Politische Täter des letzten Worts

Politische Täter des letzten Worts Hermann Lübbe über den Obskurantismus begründungstotalitärer Aufklärer“ und ihrer aufgeklärten Widersacher Wie beim Altmeister Hermann Lübbe zum Thema „Aufklärung“ nicht anders zu erwarten, gerät zunächst einmal Jürgen Habermas, als ihr prominentester „Traditionshüter“ in die Schußlinie (Zeitschrift für Politik 4/03). Aufklärung über die Zumutungen der bundesdeutschen Neo-Aufklärung, die seit den siebziger Jahren die kulturelle Hegemonie errungen hat, werden in letzter Zeit häufiger eingefordert, so von dem Bonner Verfassungsrechtler Josef Isensee (siehe JF 7/04). Doch Lübbe kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, nicht modisch auf einen Zug aufzuspringen. Mit seiner „Neomarxismusrestistenz“ stand er von Anfang an auf der anderen Seite der „semantischen Bürgerkriegsfront“ . Für den Züricher Emeritus ist es daher ein leichtes, den dogmatischen Kern dieses angeblich „bürgerlich-radikalen Denkens“ und seiner nervigen „Diskurs“-Propaganda zu enthüllen – können diese vermeintlich „rationalen“ oder gar verschwurbelt sogenannten „herrschaftsfreien“ Diskurse alles mögliche meinen, nur von „Rationalität“ sind sie eben denkbar weit entfernt. Gehorchen doch im „Intellektuellenmilieu“ Auseinandersetzungen nie einer blumigen „Diskursethik“. Sie werden vielmehr durch „medial effiziente Meinungsführerschaften gewonnen oder auch verloren“, folgen aber keinesfalls der Evidenz zwingender Argumente. „Sie lösen vielmehr in Gesinnungskommunitäten, deren Angehörige sich öffentlich wechselseitig bestätigen und dadurch Rückhalt verschaffen, Besorgnisse über fortschreitende Geltungsschwäche der eigenen kommunitätsstiftende Tradition aus.“ Moralischen Hypotheken der NS-Zeit zur Kritikentsorgung Zu Abwehrzwecken werden „Schweigespiralen“ installiert. „Vorzugsweise durch die Insinuation, die Position der jeweils anderen habe moralisch zweifelhafte, inakzeptable Prämissen.“ Im Anwendungsfall „Aufklärung“ wird deren so gerühmte bürgerliche Radikalität zur Tradition erhoben und „antifaschistisch“ derart imprägniert, daß jeder Kritiker in Verdacht gerät, mit der heiligen Aufklärung auch die „moralischen Hypotheken der Nazizeit“ entsorgen zu wollen. In den vergangenheitspolitischen Debatten der letzten Jahrzehnte hat diese Technik des Verdachts ja auch stets wie geölt funktioniert. Um es mit Lübbes virtuos gehandhabtem Bandwurmvokabular zu sagen: „Auch die Sonderöffentlichkeiten debattierender Intellektueller sind regelmäßig parteianalog formiert, und die Existenz von Parteien setzt voraus, daß in ihrer politischen Interaktion große Konkordanzen der Ausnahmefall und die kleine Konkordanz des Kompromisses und schließlich der Mehrheitsentscheidung die Regel bleiben.“ Und da zudem die Größenordnung einer Geschichtsepoche aus Gründen der Komplexität gänzlich ungeeignet sei, um sie in „normativen Gehalt einvernehmlich verbindlich zu machen“, regiert der Wille der von „politischen Tätern des letzten Worts“ geführten medial stärksten Bataillone. So repräsentieren jene Aufklärer, die sich fortwährend auf die Vernünftigkeit ihrer Gründe berufen, tatsächlich aber nur die Geltung ihrer Tradition effektiver behaupten können als ihre Gegner, einen spezifisch deutschen Sonderweg des aufgeklärten Absolutismus, in dem Professoren vom Typus Habermas als Souverän von Intellektuellen verfügen, was dem gemeinen Urteil gar nicht zugänglich ist und was doch als allgemeiner Konsens zu akzeptieren ist. Fragliche religiöse Toleranz in aufgeklärten Gesellschaften Für das Selbstverständnis einer pluralistischen Gesellschaft arbeitet Lübbe dann die eigentliche, paradox wirkende Pointe dieser Konstellation heraus: die „aufgeklärten Begründungstotalitaristen“, die an ihrer Tradition kleben, wandeln sich zu „aufklärungsdesinteressierten ‚Obskuranten'“, während die „Bürgergruppen, die nicht bereit sind, Gehalte ihrer traditional vermittelten Gewißheiten zur Disposition von Diskursen zu stellen“, zu Parteigängern der Aufklärung mutieren, insbesondere, wenn sie sich als Minderheiten zu behaupten haben. Man ahnt, worauf Lübbe im Vorgriff auf den soeben medienwirksam lancierten Disput zwischen Kardinal Ratzinger und Habermas hinauswill: Religiöse Toleranz ist in aufgeklärten Gesellschaften und ihrer zivilreligiösen Selbstlegitimierung nicht zu erwarten. Also nicht die Uniformität der säkularisierten Gesellschaft, sondern der Pluralismus der Bekenntnisse, das Nebeneinander religiöser Kulturen kennzeichnen die wahre Modernität. Fraglich ist jedoch, ob Lübbe die Nachfrage nach religiöser Sinnstiftung nicht maßlos überschätzt, wenn er auf die Lebendigkeit zahlloser „Klein-Religionen“ und Sekten verweist. Vielleicht sind das ja doch nur „Phänomene kultureller Vormodernität“, die von der Macht wissenschaftlicher Aufklärung noch aufgelöst werden.

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