Joachim Kuhs

 

Der Retter einer jungen Republik

Nach vier Jahren erbitterter Kämpfe gegen eine Übermacht, war Deutschland im November 1918 besiegt. Die Soldaten an der Front waren erschöpft, die Heimat demoralisiert. Deutschland mußte um Waffenstillstand nachsuchen, den die Alliierten nur abschließen wollten, wenn der Kaiser zurücktritt. Der zog sich in die Niederlande zurück, und sein Reichskanzler Prinz Max von Baden übergab das Amt dem Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert. Nach Änderung der Reichsverfassung wurde Deutschland zu einer parlamentarischen Demokratie. In Kiel meuterten auf einigen Großkampfschiffen der Kaiserlichen Flotte Mannschaften; sie waren seit zwei Jahren nicht eingesetzt worden. Spartakisten und Unabhängige Sozialdemokraten versuchten, die Meuterei zur Revolution mit dem Ziel auszuweiten, aus Deutschland eine Räterepublik nach dem Muster der Sowjetunion zu machen. Überall im Lande brachen kommunistische Aufstände auf. Die gekrönten Häupter räumten ohne Widerstand die Throne. Das Heer marschierte aus Belgien und Frankreich geordnet in die Heimat. Dort angekommen, lösten sich die meisten Einheiten auf. Im Osten, wo deutsche Truppen ein Jahr nach der Niederlage des zaristischen Rußlands noch tief im Feindesland standen, fluteten sie, die viel zu lange zersetzender Propaganda ausgesetzt gewesen waren, häufig unter chaotischen Umständen nach Deutschland zurück, so Polen die Möglichkeit gebend, sich der deutschen Provinzen Westpreußen und Posen zu bemächtigen. Zwar war Deutschland nun eine Demokratie, doch fehlte dem „Rat der Volksbeauftragten“, aus dem Anfang 1919 eine neue Reichsregierung unter Reichspräsident Ebert wurde, jedes Machtmittel, um Ruhe und Ordnung im Lande wiederherzustellen. In Berlin besetzten Meuterer Schloß und Marstall und belagerten sogar den Sitz des Reichskanzlers. Dem blieb nichts anderes übrig, als die Oberste Heeresleitung zu bitten, zusammen mit der neuen Regierung für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Die OHL, an der Spitze Generalfeldmarschall von Hindenburg, sagte zu, gemeinsam mit der Regierung den Bolschewismus zu bekämpfen. Jetzt galt es, einsatzfähige Truppen aufzustellen. Fronterfahrene Offiziere scharten Freiwillige um sich und bildeten Freikorps, die sie der neuen Reichsregierung unterstellten. Ebert hatte seinen Parteigenossen Gustav Noske, der im Reichstag Sprecher der SPD-Fraktion für Militärfragen war, beauftragt, zunächst in Berlin die Ordnung wiederherzustellen, dann wenige Wochen später als neu berufener Reichswehrminister ganz Deutschland zu befrieden. Bekannt ist heute noch seine Antwort: „Meinetwegen. Einer muß der Bluthund werden.“ Für die Erfüllung der zeitlichen Notwendigkeit Sobald die ersten Freikorps-Einheiten aufgestellt waren, marschierten sie, Gustav Noske als Minister in Zivil an der Spitze, in Berlin ein und kämpften die aufständischen Roten nieder. Angesichts des im ganzen Reich sich ausbreitenden Bürgerkrieges nahm die Zahl der Freikorps zu. Nach einer Schätzung des Historikers Harold J. Gordon waren es im Laufe der Zeit 148 Einheiten von unterschiedlicher Stärke. Die Offiziere und Soldaten waren nur in seltenen Fällen angetreten, um die parlamentarische Demokratie zu etablieren. Wohl aber sahen sie, das Land drohte, im revolutionären Chaos unterzugehen und im Osten weitere Gebiete an Polen zu verlieren. Ernst von Salomon, der mit seinen Büchern „Die Geächteten“ und „Der Fragebogen“ die wohl eindrucksvollsten Darstellungen dieses deutschen Nachkrieges lieferte, faßte zusammen: „Der Soldat des Nachkrieges focht nicht für irgendeine Form oder Art der Herrschaft, sondern für die Erfüllung der zeitlichen Notwendigkeit.“ Gustav Noske, geboren am 9. Juli 1868 in Brandenburg an der Havel, war ein eigenwilliger Kopf in der SPD, eher Pragmatiker als Ideologe, und wenn Ideologie eine Rolle spielte, dann eher die Gedanken eines Ferdinand Lassalles als die Karl Marx‘. Er verband sozialdemokratische gesellschaftliche Forderungen mit einem entschiedenen Patriotismus. Er teilte auch nicht die grundsätzliche Militärfeindschaft seiner Partei; dazu kannte er aufgrund seiner parlamentarischen Tätigkeit Heer und Marine zu gut. Daher vertraute er jetzt, da es um die Existenz des Reiches ging, den Offizieren. Die wiederum schätzten Noskes Kenntnisreichtum. So gelang es beiden Kräften gemeinsam, die Ordnung im Reich wiederherzustellen – in vielen Fällen nach schweren Kämpfen. Die zunächst von schwärmerischen Anarchisten und Sozialisten ins Leben gerufene bayerische Räterepublik beispielsweise, die dann in die Hände von Bolschewisten geriet, mußte auf Befehl Noskes kriegsmäßig eingeschlossen und gestürmt werden. Das allein kostete 719 Menschen das Leben, unter ihnen 121 Soldaten der Regierungstruppen. Die SPD verschweigt, die Kommunisten verfluchen ihn Als die Ordnung wiederhergestellt war, ging man daran, die Freikorps aufzulösen und durch reguläre Reichswehr zu ersetzen. Politiker des Kaiserreiches und einige Freikorpsführer glaubten nicht, daß die Weimarer Demokratie sich angesichts der Labilität der innen- wie außenpolitischen Lage würde behaupten können. Im März 1920 ließen sie – an der Spitze Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp und General Walther von Lüttwitz – dem Reichspräsidenten einen Forderungskatalog übergeben, in dem sie Neuwahlen zum Reichstag verlangten, die Direktwahl des Reichspräsidenten sowie die Schaffung eines Kabinetts von Fachleuten. Sowohl Reichspräsident Ebert als auch Reichswehrminister Noske lehnten es ab, sich von Soldaten politische Forderungen stellen zu lassen, und setzten General von Lüttwitz ab. Die Gewerkschaften, denen sich die Kommunistische Partei anschloß, riefen zum Generalstreik gegen den Putsch auf, der sehr schnell zusammenbrach, weil die meisten hohen Kommandostellen der Reichswehr wie auch die Beamtenschaft den Putsch ablehnten. Der Reichswehrminister sah sich schweren Vorwürfen nicht nur von seiten der Kommunisten, sondern von seiner eigenen Partei ausgesetzt. Man warf ihm vor, für den Putschversuch mitverantwortlich gewesen zu sein, da er dem alten Offizierkorps vertraut hatte. Schließlich mußte er das Ministeramt aufgeben. Nach ihm wurde nie wieder ein Sozialdemokrat Reichswehrminister, die Partei verharrte in ihrem grundsätzlichen Mißtrauen gegen alles Soldatische. Noske wurde Oberpräsident der Provinz Hannover und füllte das Amt nach allgemeinem Urteil vorbildlich aus. Angebote des nationalsozialistischen preußischen Ministerpräsidenten Göring, auch nach dem 30. Januar 1933 im Amt zu bleiben, lehnte Noske ab. Bis Kriegsende erhielt er ein Drittel der Bezüge eines amtierenden Präsidenten. Nach der deutschen Niederlage lebte er in Hannover. Am 30. November 1946 starb er nach einem Schlaganfall. Er liegt auf dem Engesohdener Friedhof begraben. Seine Partei verschweigt ihn, die Kommunisten verfluchen ihn noch heute, war er es doch, der durch Einsatz der Freikorps eine Sowjetrepublik Deutschland verhindert und das Fundament für die Weimarer Demokratie gelegt hatte. Als er 1907 als junger Reichstagsabgeordneter seine erste große Rede hielt, in der er sich dazu bekannte, daß es „unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, dafür zu sorgen, daß das deutsche Volk nicht von irgendeinem anderen Volk an die Wand gedrückt wird“, horchte die Öffentlichkeit auf. Das Berliner Tageblatt rätselte, wo man Noske einordnen könne, waren es doch ganz neue Töne, die man bislang von der SPD nicht gehört hatte. Die Zeitung kam zu dem Schluß: „Vielleicht ist er nichts als eine Persönlichkeit“. Gustav Noske hätte es verdient, wenn die Bundeswehr nach ihm eine Kaserne benennen würde. Am 60. Todestag wird die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft an Noskes Grab Blumen niederlegen. Sie lädt ihre Mitglieder und Freunde ein zu einer Vortragsveranstaltung am 30. November 2006 nach Hannover. Um 19.00 Uhr wird Hans Joachim von Leesen im Restaurant Ihmeblick, Roesebeckstr. 1, über „Gustav Noske und die Freikorps“ sprechen.

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