaufgaben, liegt nahe. Eine Bereicherung stellt da das Buch „Erziehen? Aber ja!“ aus der Feder des konservativen Psychologen Ralf Hickethier dar. Seit Jahrzehnten publiziert Hickethier entsprechende Glossen in diversen mitteldeutschen Zeitungen. 55 seiner Kolumnen aus der Sächsischen Zeitung hat der 57jährige dreifache Vater nun zusammengefaßt – sie stellen eine Fundgrube dar, an der sich auch erfahrene Eltern abermals aufrichten können. Hickethier gibt keine Rezepte aus, die im Zweifelsfall wenig bewirken, wenn der große Rahmen nicht stimmt. Familiäre Hierarchien, Nein-Sagen, selbst Strafen – all dies führt der Autor entgegen der praktizierten modernen Pädagogik ein. Abstrakt und realitätsfern sind seine Ratschläge jedoch nie, erst recht nicht lieblos. Grundsätze wie „Wenn wir reden, bleibt der Fernseher aus“ mögen direkt einleuchten – aber wie häufig sprechen wir dennoch unkonzentriert mit unseren Kindern, sind abgelenkt trotz der knappen Zeit, die uns für Erziehungsaufgaben zur Verfügung steht? Daß Erziehen heute eine Tätigkeit gegen den Mahlstrom der äußeren Einflüsse ist, unterstreicht der Psychologe häufig. Drum bedarf es einiger Anstrengung und Konsequenz – möglicherweise weit mehr denn zu Sokrates’ Zeiten –, unsere Kinder zu gesunden und glücklichen Erwachsenen großzuziehen. Wer Hickethiers Grundsätze und seine ganz konkreten Antworten auf Leserzuschriften liest, hat den erzieherischen Gewinn auf seiner Seite und das schlimme Wort der „Tyrannei“ mit Sicherheit weit aus seinen familiären Zusammenhängen verbannt. Ralf Hickethier: Erziehen? Aber ja! Edition Sächsische Zeitung, Dresden 2008, gebunden, 112 Seiten, 8,90 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles