Den Unterdrückern die Stirn

Die Genese der Autonomie Südtirols nahm mit dem Vertrag von London vom 26. April 1915 ihren Ausgang. Damals vereinbarte Italien mit Großbritannien Bedingungen für einen Wechsel Roms auf die Seite der Entente. Italien erhielt als Gegenleistung für die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn Gebietsgewinne zugesprochen. Nach Paragraph 4 wurde Italien beim „kommenden Friedensschluߓ das „Gebiet des Trentino, ganz Südtirol bis zu seiner natürlichen geographischen Grenze, als welche der Brenner anzusehen ist“, zuerkannt. In Saint Germain konnte Rom dann seinen Anspruch auf Südtirol behaupten. Die Proteste der Republik Deutsch-Österreich blieben wirkungslos. Noch am 22. November 1918 hatte die Nationalversammlung in Wien ein „Gesetz über Umfang, Gren-zen und Beziehungen des Staatsgebietes“ verabschiedet und „die Grafschaft Tirol mit Ausschluß des geschlossenen italienischen Siedlungsgebiets“ gefordert. Die Deutsch-Österreicher beriefen sich wie die Südtiroler, Sudetendeutschen, Deutsch-Untersteirer und Kärntner auf das nationale Selbstbestimmungsrecht. Die neuen Grenzen Europas wurden aber nach dem Siegerwillen gezogen: Südtirol, Welschtirol (Trentino) und das Kärntner Kanaltal fielen nach Artikel 381 des Friedensvertrages von Saint Germain Italien zu. Dableiber wählten Andreas Hofer als Identifikationsfigur Es folgte eine Phase der kulturellen Romanisierung und sprachlichen Assimilation. Der italienische Kulturimperialismus entfaltete einen omnipotenten Machtanspruch und drängte die deutsche Volksgruppe an den gesellschaftlichen Rand. Die 250.000 Südtiroler sahen sich in ihrer Identität bedroht. Am 29. Oktober 1922 übernahm Benito Mussolini die italienische Regierungsgewalt. Für Südtirol hatte der Duce ein radikales Programm geschmiedet. Der Ethnozid an den Südtirolern sollte durch eine massenhafte Ansiedlung von Italienern, eine rücksichtslose Industrialisierung, die Eliminierung des deutschen Elements aus Politik und Verwaltung sowie durch eine Aussiedlung der Südtiroler erreicht werden. Es folgte das Verbot der deutschen Unterrichtssprache, die Entlassung des deutschen Lehrpersonals, die Einführung der italienischen Amtssprache und die Entfernung der deutschen Ortsnamen und Aufschriften. Selbst auf Grabsteinen wurden deutsche Vor- und Familiennamen italienisiert. Der Anschluß Österreichs und des Sudetenlands an das Deutsche Reich brachte die Südtiroler in eine politisch heikle Situation. In beiden Fällen hatte Mussolini Hitler versprochen, nicht gegen die Interessen Berlins zu agieren. Als Gegenleistung stimmte Hitler in einem Geheimabkommen der Aussiedlung der Südtiroler zu. Was in der deutschen Propaganda als „Akt der Rettung des Deutschtums der Südtiroler“ dargestellt wurde, war in Wirklichkeit Großmachtstreben auf Kosten einer kleinen Volksgruppe. Hitler und Mussolini unterzeichneten am 21. Oktober 1939 ein Abkommen zur Umsiedlung der deutschen und ladinischen Volksgruppe sowie der deutschsprachigen Zimbern aus der Provinz Trient. Die Südtiroler sollten nach Galizien auf ehemals polnische Bauernhöfe umgesiedelt werden. Die Bevölkerung reagierte empört, der Deutsche Verband (DV) sprach sich für den Verbleib in der Heimat aus. Berlin setzte auf Propaganda und spannte dafür den Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) ein. Am Ende entschieden sich 166.488 Südtiroler für die Umsiedlung. Zählt man die Kinder hinzu, waren es über 213.000 Personen, was 85 Prozent der gesamten Südtiroler Bevölkerung ausmachte. Von der Umsiedlung waren dann bis 1943 knapp 75.000 Südtiroler betroffen. Der Kriegsverlauf nach dem Sturz des Mussolini-Regimes beendete das Umsiedlungsprogramm der Südtiroler. Gegen die Aussiedlung hatte sich vor allem der katholische Klerus ausgesprochen. An der Spitze der „Dableiber“ stand Canonicus Michael Gamper. Unter seiner Führung wurde 1939 der Andreas-Hofer-Bund (AHB) gegründet. Gamper wollte die „Dableiber“ vor der reichsdeutschen Optionspropaganda schützen und Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisten. Daß Andreas Hofer als ehemaliger Kommandant der Südtiroler Schützen als Namenspatron herhalten mußte, lag auf der Hand. Andreas Hofer war am 22. November 1767 im Südtiroler Passeiertal in St. Leonhard zur Welt gekommen. Nach den für die damalige Zeit üblichen Wanderjahren übernahm er 1791 den Sandhof. Seit 1790 saß er zudem als Abgeordneter im Tiroler Landtag. Nach der Schlacht von Austerlitz fiel die Grafschaft Tirol an Bayern, das dem napoleonischen Rheinbund angehörte. Maßnahmen wie die Säkularisierung des kirchlichen Vermögens, die Entlassung von Priestern, die Auflösung von Klöstern oder die Einschränkung von Wallfahrten und Prozessionen erweckten in der Tiroler Bevölkerung Widerstand gegen die bayerisch-französische Besatzung. 1808 beauftragte Erzherzog Johann Hofer mit der Führung des Widerstands gegen Bayern im Passeiertal und im Vinschgau. In drei erfolgreichen Schlachten bezwang Hofer die bayerisch-französische Allianz am Berg Isel bei Innsbruck. In den Frieden von Znaim und Schönbrunn mußte Wien jedoch dem Abzug seiner Truppen aus Tirol zustimmen. Tirol fiel trotz der Siege Hofers wieder Bayern zu. Es kam schließlich zum Bruch mit dem österreichischen Herrscherhaus. Hofer kämpfte weiter, trat ein viertes Mal am Berg Isel an und verlor. Am 20. Februar 1810 wurde er in Mantua hingerichtet. Widerstand gegen massive Politik der Italienisierung Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte ein Großteil der Südtiroler Optanten in ihre Heimat zurück. Die politische Wiedergeburt wurde von den „Dableibern“ aus AHB und DV organisiert. Sie gründeten die Südtiroler Volkspartei (SVP), um den Südtirolern ihre „kulturellen, sprachlichen und wirtschaftlichen“ Rechte „aufgrund demokratischer Geltung zu verschaffen“. Noch lange Jahre sollte der Streit zwischen den „Optanten“ und den „Dableibern“ die Südtiroler bis in die Familien hinein spalten. Obwohl die Grenzen von 1918 nicht zur Diskussion standen, wollten die Alliierten die faschistische Tradition in Südtirol verhindern. Jetzt sollte aber nicht mehr Deutschland, sondern Österreich die Interessen der Südtiroler vertreten. Das entsprach auch dem Wunsch der Südtiroler Führung. Loslösung Südtirols vom Trentino gefordert Das Pariser Abkommen (Gruber-De Gasperi-Abkommen) vom 5. September 1946 sicherte den Südtirolern in Artikel 1 die volle Gleichberechtigung gegenüber der italienischsprachigen Bevölkerung, den Gebrauch der deutschen Unterrichtssprache, die Gleichberechtigung der deutschen Sprache im amtlichen Verkehr, das Recht, deutsche Vor- und Familiennamen zu führen, und gewährte der Region eine autonome regionale Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt. Zwei Jahre später erhielt die neu gegründete Region Trentino-Südtirol die Autonomie verliehen. Das Abkommen wurde dem österreichisch-italienischen Friedensvertrag von 1947 beigelegt. Rom tat aber wenig zur Umsetzung der Autonomie und setzte den schleichenden Italienisierungsprozeß fort. Der Druck der Basis auf die Führung der SVP nahm zu. Man verlangte ein Ende der Schein-Autonomie. Als Silvius Magnago als neuer SVP-Obmann die Loslösung Südtirols vom Trentino forderte, radikalisierte sich die politische Lage. Sepp Kerschhofer rief einen Befreiungsausschuß Südtirol (BAS) ins Leben. Zwischen 1956 und 1969 kam es zu zwei Anschlagserien, die anfänglich nur auf die Zerstörung italienischer Einrichtungen abzielten. Die rücksichtslose Verfolgung der „Bumser“, wie die Widerständler wegen ihrer Sprengstoffanschläge auf faschistische Denkmäler aber auch Infrastruktureinrichtungen wie Strommasten genannt wurden, und ihrer Familien durch die italienischen Behörden wie auch der Verlust von Menschenleben auf beiden Seiten vergiftete über lange Jahre das politische Klima zwischen Brenner und Salurner Klause. Österreich versuchte mit Italien zu verhandeln. Rom ließ aber die Österreicher mit dem Hinweis abblitzen, kein Mandat in der Südtirol-Frage zu besitzen. Bruno Kreisky brachte schließlich die Südtiroler-Autonomie vor die Vereinten Nationen. Die UN-Resolution 1497/XV bestätigte die Gültigkeit von Artikel 1 des Pariser Abkommens und sprach Österreich das Recht zu, sich mit Südtirol zu befassen. Es folgte eine neue Ära der diplomatischen Streitbeilegung. Die Verhandlungen dauerten bis Ende der sechziger Jahre, ehe eine Lösung gefunden werden konnte. Das Südtirol-Paket erweiterte die Autonomie, die seither mit anderen Regionen in der italienischen Verfassung verankert ist. Am 11. Juni 1992 gab Österreich in der Südtirol-Frage eine Streitbeilegungserklärung ab. Mit diesem Schritt erkennt Österreich an, daß Italien seine Verpflichtungen aus dem Autonomiepaket erfüllt. Die Proteste gegen die Teilung Tirols und für Selbstbestimmung rissen dennoch bis heute nicht ab. Fotos: Proteste für Selbstbestimmung 1957: Ohnmacht gegen die Mißachtung der Autonomie-Rechte gipfelte im bewaffneten Widerstand, Faschistendenkmal in Bozen 2007: Mussolinis Ziel war die Eliminierung des deutschen Elements aus Politik und Verwaltung, Protestmarsch „Gegen Faschismus – Für Tirol“ am 8. November 2008 in Bozen: Schleichender Italienisierungsprozeß

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