Hauch von Nordkorea

Der Sinn parteipolitischer „Bildungsarbeit“ will dem aufgeklärten Zeitgenossen nicht mehr so recht einleuchten. Denn unübersehbar ist der Trend zum „Wechselwähler“. Der trifft seine Entscheidung an der Urne unter pragmatischen Gesichtspunkten, heute Schwarz, morgen Rot. Je nachdem, welchen „Machern“ er zutraut, die Funktionstüchtigkeit des politischen Mechanismus zu garantieren. Weltanschauliche Überzeugungen sind unter diesen Voraussetzungen offensichtlich etwas Anachronistisches. Solange Chaos und Anarchie vermieden, solange wie öffentliche Sicherheit und Ordnung leidlich gewährleistet werden, scheint im 21. Jahrhundert niemanden mehr umzutreiben, was noch zu 68er-Zeiten als „konkrete Utopie“ galt. Die großen „gesellschaftlichen Projekte“, so hehre Ziele wie „Herrschaftsfreiheit“ oder „Klassengleichheit“, haben allenfalls noch kabarettistischen Unterhaltungswert. Sollte man annehmen! Ein Blick in den Veranstaltungskalender der grünen „Heinrich-Böll-Stiftung“ für das erste Halbjahr 2005 belehrt eines Besseren. Es gibt sie nämlich noch, die Lust an den „großen Erzählungen“, an den schönsten Träumen der „Menschheit“, die, fleißige „Projektarbeit“ vorausgesetzt, gewiß übermorgen „im Kiez“ und anderswo Realität werden. Das gilt in erster Linie für die grüne Lieblingsutopie, das keineswegs „grandios gescheiterte“ (Angela Merkel) multikulturelle Miteinander. Anfang April will die Böll-Stiftung, Theo van Gogh hin oder her, in einem mehrtägigen Seminar „Jugendliche und junge Erwachsene“ darüber ins Bild setzen, daß die „europäischen Zuwanderungsgesellschaften“ jetzt keineswegs verschärft „ausgrenzen“ dürfen. Der Mord an dem holländischen Regisseur sei nur einem „religiösen Eiferer“ zuzuschreiben, den vermutlich grüne „Bildungsarbeit“ anderen Sinnes hätte werden lassen. Die ganze Diskussion gehe seitdem an den „wirklichen Problemen“ vorbei, beruhe selbstredend auf „Vorurteilen“. Ebenso wie die „weit verbreitete Feindschaft gegenüber dem Judentum“ sich auf „Hirngespinste“ reduzieren lasse, wie ein Seminar im Mai den Teilnehmern vermitteln will. Am Ende gibt es vielleicht gar keine Juden, sondern nur „das Gerücht über die Juden“ (Th. W Adorno). Für eine solche Deutung dürfte man in Israel zwar wenig Verständnis finden. Legt doch die grüne Bildungsphilosophie nahe, daß alle Konflikte durch Aufklärung über „Vorurteile“ gelöst werden könnten. Konsequent wäre es da, den Israelis den rationalen Diskurs über ihr „Gerücht über die Palästinenser“ zu empfehlen. Es gibt eben keine Feindschaften, wo nur Mißverständnisse walten. Die grüne Herkulesarbeit zur Beseitigung solcher Verblendungszusammenhänge darf auch vor Irrtümern über die Geschlechterrollen nicht haltmachen. „Geschlechterdekonstruktion“ nennt sich das dann. Seitdem die in Berkeley lehrende jüdische Modephilosophin Judith Butler festgestellt hat, daß allein „Machteffekte“ die „heterosexuelle Matrix“ erzeugen, und „Mann“ sich unter besseren Bedingungen vielleicht auch als „Frau“ fühlen könnte, sind solche „Wortungetüme“ wie „Geschlechterdekonstruktion“ in aller Feministinnen Munde. Auf einer Abendveranstaltung im Berliner Frauenzentrum an der Prenzlauer Allee „reden wir mal drüber“. Thematisch nachbereiten kann Mann/Frau sich vierzehn Tage später auf einem Wochenendseminar um „Interkulturalität und Geschlecht“. Versprochen wird eine Anleitung zum „produktiven Dialog“, der nur gelingen könne, wenn man sich mit der eigenen (selbstredend „konstruierten“) Identität auseinandersetze. Zur Vertiefung empfiehlt sich der „Interkulturelle Workshop“ oder die Teilnahme an der englischsprachigen Konferenz über „Citizenship – Ethnos – Multiculturalism“. Daß alles dies nicht bloß folgenlose sozialpädagogische Folklore ist, zeigen die Veranstaltungen über das „Antidiskriminierungsgesetz“ und das Treffen unter dem Titel „Nationaler Aktionsplan gegen Rassismus“ an, das über den Zwischenstand der Bemühungen des Bundesinnenministeriums informieren soll, die auf der „Weltkonferenz gegen Rassismus“ eingegangenen Verpflichtungen legislatorisch umzusetzen. Auf den pragmatischen Wechselwähler mag dieser ideologieversessene Aktivismus so bizarr wirken wie eine Pressemeldung aus Pjöngjang. Mehr als nur einen Hauch nordkoreanischen Alltag müßte er jedoch in seiner von grünen „Schleusern“ mitgestalteten „Zuwanderungsgesellschaften“ schon zu spüren bekommen haben.

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