Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Visionärer Bildungsbürger

Albrecht Haushofer, geboren 1903 als Sohn des späteren Generals und Professors Karl Haushofer, war ein Kind jener großbürgerlichen Welt der „Haupt- und Residenzstadt München“, die Hermann Heimpel in seiner Erinnerung „Die halbe Violine“ so unvergeßlich beschworen hat. Der junge Haushofer, literarisch und musisch gebildet, promovierte 1924 in München bei dem Polarforscher Erich von Drygalski zum Thema „Paß-Staaten in den Alpen“ und war darauf Assistent des Geographen Albrecht Penck in Berlin. Nach einigen Auslandsreisen erhielt er dort durch Vermittlung des „Führer“-Stellvertreters Rudolf Heß 1933 eine Dozentur an der Hochschule für Politik und 1937 eine Professur für Politische Geographie und Geopolitik, die 1940 der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität eingegliedert wurde. Wie sein Vater gehört Albrecht Haushofer zu den namhaften Vertretern der zwischen Weltanschauung und Wissenschaft irrlichternden „Geopolitik“, einer Lehre, die den Einfluß des Raumes auf Politik, Wirtschaft, Kultur von Völkern und Staaten in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellt. Haushofers Beitrag zu dieser Lehre war der Versuch ihrer wissenschaftlichen Fundierung, das von ihm erarbeitete „Handbuch für Allgemeine Politische Geographie und Geopolitik“ erschien jedoch erst postum. Der rechtsliberale Haushofer beobachtete die Politik der Reichsregierung unter Adolf Hitler, die seinen eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen diametral zuwiderlief, mit wachsender Sorge. Anfangs bemühte er sich, durch sachgerechte Zuarbeit korrigierenden Einfluß auf den Gang der Politik zu nehmen mit Hilfe von Denkschriften wie zum „Aufbau eines korporativen Staates“, als kritischer Begleiter auf internationalen Konferenzen, vor allem aber als Ratgeber der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes, also auf einem Feld, das man heute „Politikberatung“ nennt. Da Haushofer den von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop gesteuerten Kurs kaum beeinflussen konnte, wandte er sich oppositionellen Kreisen zu. Als 1940 Bemühungen scheiterten, über die Schweiz Friedensfühler nach London auszustrecken, und zwar am heftigen Widerstand des britischen Außenministers, nahm er 1941 – offiziell von Rudolf Heß entsandt, inoffiziell für die deutsche Opposition – an einem Sondierungsgespräch teil, das – von der Frau des ehemaligen Botschafters Ulrich von Hassell vermittelt – über den einstigen Völkerbundkommissar Carl J. Burckhardt zustande kam. Heß entschloß sich danach zum Flug nach Schottland – gegen Haushofers Rat, der zutreffend meinte, daß Großbritannien jedes Friedensangebot ablehnen werde, da es grundsätzlich keine Hegemonie einer Großmacht auf europäischem Boden tolerierte. Auf Bitten von Heß bemühte Haushofer sich, einen brieflichen Kontakt nach England herzustellen. Dieser Brief an den RAF-Hauptmann Lord Hamilton wurde vom Secret Service abgefangen, so daß Heß bei seiner Landung in Schottland auf einen völlig ahnungslosen Lord stieß, die Mission scheiterte und die Reichsregierung sich umgehend von Heß distanzierte. Haushofer, für acht Wochen auf dem Obersalzberg inhaftiert, verfaßte daraufhin ein Memorandum, das alle Spuren verwischte. Danach nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf. Im wie immer gut gefüllten Hörsaal waren nicht nur die Themen interessant, sondern auch die Kontaktmöglichkeiten über Landesgrenzen hinweg. Besonders anregend war dies für uns Kriegssemester, weil ein solches „Fenster zur Welt“ neben dem Umgang mit zahlreichen ausländischen Studenten – auch aus dem nicht besetzten Frankreich – den Anschein offenen Gedankenaustausches wahrte. Der Dozent Haushofer hielt seine Lehrveranstaltungen souverän, stets in freier, aber diplomatischer Rede, ohne jede politische Engführung und zum Dialog bereit. Im Seminar wurden Aufgaben gestellt, die nach sofortiger Bearbeitung vorzutragen oder schriftlich vorzulegen waren. Die Überwachungsbehörden zeigten reges Interesse an Haushofers Institut, besonders aber an seinem handverlesenen Hauskreis, der sich aus der Hörerschaft rekrutierte. Auch andere Studenten bekamen dieses Mißtrauen zu spüren. So begleitete mich ein „Kommilitone“ in SS-Uniform eine Zeitlang regelmäßig auf allen Wegen vom morgendlichen Verlassen des Hauses bis zur Rückkehr am Abend durch alle Lehrveranstaltungen und Pausen in der Mensa und stellte viele Fragen zur Sache und zu Personen. Als die Fakultät gegen Kriegsende geschlossen wurde, faßte man die Studenten in Gemeinschaftsunterkünften zusammen, um internationale Nachrichten auszuwerten. Ganz gewiß hatte Haushofer Kenntnis von den Plänen für den 20. Juli 1944. Dafür spricht ein Gedankenaustausch mit dem Straßburger Oberbürgermeister Robert Ernst wie eine Bemerkung im engen Freundeskreis, er könne es nun „bald selbst tun“. Am 25. Juli 1944 findet sich sein Name in Ernst Kaltenbrunners Gestapoliste. Bis zum 7. Dezember rettete er sich noch in die bayerischen Alpen, dann wurde er auf einem einsamen Berghof verhaftet und nach Berlin-Moabit eingeliefert. SS-Wachen erschossen ihn und einige Mithäftlinge in der Nacht vom 23. zum 24. April 1945. Während der Haft zieht er in seinen „Moabiter Sonetten“ die Bilanz seines Lebens und hinterläßt damit das bewegendste literarische Zeugnis menschlicher Not, die zutiefst ihrem Land verbundene Deutsche durchlitten. Das spiegelt sich in den Versen: „Der Wahn alleine ist Herr in diesem Land,/In Leichenfeldern schließt sein stolzer Lauf,/und Elend, unmeßbar, steigt herauf.“ Literatur zum Thema: Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. Mit einem biographischen Nachwort von Ursula Laack. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 1999, 128 Seiten, 14 Euro Ernst Haiger, Amelie Ihering, Carl Friedrich von Weizsäcker: Albrecht Haushofer. Hrsg. v. Ernst-Freiberger-Stiftung.Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 2002, 160 Seiten, vergriffen Bisher wurden hier Eduard Wagner, Karl-Friedrich Goerdeler, Ulrich von Hassell, Helmuth James Graf von Moltke, Carl-Heinrich von Stülpnagel, Julius Leber und Dietrich Bonhoeffer porträtiert. Foto: Haushofer (rechts) mit Assistent und Kartograph am Kartentisch, 1940: Korrigierenden Einfluß nehmen Dr. Ursula Besser (CDU) trägt den Berliner Ehrentitel der „Stadtältesten“. Sie erlebte Haushofer als Studentin zwischen 1943 und 1945.

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