Über das Meer in die Freiheit

Sein Traum war es immer, zur See zu fahren. Und hätte man ihn gelassen, so wäre er vermutlich nicht aus der DDR geflohen. Doch Erhard Schelter durfte nicht. Weil er sich geweigert hatte, mit der Stasi zu kooperieren. Weil er 1968 den Einmarsch der Sowjets in die CSSR kritisierte. Vierzehn Mal hatte er sich als Schiffselektrotechniker beworben. Vierzehn Mal wurde er abgelehnt. Erhard Schelter ist sich sicher: „Wenn ich bei der Stasi mitgemacht hätte, wäre ich genommen worden.“ Aber das wäre für ihn das Letzte gewesen, wie er sagt. „Das ist Dienst am Frieden“, hatten die ihm einzureden versucht — vergeblich. Statt dessen wuchs bei dem heute 68jährigen immer stärker der Wunsch, aus der DDR zu fliehen.  Wie sein Schulfreund Peter Döbler. Der war 1971 spektakulär von Kühlungsborn aus über die Ostsee nach Fehmarn geschwommen. 48 Kilometer in 25,5 Stunden. Allein. Dazu noch in der Nacht. „Ich bin mit der See groß geworden“, nennt der 68jährige den Grund  für das Wunder. Der Chirurg kannte sich aus, hatte die Seekarten im Kopf, wußte Bescheid über Meeresströmungen, wußte, wie er sich in der Nacht an den Sternen orientieren konnte. Und er wählte eine wenig bewachte Strecke. Zu abwegig war der Gedanke, die weite Distanz zu schwimmen. Döbler tat es dennoch: mit Taucheranzug, Kinder-Schwimmring, einem Kompaß und Schokoladenriegel. „Ohne Vorkenntnisse hat man keine Chance“, erklärt er. Fünftausend DDR-Bürger wagten zwischen 1949 und 1989 die Flucht über die Ostsee. Nur 600 erreichten ihr Ziel. Zu oft wurden Fluchtversuche von DDR-Grenzpatrouillen vereitelt, zu oft unterschätzten die Flüchtenden die Tücken der See. „Wer einfach mal so losschwimmen wollte, war verloren“, sagt Döbler. Vor allem Wind und Meeresströmungen seien unterschätzt worden.  „Es gab Leute, die sind vom Darß gestartet, kamen in Hiddensee oder Rügen an und dachten, sie wären in der Freiheit“, erinnert sich der heutige Facharzt für Urologie. Doch Döbler kannte sich aus, startete seine Flucht bewußt im Sommer und wartete auf leichten Südwestwind, der ihn in die richtige Richtung trieb. „Mit Gegenwind rüberschwimmen ist praktisch unmöglich“, wußte er. Dennoch: Seine Kleidung war von Hunden im Gebüsch aufgespürt worden. DDR-Grenzboote suchten ihn. „Ich sah ihre Scheinwerfer, aber sie entdeckten mich nicht.“ Mehr als zwanzig Jahre später lernte er auf den Kapverdischen Inseln einen Touristen aus Rostock kennen. Als Döbler ihm erzählte, daß er auch mal  da wohnte und aus der DDR über die Ostsee geflohen war, machte der große Augen. „Sagen Sie nichts. Sie sind Peter Döbler“, entgegnete er nur — und gab sich als ehemaliger Einsatzleiter auf dem DDR-Grenzboot zu erkennen, das ihn einst gesucht hatte. „Der hatte gewaltiges Glück gehabt“, meint sein Schulfreund Erhard Schelter über die Flucht Döblers. Er kann es beurteilen. Drei Jahre später folgte er dem Beispiel seines Freundes. Döbler versorgte ihn mit allen Informationen, die er bei seiner Flucht gesammelt hatte.  Auch besorgte er ihm die nötige Ausrüstung. Als Botin fungierte Schelters Schwester Roswitha Steinbiss, die bereits in der Bundesrepublik lebte und ihren Bruder gelegentlich in der DDR besuchte. Über Jahre erhielt Schelter so nach und nach seine Ausrüstung: Seekarten, Kompaß, Medikamente. Er schwamm, unternahm Tauchübungen. Zwei Wochen vor seiner Flucht lernt er während des Trainings Volker Hameister kennen. „Hameister, was willst du eigentlich?“ fragt Schelter ihn irgendwann geradeheraus. „Und was willst du?“ entgegnet der nur. Schelter offenbart sich: „Ich habe die Schnauze voll.“ „Ich auch“, antwortet Hameister prompt. „Mehr hatten wir nicht gesagt, aber jeder wußte, was gemeint war“, erinnert sich Erhard Schelter. Was er damals noch nicht wußte: Hameister  hatte bei einem Unfall einen Arm verloren, der ihm im Krankenhaus wieder angenäht worden war. Der Name des Chirurgen, der ihn operierte: Peter Döbler. Am 20. September 1974 verläßt das Duo in der Dämmerung die mecklenburgische Küste bei Boltenhagen. Von dort ist die Distanz zum westdeutschen Ufer kürzer. Und gefährlicher. Denn der Küstenabschnitt in der Lübecker Bucht wird scharf bewacht. Ihr Ziel ist Dahme in Holstein, ein kleiner Ort zwischen Neustadt und Oldenburg. Weil das Licht des Dahmer Leuchtturms von der mecklenburgischen Küste aus zu sehen ist, gilt er als Licht der Freiheit. Und bot den Flüchtenden Orientierung. Doch schon nach einer Stunde macht sich Hameisters Verletzung bemerkbar. „Von ihm kam nur noch ein Japsen und Röcheln“, erzählt Schelter. „Laß uns umkehren, es hat keinen Zweck“, bittet Hameister, der mit seinen Kräften am Ende ist. „Hameister, die Aktion läuft jetzt, wir können nicht mehr zurück“, bleut ihm Schelter ein.  Er legt Hameister den mitgenommenen Kinderreifen um, hält ihn so über Wasser, zieht ihn mit sich. „Ich war total gedopt, ich hätte Bäume ausreißen können“, sagt Schelter. Der Grund: Der Mediziner Peter Döbler hatte ihm Aufputschmittel zukommen lassen, die ihm den harten Weg über das Meer erleichtern sollten. Doch die starke Strömung trieb das Duo in Richtung Dänemark. Unter dramatischen Umständen konnten sie von einer Fähre der Reederei TT-Line gerettet werden, während zwei DDR-Grenzboote noch versuchten, die Bergung zu verhindern. Erhard Schelter ergriff die Gunst der Stunde, heuerte auf einem der TT-Line-Fährschiffe als Schiffs­elektrotechniker an. „Da bin ich dann 34 Jahre zur See gefahren“, sagt er mit zufriedenem Lächeln. Er weiß: Seinen Traum von der Arbeit auf See konnte ihm das kommunistische DDR-Regime nicht zerstören. Foto: Ein Taucheranzug schreibt Fluchtgeschichte: Mit dem Froschmanndress schwamm Erhard Schelter 16 Stunden in der Ostsee; Peter Döbler: Endlich frei

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