Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Polnische Sicht stärken

Als höchster politischer Vertreter bekundete Georg Boomgarten, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die wichtige Rolle des vergangene Woche feierlich eröffneten Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften, wie der offizielle Name lautet. Nun würden „die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Shoa“ im deutsch-polnischen Dialog aufgearbeitet. Das „Werk der Versöhnung“ sei nicht abgeschlossen, immer noch gebe es, so Boomgarten, „zu viele Sichtweisen“. Deshalb sei es erfreulich, daß künftig die „polnische Sicht“ stärker berücksichtigt werde. Nachdem bereits am 11. Oktober die Gründung des Instituts erfolgte, wurde nun das offizielle Programm nachgereicht. Insbesondere die Ernennung des Institutsleiters Robert Traba zum Honorarprofessor der Freien Universität (FU) Berlin stand als nicht unwesentliche Formalie noch aus. Aufgabe der Einrichtung soll es sein, „historische und aktuelle Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen im europäischen Kontext zu erforschen“. Die prominenten Gastredner, die dem eher nüchternen Hörsaal der juristischen Fakultät etwas staatsmännischen Glanz verliehen – Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und der frühere polnische Außenminister Władysław Bartoszewski – stimmten in die Versöhnungsrhetorik ein, indem sie in ihren Grußworten die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit einforderten, „um Orientierung für die Zukunft zu finden“, wie Weizsäcker erklärte. Bartoszewski rief das Schicksal Polens im „von der aggressiven Nazi-Ideologie“ vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg in Erinnerung, des „Volkes, das vom Krieg besonders heimgesucht wurde“. Trotz der verdeckt feindseligen Anspielungen in Richtung Erika Steinbach und den Bund der Vertriebenen, die von den anwesenden Wissenschaftlern aus Polen und Deutschland unisono mit sympathiebekundendem Geraune begleitet wurden, erinnerte Bartoszewski in seiner auf deutsch gehaltenen Rede daran, daß „auch unzählige Menschen der deutschen Bevölkerung“ von Gewalttaten und Verbrechen betroffen waren „und daß zu den Tätern auch die Polen gehörten“. Der polnische Historiker Traba, Gründungsdirektor des Zentrums für Historische Forschung, der bereits 1993 bei der Entstehung des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Warschau mitwirkte und mit der deutsch-polnischen Vergangenheit schon allein durch seine Tätigkeit beim Allensteiner Geschichtsverein Borussia und als Chefredakteur der gleichnamigen Zeitschrift befaßt ist, möchte zusammen mit der vorhandenen wissenschaftlichen Infrastruktur, insbesondere dem Osteuropainstitut an der FU Berlin, an die Arbeit des DHI anknüpfen. Damit entspräche er dem Grundgedanken des Deutsch-Polnischen Vertrages von 1991, der die Gründung beider Einrichtungen anstieß. Anders als das DHI in Warschau, welches finanziell wesentlich aus Deutschland getragen wird, stehe die Finanzierung des neuen Instituts „auf verschiedenen Säulen“, wie Jan Strelau von der Polnischen Akademie der Wissenschaften versichert. Die „Administration“ werde aus Warschau gesteuert, die „Forschung“ finanziere Berlin. Daß damit Deutschland wohl den Löwenanteil tragen wird, bleibt versöhnlich unerwähnt. Trotz allem können Strelau wie auch Traba eine politische Einflußnahme über den Geldhahn, wie sie derzeit die Kaczyński-Regierung beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk praktiziere, nicht explizit ausschließen. „Ich hoffe, der Fall des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes bleibt ein Sonderfall“, gibt sich Traba kleinlaut. Vorsorglich habe man aber die Budgethoheit über die Warschauer Gelder beantragt.

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