Joachim Kuhs

 

Eigentlich hieß er Hermar

Der unter dem latinisierten, von seinem germanischen Ursprung durch starke Verzerrungen weit entfernten Namen „Arminius“, auch als „Ariminus“ oder „Ar(i)menus“ geschichtlich bei antiken Schriftstellern wie Tacitus, Velleius Paterculus, Dio Cassius und anderen bezeugte Stammesfürst des westgermanischen Stammes der Cherusker lebte etwa von 16 v. Chr. bis 21 n. Chr, als er einer mörderischen Intrige von Verwandten zum Opfer fiel. Sein germanischer Name bestand alter Tradition des germanischen Adels folgend aus zwei Teilen wie bei seinem Vater Segimerus („ruhmreich im Siege“) und Onkel Inguiomerus („ruhmreich durch Ing“), womit auf den Gott Ing angespielt wird. Von diesen wurde in genealogischer Folge immer das gleiche Namenselement weitergegeben, hier also „merus“ (mariz heißt „ruhmreich“). Hiervon ausgehend, darf angenommen werden, daß das inlautende „r“ in „merus“ entweder aufgrund eines nicht korrigierten Hörfehlers oder in Angleichung an römische Namensendungen zu „n“ gewandelt wurde. Hermar bedeutete „ruhmreich im Heere“ Unter Einbezug linguistischer Parallelen könnte der ursprüngliche germanische Name des Cheruskerfürsten mit Harimariz („ruhmreich im Heere“) rekonstruiert werden. Vergleichend sei der bei Gaius Julius Caesar in „De bello Gallico“ erwähnte Suebenkönig Ariovistus erwähnt, dessen erster Namensbestandteil (mit eingeschobenem „o“) das urgermanische „Hari“ (Heer), der zweite „gastiz“ (Gast) ist, also ursprünglich „Harigastiz“ (Gast beim Heere). Darauf deutet auch die Weiheinschrift auf dem in Slowenien gefundenen Helm B von Negau „HARIGASTI TEIVA“ („Dem Gotte Harigastiz“) hin. Offenbar konnte in römischen Quellen das anlautende germanische „H“ einfach wegfallen, wenn es nicht zur Ausspracheerleichterung überhaupt in „Ch“ verwandelt wurde, wie auch der bei Dio Cassius erwähnte Namen des Bataverfürsten als Führer einer römischen Auxiliareinheit unter Germanicus „Chariovalda“ („Beherrscher des Heeres“). Der auf volksetymologischen Vorstellungen der Renaissancezeit basierende Name Hermann hat den wahren Namenskern immerhin dunkel erahnt, doch den zweiten Namensbestandteil irrtümlich aus „mannus“ (Mann) abgeleitet. Tatsächlich würde Arminius’ Name heutzutage wohl „Hermar“ lauten. Für diese linguistische Namenserschließung spricht auch die Tatsache, daß laut Dio Cassius in späteren Jahrzehnten ein zwischenzeitlich durch die in Norddeutschland siedelnden Chatten vertriebener König der Cherusker namens „Chariomerus“ aus dem Geschlecht des Arminius, offenbar ein Enkel des Arminius-Bruders Flavus regierte, was zeigt, daß in der sogenannten „mer“-Sippe auch der erste Namensbestandteil „Chari“ bzw. „Hari“ schon früher gebräuchlich gewesen war. Der Cheruskerfürst war auf verschiedenen Feldzügen römischer Legionen Befehlshaber einer mit römischen Waffen und Rüstungen ausgestatteten Auxiliareinheit, einer Reiterhilfstruppe. Die in diesen Jahren erworbenen Kenntnisse in römischer Kriegführung und Disziplin nutzte Arminius-Hermar, um ein geheimes Bündnis germanischer Stämme gegen den Herrschaftsanspruch Roms im rechtsrheinischen Germanien zwischen Rhein und Elbe ins Leben zu rufen. Als der Feldherr Publius Quinctilius Varus im Jahre 9 n. Chr. daranging, mit drakonischen und die Stammesbräuche mißachtenden Maßnahmen überstürzt eine Verwaltung römischen Stils im militärisch noch keineswegs bezwungenen Germanien einzuführen, lockte Arminius-Hermar diesen nebst etwa drei Legionen und Hilfstruppen (etwa 25.000 Mann) auf dem Rückmarsch in das feste Winterlager bei Xanten (Castra vetera) in einen Hinterhalt. Der in den Quellen „saltus teutoburgiensis“ genannte Ort, seit dem 16. Jahrhundert als „Teutoburger Wald“ fehlinterpretiert und in die Gegend von Detmold verlegt, war in Wirklichkeit, wiederum linguistisch erschlossen, der „Paß am Grenzmoor“, nämlich am Rande eines Moores, entlang dem ein teilweise aus Knüppeldämmen bestehender alter Verkehrsweg führte. Das Schlachtfeld, auf dem ein großer Teil der Legionen des Varus zugrunde ging oder in Gefangenschaft geriet, wurde bei Kalkriese am Fuße des Wiehengebirges nördlich von Osnabrück lokalisiert (siehe Seite 17). Es war die Niewedder Senke zwischen dem Kalkrieser Berg und dem angrenzenden Großen Moor, in die die Auxiliareinheiten Arminius’ aus getarnten Feldbefestigungen flankierend in die sich ohne jede Schlachtordnung kilometerweit um den Kalkrieser Berg ziehenden römischen Marschkolonnen hineinstießen. Laut Tacitus „unstreitiger Befreier Germaniens“ Spätere Rachefeldzüge der Römer unter Germanicus bis 16 n. Chr. führten nur zu weiteren schweren Verlusten der aufgebotenen acht Legionen. Mit der Abberufung des glücklosen Feldherrn durch Kaiser Tiberius wurde vorerst der Versuch aufgegeben, Germanien zu einer römischen Provinz zu machen. Daher bezeichnete Tacitus Arminius-Hermar auch als den „unstreitigen Befreier Germaniens“. Die Lebensdaten des Publius Cornelius Tacitus (58 bis 116 n. Chr.) berücksichtigend, dürften auch die spätere Schlachten zwischen Elbe und Rhein dokumentierenden aktuellen Funde bei Northeim diesem Urteil nicht widersprechen. Bild: Wilhelm von Lindenschmit, „Hermann als Sieger“ (Öl auf Papier 1839): Mit etwa 25.000 Opfern größte römische Niederlage

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