Dramatische Zuspitzung an der Moldau

Es gab einmal einen Staat namens Tschechoslowakei, den heute bereits die Achtzehnjährigen nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen, nicht einmal in der abgespeckten Form, in der er bis 1992 existierte. Von 1918 bis 1939 bestand aber schon einmal ein größerer und zersplitterter Vorläuferstaat namens Tschechoslowakei, den die Siegermächte des Ersten Weltkriegs aus dem Staatsgebiet Österreich-Ungarns herausgeschnitten hatten. Gerd Schultze-Rhonhof geht auf die dramatischen Zeitumstände ein, unter denen dieser Staat entstehen und eine Weile existieren konnte.

Wie man es aus seiner Abhandlung über den „Krieg, der viele Väter hatte“ kennt, verzichtet der Autor bewußt auf umfangreiche Auseinandersetzungen mit der von Historikern verfaßten Literatur. Er will ein breites Publikum erreichen, das mit den heute zeittypisch begrenzten Vorinformationen liest und erzählt die Geschichte des Vielvölkerstaates Tschechoslowakei deshalb auf Basis einer Anzahl ausgewählter Quellen und Autoren. Dabei greift er bis ins Mittelalter und die Zeit der Hussitenkriege zurück, um den schließlich so scharfen tschechisch-deutschen Gegensatz zu begründen. Seit dem neunzehnten Jahrhundert entdeckten die tschechischen Einwohner Böhmens und Mährens ihre Sprache und Nationalität wieder für sich, stellt er fest. 1848 weigerten sie sich, an der Wahl zum Frankfurter Paulskirchenparlament teilzunehmen. Zu einem deutschen Nationalstaat wollten sie nicht gehören.

Da der solchermaßen gefürchtete deutsche Nationalstaat weder 1848 noch in der Folgezeit errichtet werden konnte, brach genau dieser Konflikt erst wieder in voller Schärfe aus, als die deutsche Republik 1918 tatsächlich ausgerufen wurde. Zwischen Maas, Memel, Etsch und Belt wollten die Deutschen ein Teil von ihr werden und brachten dies in Parlamentsbeschlüssen und Abstimmungen zum Ausdruck, so in Tirol, in Deutschösterreich und eben auch in den Gebieten, die nach dem Willen der Siegermächte künftig zur Tschechoslowakischen Republik gehören sollten.

Tschechische Truppen setzten die von Prag aus kommandierte Okkupation mit Gewalt durch. Wer nun meint, er kenne dies alles, wird bei Schultze-Rhonhof etliche Aspekte und Details aus dem politischen Alltagsleben der Zwischenzeit finden, die ihm neu sein werden. Insgesamt lief die politische Praxis im neuerrichteten tschechischen Staat von Anfang an darauf hinaus, der deutschen Kultur auf seinem Staatsgebiet die Gleichheit, wenn nicht gar die Existenzberechtigung im Prinzip abzusprechen. Schon der Staatsname Tschechoslowakei ignorierte mit den Deutschen das zweitstärkste Staatsvolk und gab damit ein Signal. Dies verdichtete sich zu den bekannten Vertreibungsplänen, deren Durchsetzbarkeit Staatschef Edvard Beneš bereits 1938 im Umfeld der Münchner Krise bei den Westmächten sondieren ließ.

In diesen Tagen jährt sich das Ende der ersten Tschechoslowakei zum siebzigsten Mal. Die verschiedenen Minderheiten des Landes und die Nachbarstaaten machten nach der Münchner Konferenz ihre Ansprüche geltend, Ungarn ebenso wie Polen. Schließlich erklärte sich die Slowakei für unabhängig und der tschechische Präsident Emil Hácha unterschrieb in Berlin den Vertrag über die Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“. Schultze-Rhonhof bezeichnet diesen Vertrag als rechtsgültig, was sicher auf Bedenken stoßen wird. Er sieht im deutschen Marsch nach Prag vom März 1939 ausdrücklich auch keinen Bruch des Münchner Abkommens, erstaunlicherweise aber einen Bruch des in München auf englischen Wunsch von Hitler und Chamberlain persönlich unterzeichneten deutsch-englischen Konsultationsabkommens. Deshalb habe England im März 1939 eigentlich das Recht gehabt, „wegen gebrochener Versprechen“ gegen Deutschland Krieg zu führen. In jedem Fall sei damit das im Herbst 1938 verkündete englische Hochrüstungsprogramm „nachträglich gerechtfertigt“.

Erstaunlich ist dies, da die englische Regierung selbst erklären ließ, das Konsultationsabkommen sei im März 1939 nicht gebrochen worden – unabhängig von der Frage, ob „gebrochene Versprechen“ einen Krieg legitimieren. Auch kann die hier vorgenommene Umkehrung von Ursache und Wirkung nicht überzeugen. Gerade das nach München ohne Konsultation verkündete und gegen den Konsultationspartner gerichtete englische Rüstungsprogramm schlug in Deutschland wie eine Bombe ein. Es trug zur Vergiftung der Szenerie und zum Ende der Tschechoslowakei entscheidend mit bei.  

Insgesamt muß man dem Autor darin zustimmen, daß die Tschechoslowakei an inneren Konflikten gescheitert ist, die von der Sturheit der Zentralregierung gefördert wurden, die aber tiefere Ursachen hatten. Er zieht Parallelen zum Zerfall Jugoslawiens, dessen Zerbrechlichkeit bereits 1941 erkennbar wurde, das aber ebenso wie die Tschechoslowakei eine Restauration durch die Siegermächte erlebte, um erst mit dem Ende der Nachkriegsordnung 1989 seinen Existenzzwang zu verlieren. Schließlich habe sich die Entwicklung geradezu umgekehrt, als das ursprünglich vom Westen konstruierte Staatsgebilde Jugoslawien schließlich durch den Militäreinsatz des Westbündnisses Nato aus Teilen seines Staatsgebiets wie dem Kosovo herausgebombt wurde. Die heutigen Bewertungsmaßstäbe von Moral und Völkerrecht würden für vergleichbare Vorgänge von 1938/39 nicht angewandt, schließt Schultze-Rhonhof. Eine treffende Feststellung.

Gerd Schultze-Rhonhof: Das tschechisch-deutsche Drama 1918—1939, München 2008, gebunden, 512 Seiten, Abbildungen, 34 Euro

Foto: Änderung der Landkarten von Europa im Londoner Geographie-Instituts George Philips & Sons nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag 1939: Kein Bruch des Münchner Abkommens

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