Vertreibungen sind durch nichts zu rechtfertigen

Auch wer zu kurz springt, landet. Im günstigsten Fall auf der – vielleicht gebrochenen – Nase. Im weniger günstigen im Abgrund oder an anderen unerfreulichen Orten. Solche Kurzspringer treten im Meinungsstreit um die Ursachen, Umstände und Folgen der Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen und südöstlichen Mitteleuropa geradezu epidemisch auf. Vier Varianten dieser politischen Geistesstörung lassen sich beschreiben: Erstens die bösartig-aggressive Variante – die Vertreibungen werden nicht einmal abgestritten, sondern von polnischen oder tschechischen Chauvinisten und deutschen Selbsthassern als verdiente Strafe für das angeblich seit ewig und auf ewig rassistische, nationalistische, militaristische Deutschland hingestellt. Zweitens die bösartig-ignorante Variante – die Vertreibungen werden teils schlicht geleugnet, teils um- und wegdefiniert als „Umsiedlungen“, „Grenzverschiebungen“, „bedauerliche Begleiterscheinungen“, „Exodus der Deutschen“. Drittens die offen kleingeistige Variante – nicht unmittelbar Betroffene sehen die Vertreibungen als schlimme Ereignisse, die aber nun einmal geschehen und vorbei sind, nur die Vertriebenen selbst angehen und allenfalls noch mit einem Allheilmittel namens „Versöhnung“ nachbehandelt werden müssen. Viertens die unbewußt sich selbst kastrierende Variante – Miterlebende und Nachfahren der Vertreibungsopfer beschränken sich darauf, einzelne Vertreibungsfolgen zu bessern (wie durch Hilfsaktionen für Menschen in den Vertreibungsgebieten), museal an Deutschlands Rolle im Osten zu erinnern, subkulturell und randständig Folklore und Erinnerungsarbeit zu betreiben. All dies sind keine obskuren Erscheinungen politischer Folklore – gewollt oder ungewollt wird von diesen Leuten all denen jetzt und in Zukunft die Bahn bereitet, die neue Vertreibungen und Verfolgungen vorbereiten. Nicht diejenigen, die auf der Aufarbeitung der Vergangenheit beharren, sind die Feinde des Friedens, sind die Kriegsbegünstiger. Einst verketzerte die DKP die Vertriebenenverbände als „Stoßtrupp der Unversöhnlichkeit“, aber nicht diese Stoßtrupps, sondern die Marschkolonnen der Verdränger, Totschweiger und Profi-Rechtfertiger sind es, die niedergekämpft werden müssen, wenn die Völker und die Minderheiten in ihren Heimaten überleben wollen. Der Weg, den all diejenigen einschlagen, die sich mit dem Elend des Status quo nicht abfinden, unterscheidet sich nicht nur von dem der Anti-deutschen, sondern auch von dem unserer pro-deutschen, leider in Erkenntnis- und Handlungsfähigkeit etwas beschränkten Freunde diametral. Einfache Grundsätze für eine Zukunft ohne Haß und Gewalt Diese neue Sicht auf die Vergangenheit, diese mutigen Schritte in eine Zukunft ohne Chauvinismus, Haß und Gewalt gehen von einigen einfachen Grundsätzen aus: – Die Vertreibungen sind durch nichts zu rechtfertigen. Die Vertreiber haben die Fehler und Verbrechen der nationalsozialistischen Ostpolitik zwar als Rechtfertigung für Rache- und Revanchegelüste benutzt, aber die Ursachen der Vertreibungen liegen einzig und allein im Chauvinismus oder im panslawistischen Überlegenheitswahn der Vertreiber, in Macht- und Besitzgier der Profiteure. – Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Menschheit verjähren nie. Raubgut wird zwar faktisch vom Räuber und seinen Nachfahren angeeignet, aber ein Besitzrecht ist eben damit ebensowenig zu erwerben wie durch erpreßte Verzichtsverträge oder durch Erklärungen von Dritten, die sich anmaßen, für den Beraubten zu sprechen. – Die Voraussetzung jeder Versöhnung ist das Schuldbekenntnis der Vertreiberstaaten und deren praktische Sühne. Wer bereit ist, sich der ganzen Geschichte und der ganzen Wahrheit zu stellen, der wird nicht daran vorbeikommen, die Vertreibungsverbrechen in einen großen Kontext zu stellen – historisch, denn die Angelegenheit beginnt nicht 1945 und beschränkt sich nicht auf Mitteleuropa, und außerhistorisch, sprich philosophisch und theologisch, denn hier geht es nicht zuletzt um den Menschen als Raubtier, um das Böse in der Welt, um Willensfreiheit, Schuld und Sünde. Die ethisch-moralischen und existenzphilosophischen Implikationen, die hier nur gestreift werden können, verbinden sich mit der notwendigen Sicht auf die Menschheitsgeschichte, auf die anderen großen Vertreibungen (der Indianer in Nordamerika, der Armenier bis zu den gegenwärtigen im sudanesischen Darfur), bei denen Schuldanerkenntnis und praktische Sühne der Verursacherstaaten im übrigen auch noch ausstehen. So ist es auch berechtigt, nach eigenem Fehlverhalten und eigener Verantwortlichkeit für das Verhalten der Gegenseite zu fragen, so daß das Opfer fremder Gewalt sich selbst als Opfer und den Gewalttäter als diesen erkennt. Insofern unterscheiden sich Völker nicht von Einzelpersonen in der Akzeptanz ihres Schicksals. Allerdings können Völker nicht einfach ihren Platz in Zeit und Raum – im geschichtlichen Ablauf und im geographischen Lebensraum – verändern, sie können die Annahme geschichtlicher Hypotheken zwar verweigern, aber dies könnte sie nicht schuld- und schuldenfrei machen. Daher ist es für uns Deutsche existentiell wichtig, die Verantwortung für die ganze Vergangenheit auf uns zu nehmen, keine tatsächliche Schuld abzustreiten, zugleich aber selbstbewußt und entschlossen denen entgegenzutreten, die wie die angeblich „nationalkonservativen“ und faktisch ultrachauvinistischen Gebrüder Kaczynski über das geraubte deutsche Land hinaus nun auch noch Millionengelder als „Entschädigung“ erpressen wollen. „Vertreibung 1945“, Kontrolle, Kohle, Kreide, Acryl auf Karton: Voraussetzung jeder Versöhnung ist das Schuldbekenntnis der Vertreiberstaaten und deren praktische Sühne Helmut Hellmessen: Skizzenbuch der Vertreibung. Edition Curt Visel im Maximilian Dietrich Verlag, Memmingen 2004, 107 Seiten, broschiert, 32 Euro

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