Gefahr für den schutzlosen Osten

Wenn sich dieser Tage die Beendigung des Ersten Weltkriegs zum neunzigsten Mal jährt, wird damit in der Öffentlichkeit vor allem das Ende des Kaiserreiches und die Gründung der ersten Deutschen Republik in Verbindung gebracht. Daß die sich an das Kriegsende anknüpfenden Bedingungen der Siegermächte aber auch einen nicht geringen Anteil am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trugen, gehört heute hingegen zu den historischen Wahrheiten, die einer vorrangig volkspädagogischen Interpretation der deutschen Geschichte zum Opfer gefallen sind. Zwar schloß das Deutsche Reich am 11. November im Wald von Compiègne einen Waffenstillstand, dessen Bedingungen kaum härter und demütigender hätten sein können, dennoch schwiegen die Waffen auch in den folgenden Monaten nicht. Vor allem im Osten sah sich das Reich weiterhin feindlichen Übergriffen ausgesetzt, wo polnische Großmachtsträume ganze Provinzen gefährdeten. Die Provisorische Regierung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert hatte nach der Kapitulation alle Hände voll damit zu tun, die Situation in der revolutionär aufgeladenen Reichshauptstadt unter ihre Kontrolle zu bringen. In dieser Lage schienen die deutschen Ostgrenzen und die dortigen Gebiete zweitrangig. Die Oberste Heeresleitung (OHL) sah sich jedoch im Osten drei gewaltigen Aufgaben gegenüber: Rückführung des Ostheeres, Sicherung der Grenzen vor nachdrängenden Bolschewisten und Organisieren eines Widerstandes gegen polnische Insurgenten in den Ostprovinzen. Vor allem in Posen duldeten die Ereignisse keinen Aufschub. Polen beanspruchte weite Teile deutscher Ostgebiete Die neue polnische Regierung mit Staatschef Józef Piłsudski hatte es von Anfang an darauf abgesehen, ihr Staatsgebiet so weit wie möglich nach Westen auszudehnen. Der polnische Reichstagsabgeordnete Wojciech Korfanty hatte bereits in seiner Berliner Reichstagsrede Ende Oktober 1918 unmißverständlich klargemacht, daß Polen dabei die deutschen Ostgebiete zu weiten Teilen für sich beanspruchte. Neben seinen Truppen, zu denen auch zahlreiche polnische Soldaten aus dem heimkehrenden deutschen Heer gehörten, versuchte Polen seine Ansprüche vor allem durch das Einsetzen sogenannter „Volksräte“ in den Ostprovinzen durchzusetzen. Diese wurden seit dem 14. November zentral durch den Obersten Volksrat organisiert, dem auch Korfanty angehörte. Sein Ziel war es, daß der polnische Volksrat schnellstmöglich die Verwaltung in der preußischen Provinz Posen übernehmen sollte. In der gleichnamigen Hauptstadt Posen äußerste er den Wunsch, mit den deutschen Arbeiter- und Soldatenräten zusammenzuarbeiten, wenn diese ihm dafür Sitze und Stimmrechte einräumten. Nachdem man sich auf paritätische Besetzung geeinigt hatte, dauerte es allerdings nicht lange, bis die Polen die Zügel an sich rissen. Sie organisierten die Bürgerwehren nahezu ohne deutsche Beteiligung. Gleichzeitig lösten sie die Garnisonsregimenter auf, wobei sie die deutschen Soldaten nach Hause schickten, die polnischen jedoch unter verschiedenen Vorwänden zurückhielten. Die deutschen Dienststellen und Behörden traf das aggressive polnische Vorgehen, von dem auch Westpreußen, Oberschlesien sowie weite Teile Ostpreußens nicht verschont blieben, völlig unvorbereitet. Die OHL reagierte am 15. November mit der Bildung des Armee Oberkommandos (A.O.K.) Heimatschutz-Ost und der Aufstellung von Freiwilligenverbänden. Diese meist vor Ort durch jüngere Frontoffiziere zusammengestellten und auch nach ihren Gründern benannten Einheiten wurden zum Kern der ersten wirklichen Freikorps an der deutschen Ostgrenze. Ihre Führer wie der junge Hauptmann Peter von Heydebreck, der 1914 in den Argonnen seinen linken Arm verloren hatte, oder die Oberleutnante Hubertus von Aulock und Gerhard Roßbach sollten bald im ganzen Reich bekannt werden. Auch im übrigen Reichsgebiet entstanden im Laufe der nächsten Wochen und Monate zahlreiche Freikorps, die neben dem Grenzschutz vor allem bei der Bekämpfung spartakistischer Aufstände im Innern sowie zum Kampf gegen die Bolschewisten im Baltikum zum Einsatz kamen. Es war nicht überraschend, daß die Aufstellung des A.O.K. Heimatschutz-Ost für heftige Proteste seitens des Obersten Polnischen Volksrats sorgten. In Berlin reagierte man jedoch beschwichtigend und versprach, keine weiteren Truppen in die Ostgebiete zu entsenden. Außerdem wurde das A.O.K. Heimatschutz-Ost in die weniger kriegerisch klingende „Zentrale Grenzschutz-Ost“ umgewandelt. Wesentlich schwerer wog aber, daß man sich deutscherseits bereit erklärte, nur „bodenständige“ Truppen, also örtliche Ersatzbataillone, die zu großen Teilen aus Polen bestanden, unter das Kommando der Zentrale Grenzschutz-Ost zu stellen. Die Konsequenz zeigte sich wenig später während des kurz nach Weihnachten in der Stadt Posen ausbrechenden polnischen Aufstands: Der größte Teil der deutschen Truppen schlug sich auf die Seite der Polen. Bis Anfang Januar ging nahezu ganz Posen verloren. Lediglich in den rein deutschen Gebieten am Rand der Provinz (Grenze zu Niedersschlesien, die westliche Grenzmark und das Netzetal) waren rechtzeitig aufgestellte Freiwilligenverbände in der Lage, dem Ansturm der Polen etwas entgegenzusetzen. Ihre Zahl wuchs allerdings, nachdem die Reichsregierung am 9. Januar einen Freiwilligenaufruf für den Grenzschutz erlassen hatte. Langsam gelang es den Freikorps und Freiwilligenverbänden, das verlorene Gebiet Stück für Stück zurückzukämpfen — auch weil sich die OHL mittlerweile vollkommen auf die Kämpfe in der Ostmark konzentrieren konnte, nachdem sie die Verantwortung für die Lage im Innern des Reiches an den Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske (SPD), abgegeben hatte. Siegermächte verboten die Verteidigung der Ostprovinz Doch der Erfolg war nur von kurzer Dauer. Mit einer breit angelegten Offensive wollte die OHL wenigstens den Gebietszustand von 1914 wieder herstellen, als die polnische Regierung bei den Entente-Mächten protestierte. Während der Verhandlungen zur Verlängerung des Waffenstillstands Mitte Februar verlangte der französische Marschall Ferdinand Foch daraufhin, daß Deutschland sämtliche Offensivbewegungen gegen Polen einstelle. Zudem wurde eine Demarkationslinie festgelegt, die in etwa der Hauptkampflinie in Posen entsprach. Da Deutschland keinen Verhandlungsspielraum hatte, mußten sich die politischen Verantwortlichen dem Druck der Siegermächte beugen. Groß war die Enttäuschung bei den im Grenzschutz Ost eingesetzten Freikorps, als der Chef der Waffenstillstandskommission, Matthias Erzberger (Zentrum), am 16. Februar ein entsprechendes Abkommen unterzeichnete. Die von Polen besetzten Teile Posens schienen damit verloren. Dennoch hofften viele Freikorps weiterhin, daß die Offensive wieder aufgenommen und die Polen vollständig aus der Ostmark zurückgedrängt würden. Doch auch diese Hoffnung starb, als die Reichsregierung im Juni des Jahres der Unterzeichnung des Versailler Vertrags zustimmte. Die Provinz Posen wurde aufgelöst und fiel nahezu gänzlich an Polen. Der Kampf der Freikorps gegen die polnischen Insurgenten in den übrigen Ostprovinzen, vor allem in Oberschlesien, sollte jedoch noch weitere Jahre andauern. Foto: Freikorpssoldaten des Heimatschutz-Ost rücken 1919 in der Provinz Posen vor: Vom aggressiven polnischen Vorgehen überrascht, Werbeplakat 1919: Verlorene Gebiete zurückerkämpfen

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