Entfachter Mob

Mitte Februar 1945 – ich hatte gerade meinen siebten Geburtstag gefeiert – war es den deutschen Truppen zwar gelungen, die sowjetrussische Front im Bereich Eulen-/Riesengebirge in Schlesien zurückzudrängen, es erging aber dennoch zugleich die Anweisung, kinderreiche Familien wegen Frontnähe zu evakuieren. Wir erhielten die Aufforderung, uns auf dem Güterbahnhof in Langenbielau einzufinden. In einer Nacht um den 20. Februar verlud man meine Mutter, Großmutter, meine drei Brüder und mich – alle zwischen drei und neun Jahre alt – in einen Lazarettzug. Der lange Zug, der Loks an beiden Enden hatte, sollte uns über Schweidnitz und Dittersbach durchs Riesengebirge ins Sudetenland bringen. Er war deutlich als Rotkreuzzug gekennzeichnet. In den Waggons waren dicht an dicht jeweils drei Tragen übereinander angebracht, die zum Teil mit Schwerstverwundeten belegt waren. Auf den freien Tragen wurden die Kinder untergebracht, kleine auch zu zweit oder zu dritt. Bei Tag wurden wir mehrfach von amerikanischen Tieffliegern angegriffen, welche nicht immer von deutschen Fliegern abgewehrt werden konnten. Ich lag auf einer der mittleren freien Tragen auf Fensterhöhe und wurde immer unruhiger, kletterte schließlich herunter und schon im nächsten Augenblick durchschlug ein Geschoß die Scheibe dort, wo kurz zuvor mein Kopf gelegen hatte. „Mein Gott, Junge, wieviel Schwein hast du bloß gehabt – aber warum konnte mich das Ding nicht treffen!“ Der Soldat hatte keine Beine mehr und nur noch einen Arm. Ein weiterer Angriff zerstörte die hintere Lok und setzte die letzten Wagen, aus denen kein Entkommen möglich war, in Brand. Um den Zug kreisten noch amerikanische Flugzeuge, als erneut deutsche Jäger am Himmel zu sehen waren. Wir gelangten nach Karlsbad. Von dort brachte man uns im nahegelegenen Dallwitz in zwei größeren Gebäuden unter, deren Dächer und Seiten mit großen roten Kreuzen gekennzeichnet waren. Die Angriffe amerikanischer Tiefflieger blieben dennoch nicht aus und steigerten sich im März und April 1945 beinahe zur täglichen Belastung. Oft trafen ihre „Befreiungsflüge“ einzelne Menschen oder Kühe auf dem Feld, mehrfach flogen sie knapp an den Häusern vorbei und schossen in die Fenster. Wer nicht schnell in die Keller flüchten konnte, wurde angeschossen und lebensgefährlich verletzt, so auch mein älterer Bruder. In jedem ankommenden Lazarettzug vermuteten wir unseren Vater. Die Verwundeten trösteten uns: „Vielleicht im nächsten Zug.“ Als unsere Mutter im April schwer erkrankte, brachte man sie nach Karlsbad ins Krankenhaus. Bis Anfang Mai war es in dieser Gegend relativ ruhig. Nachdem jedoch die Kämpfe eingestellt worden waren, begannen die Tschechen das Krankenhaus zu räumen: Alle Deutschen, die nicht aus eigener Kraft flüchten konnten, wurden aus dem Fenster auf die Straße geworfen, wo man sie mit LKWs überrollte. Unsere Mutter schleppte sich, auf zwei Stöcke gestützt, mehrere Stunden lang vom Krankenhaus bis nach Dallwitz. „Nemci verreckt allein“, verhöhnte man sie. Das rettete ihr das Leben und bewahrte sie davor, wie viele andere zusammengeschlagen zu werden. Ebenso erging es Tschechen, die in Verdacht standen, sich für Deutsche einzusetzen. Offiziell herrschte nun Waffenstillstand, die tschechischen Überfälle auf Deutsche jedoch steigerten sich von Tag zu Tag. Wie vielen anderen in Dallwitz untergebrachten Schlesiern erschien auch meiner Mutter der Weg nach Norden Richtung Sachsen der sinnvollste zu sein. Da keine Verkehrsmittel verfügbar waren, mußten wir versuchen, zu Fuß Johanngeorgenstadt, den ersten Ort in Sachsen, zu erreichen. Zwischen Alt- und Neurohlau konnte mein neunjähriger Bruder den Strapazen nicht mehr standhalten. Geschwächt von Krankheit und Schußverletzungen verstarb er am 22. Mai 1945. Wir begruben ihn auf dem Friedhof von Neurohlau am vierten Geburtstag unseres jüngsten Bruders. Auf dem Weg nach Neudeck schloß sich uns Heidl an, ein 17jähriges Mädchen, welches meine Mutter aus Schlesien kannte. Noch bevor wir den Stadtrand erreichten, hörten wir entsetzliche Schreie, die von deutschen Soldaten stammten. Man hatte sie mit den Füßen an Laternenpfählen aufgehängt, die Uniformen waren zerrissen, die Gesichter zerschlagen. Unter ihren Köpfen brannten kleine Feuer, um ihren Hals war ein Strick. An diesem zog jeweils ein Tscheche wie an einem Glockenklöppel den Kopf über die Flamme. Mutter protestierte und verwies die Peiniger auf ihr Christentum. Sie lachten uns nur aus und boten Prügel an, falls wir nicht verschwänden. Wenig später gerieten wir in eine Gruppe Tschechen, die uns ausplünderte. Persönliche Dinge, Fotos, Briefe – alles wurde weggenommen, zerrissen oder zertreten. Auch unsere letzte Decke wurde uns genommen. Wir baten, sie uns zu lassen. Die Mainächte waren noch immer sehr kalt. Besonders mein jüngster Bruder, der durch den Hunger schon geschwächt und dessen Bauch bereits aufgedunsen war, litt unter der Kälte. Heidl erregte sich sehr darüber, bis ein Tscheche sie an den Haaren packte und wegschleppte. Weil wir sie zu schützen versuchten, trat er auf uns ein. Heidl wehrte sich, worauf er sechs oder sieben weitere Tschechen herbeirief, welche mit ihren Gewehrkolben so lange auf das Mädchen einschlugen, bis sie nur noch ein toter Haufen Fleisch war. Kein Betteln und Flehen konnte sie retten. Mit der Hilfe eines sudetendeutschen Bauern, welchen wir mit dem wenigen Geld bezahlten, das wir noch versteckt hatten, schafften wir es über einsame Waldwege mit einem Heuwagen nach Johanngeorgenstadt am Rande Sachsens. Von dort gelangten wir – meist zu Fuß, teilweise mit dem Zug, sogar einem russischen Militärzug – über die Neiße nach Kohlfurt und erreichten Mitte August 1945 wieder unsere Heimat in Schlesien. Es war nur ein kurzes Wiedersehen. Ein Jahr später kam es zur endgültigen Vertreibung. Es begann eine Odyssee, die von August 1946 bis Mitte Dezember 1946 andauerte. Mit Hilfe des Roten Kreuzes fanden wir unseren aus russischer Kriegsgefangenschaft entkommenen Vater in der britischen Zone wieder. Nur mit Mühe erkannten wir ihn. Nichts wird ungeschehen, indem es verschwiegen, geschönt oder zum Feiertag erklärt wird. Hans-Joachim Weinert, Berlin

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