Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Die Täter im Blick

Kein anderes historisches Thema wurde in den vergangenen Jahrzehnten derart ausgiebig erforscht wie der Mord an Millionen europäischer Juden während der NS-Diktatur. Die Fülle an wissenschaftlicher und populärer Literatur zum Holocaust ist kaum noch zu überblicken, eine Vielzahl von Denk- und Mahnmälern sowie zahlreiche sogenannte „Stolpersteine“ erinnern an den Judenmord. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland zudem offizieller Holocaust-Gedenktag. Auf der anderen Seite wurden im gleichen Zeitraum die wachsenden Probleme bei der Vermittlung dieser Thematik in der politischen Bildung und insbesondere an den Schulen immer offenkundiger. Im Februar 2001 sorgte die in einem Interview geäußerte Klage der Tochter des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau über die Übersättigung mit Nationalsozialismus und Holocaust im Unterricht für Aufsehen. Nicht zuletzt wegen des häufigen Verweises auf dessen „Einmaligkeit“ fehlt vielen Schülern darüber hinaus der aktuelle Bezug. Diese Tendenzen waren ein wesentlicher Grund für die Entscheidung der Bundeszentrale für politische Bildung, im Dezember 2006 die Erste Internationale Konferenz zur Holocaust-Forschung in Berlin zu organisieren. Auf diese Weise sollte ein regelmäßig tagendes Forum für Wissenschaftler und Multiplikatoren geschaffen werden, welches sich nicht nur über den aktuellen Forschungsstand informiert, sondern auch den Austausch über geeignete Formen der Vermittlung fördert. Nun fand vom 27. bis 29. Januar im Berliner dbb-Forum die Zweite Internationale Konferenz zur Holocaust-Forschung statt, an der rund 300 Fachwissenschaftler und Besucher teilnahmen. Initiatoren der Veranstaltung waren diesmal der Leiter des Center for Interdisciplinary Memory Research in Essen, Harald Welzer, sowie der Direktor des Holocaust Research Centre am Royal Holloway College der Londoner Universität, Peter Longerich. Nachdem sich lange Zeit der Blick der Holocaust-Forschung zunächst auf die Opfer richtete, rückt in den letzten Jahren immer mehr die sogenannte „Täterforschung“ in den Mittelpunkt. Dabei hat sich inzwischen herausgestellt, daß die Suche nach einem mehr oder weniger homogenen Tätertypus ein falscher Ansatz ist. Denn nach Ansicht des überwiegenden Teils der Forscher kamen die Holocaust-Täter aus unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Milieus und Bildungsschichten. Ebensowenig sei eine eindeutige ideologisch-politische Ausrichtung erkennbar. So mordeten ideologisch hochmotivierte Täter ebenso wie solche, die der nationalsozialistischen Weltanschauung eher leidenschaftslos gegenüberstanden. Einzig die antisemitische Einstellung sei ein allgemeiner Faktor gewesen, betonte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bereits in seinem Einleitungsreferat. Zum allgemeinen Konsens der Referenten gehörte, daß die Täter im Regelfall immer „eigene Handlungsspielräume“ gehabt hätten. Eine unmittelbare Zwangslage sei damit nicht gegeben, betonte etwa der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel. Zudem wiesen sie mit wenigen Ausnahmen einen geradezu erschreckend „hohen Grad an Normalität“ auf, so der an der Universität Exeter lehrende britische Historiker Richard Overy. Auch für den Sozialpsychologen Harald Welzer liegt die Ursache für das Verhalten der Täter primär nicht in deren Persönlichkeiten begründet. Der Autor des Buches „Täter. Wie aus normalen Menschen Massenmörder wurden“ nannte es eine Tatsache, daß es nahezu jedem „unter bestimmten Bedingungen sinnvoll erscheinen kann, sich dafür zu entscheiden, andere zu töten“. Wesentlich sei vielmehr die „moralische Umformatierung“ der Gesellschaft gewesen, die sich ab 1933 schrittweise in ihren Normen und Moralvorstellungen verändert habe. So wäre es 1933 noch unmöglich gewesen, eine Massendeportation der Juden vorzunehmen, da dies „zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Horizont des moralisch Erwartbaren und Normalen gepaßt“ hätte. Ein ähnliches Muster sei auch bei anderen Völkermorden erkennbar. Für die zukünftige politische und schulische Bildungsarbeit schlug Welzer die Erarbeitung neuer Konzepte für die Wissensvermittlung vor. Auf ein übertriebenes Pathos bei der Beschäftigung mit dem Holocaust sei zu verzichten. Gerade im Hinblick auf die junge Generation sei es notwendig, bei der Erarbeitung des Stoffes auf eine größere Alltagsnähe zu achten; schulische Vermittlung dürfe sich in Zukunft nicht mehr „exklusiv um das absolute Grauen des Holocaust zentrieren“. Ein Einstieg in das Thema könne vielmehr über „erfahrungsnähere“ Ereignisse wie etwa die Völkermorde in Ruanda und Darfur oder die Massaker in Srebrenica erfolgen. Allerdings zeigte sich Welzer skeptisch, daß „moralischen Umformatierungen“ allein mit Hilfe von politischer Bildung und historischer Aufklärung begegnet werden könne. Dies sei letztlich nur durch die Sicherung der Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats möglich, die auch in gesellschaftlichen Krisensituationen strikt eingehalten werden müßten. Dies sei die zentrale Erfahrung aus den Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

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