Das Ende der armen Soldaten Christi

Sie kamen noch vor dem Morgengrauen. Es war der 13. Oktober des Jahres 1307. Vor wenigen Stunden hatten in allen französischen Provinzen die Kommandanten der königlichen Polizei auf Befehl König Philipps IV. ein Geheimschreiben geöffnet, welches bereits Wochen zuvor im ganzen Reich verschickt worden war. In einem genauestens ausgearbeiteten Plan ordnete Philipp IV. hier eine der größten Polizeiaktionen der Geschichte an. Auftakt für die totale Vernichtung eines geistlichen Ordens, der schon zu seiner Blütezeit von Sagen umrankt war und bis heute die Phantasien beflügelt. Diese Woche jährt sich dieses Ereignis zum siebenhundertsten Mal, welches an Bedeutung für die europäische Geschichte kaum überschätzt werden kann – die Verhaftung der Tempelritter.

Aus Sicht Philipps IV. und seines Beraters Wilhelm von Nogaret war der Aktion ein beispielloser Erfolg beschieden. In über tausend Komtureien und sonstigen Niederlassungen wurden die Templer im Schlaf überrascht und kampflos abgeführt. Lediglich zwölf Brüder entkamen dem Zugriff des Königs. So konnte sich Nogaret rühmen, alleine in Paris 138 Ordensangehörige verhaftet und im eigenen Hauptsitz – dem sogenannten Tempel – festgesetzt zu haben. Die Überraschung für die Templer schien perfekt. Besuchte doch noch tags zuvor Philipp IV. mit dem Großmeister des Templerordens, Jacques de Moley, gemeinsam eine Messe. Wohlwissend, daß dieser nur wenig später unter schärfster Folter Dinge gestehen sollte, deren einziger Zweck die Aneignung des Ordensvermögens durch den König war.

Die Position des Königs als Zentralgewalt gestärkt

Diesem Zweck diente auch eine umfangreiche Propaganda, mit der im Vorfeld Gerüchte über Verbrechen des Ordens gestreut wurden. Diese Gerüchte, fielen durch ein gewisses geheimnisvolles Gebaren der Mitglieder gegenüber der Außenwelt auf dankbaren Boden. Denn indem der Ruf der Templer nachhaltig angegriffen wurde, konnte Philipp IV. von dem Umstand ablenken, daß er mit der Verhaftung eigentlich einen krassen Rechtsbruch beging. Denn ein Privileg des mächtigen Templerordens war es, daß er sich einzig und allein nur dem päpstlichen Gericht gegenüber verantworten mußte. Noch 1303 verbürgte sich der französische König in einem Schutzbrief für die Sicherheit der Tempelherren. So aber konnte Philipp IV. einen Tag nach der Verhaftung im ganzen Land durch Anschläge verkünden, daß er zwar selbst diesen „abscheulichen Gerüchten“ zunächst nicht glauben wollte, aber sich nun zu diesem Schritt gezwungen sehe.

Papst Clemens V. war außer sich vor Empörung. Schlußendlich war er aber eine willenlose Marionette in den Händen des Königs, hatte dieser doch erst vier Jahre zuvor dessen Vorgänger Bonifaz VIII. durch Nogaret aus dem Weg räumen lassen – selbst in dem teilweise gewiß rauhen Verhältnis zwischen den deutschen Kaisern und den Päpsten eine beispielslose Unverfrorenheit. So kam es, wie es kommen mußte. Heute bewerten einige Historiker Philipp IV. als denjenigen, der die übernationale Macht des Papsttums nachhaltig brach, die Position des Königs als Zentralgewalt stärkte und damit die Weichen für den säkularen, modernen Staat ebnete, wie er sich zuerst im französischen Absolutismus entwickeln sollte. Andere bewerten ihn jedoch als Initiator eines grausamen politischen Schauprozesses, welcher das irrlichternde Vorspiel nicht nur für das Ende des Mittelalters darstellt.

Das neue Ideal des asketischen Gotteskriegers

Das Wirken der Templer ist untrennbar mit den Kreuzzügen verbunden. Um 1118 bildete sich in Jerusalem eine Ritterschaft um Hugo von Payens, die sich für das geistliche Leben als Mönche entschied. Die Besonderheit dabei war, daß sie nach wie vor die militärische Sicherung der Pilgerwege als ihre Aufgabe betrachtete. Eine revolutionäre Ansicht, die mit dem bisherigen mittelalterlichen Weltbild und seinem strikten Antagonismus zwischen der geistig-frommen Lebensweise des Mönches und der weltlich-kriegerischen des Adels brach. Die Legende besagt, daß der König von Jerusalem diesen ungewöhnlichen Mönchen seinen alten Palast zur Verfügung stellte, der auf den Ruinen des salomonischen Tempels erbaut sein sollte. So soll es zu dem späteren Namen der Tempelherren gekommen sein.

Die für das Christentum ungewöhnliche Synthese wurde nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit dem Islam notwendig, bindet dieser doch das kriegerische Ethos ein. Gewissermaßen als christliche Antwort bildeten die Templer nun den radikal neuen Typus des „armen Soldaten Christi“ aus. Auf einer Reise durch Europa warb Payens für dieses neue Ideal des asketischen Gotteskriegers. Unter reger Beteiligung der Kirche wurden auf dem Konzil von Troyes 1129 die Ordensregeln durch keinen Geringeren als Bernard von Clairvaux ausformuliert, der wenig später seine berühmte „Lobrede auf das neue Rittertum“ verfaßte. Nicht zuletzt durch seine Unterstützung sollte der Templerorden einen raschen Aufstieg zur beherrschenden Macht in Europa machen – bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der bis heute als „Freitag der Dreizehnte“ sprichwörtlich geblieben ist.

Wie im Leben, so bleibt der Templerorden auch im Untergang von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Denn wahrscheinlich war es nicht der Fall, daß für die Templer der Zugriff des Königs so völlig überraschend kam. Forschungen deuten sogar darauf hin, daß das königliche Geheimschreiben möglicherweise vorher abgefangen wurde. Um so unverständlicher wird es, daß die nach wie vor größte und schlagkräftigste militärische Macht Europas sich widerstandslos ihrem überaus harten Schicksal ergab. Fast scheint es so, als wenn die „Soldaten Christi“ ihrem Herrn bis zum bitteren Ende folgen wollten. Rätselhaft bleibt so ihr Ende und unerklärlich, wie das Geschehen im Garten Gethsemane. Und leicht spöttisch klingt es uns aus dem Mund der Templer entgegen: „Von unserem Leben seht ihr nur die Borke, die außen ist, doch ihr seht nicht die mächtigen Gebote im Innern.“

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