Joachim Kuhs

 

Neue Technologien: Fortpflanzung ohne Samenzellen: die Maus Kaguya

Auf dem Spielplatz ärgert uns ein Mädchen, das lautstark verkündet: „Ich habe zwei Mütter!“ Das war Ende der sechziger Jahre. Von weiblicher Homosexualität sprach noch keiner. Und die „echte Mutter“ konnte es ohnehin nicht sein. Auch hier fragt man inzwischen: „Warum eigentlich nicht? Seit einigen Jahren beschäftigen sich seriöse Wissenschaftler mit der Verschmelzung von Eizelle und Eizelle. Sowohl Ei- wie Samenzelle verfügen nur über einen einfachen (haploiden) Chromosomensatz und ergänzen sich daher. Eine allein ist ohnmächtig. Aber muß die zweite unbedingt männlich sein? Das Forschungsthema setzt einige Techniken bereits als bekannt voraus. Die Befruchtung muß künstlich, also außerhalb des Körpers stattfinden, und es muß möglich sein, die DNA mit der Pipette direkt in den Kern der empfangenden Eizelle hineinzuspritzen. Wer klonen kann – und das funktioniert bei Mäusen inzwischen recht gut -, darf sich auch an diese anspruchsvolle Aufgabe wagen. Wie schwierig die Fortpflanzung ohne Männer ist, wissen Säugetiere offenbar instinktiv, denn in der Natur unternehmen sie nicht einmal den Versuch dazu. Tomohiro Kono von der Universität Tokio und sein Team haben es jedoch fertiggebracht, eine Maus mit zwei Müttern zu kreieren. Sie heißt Kaguya und ist nach 14 Monaten noch wohlauf. Doch das Wichtigste an Experimenten ist nicht, daß sie gelingen, sondern daß man etwas dabei lernt. Alice Schwarzer irrt: Genetisch ist es nicht nur der berühmte „kleine Unterschied“, der Männer und Frauen trennt, das Geschlechtschromosom nämlich. Dann wäre die Sache verhältnismäßig einfach. Doch man entdeckte, daß während der Keimzellenreifung bestimmte Gene „stillgelegt“ werden, und zwar jeweils andere in Ei- und Samenzelle. Verläuft dieses sogenannte „Imprinting“ nicht korrekt, so stirbt die Frucht frühzeitig ab. Wahrscheinlich kann man dafür noch dankbar sein. Es muß also bei einer der „Mütter“ technisch eingegriffen werden, um deren genetischen Beitrag passend zu machen. Davor Solter vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg spricht von „einer Art künstlich erzeugter männlicher Keimzelle mit väterlichem Erbgut“. Das klingt mißverständlich. „Väterlich“ ist nur die Funktion geworden, der Inhalt bleibt weiblich. Bei Mäusen mag das nicht auffallen, aber wenn ein lesbisches Pärchen künftig zum Elternpaar avancierte, so hätte der Sprößling Eigenschaften von beiden. Die Wissenschaftler weisen solche Anwendungsmöglichkeit weit von sich. Es sei technisch viel zu schwierig und überdies ethisch nicht zu rechtfertigen. So schwierig die Prozedur rein technisch auch sein mag, noch schwieriger sind Argumente zu finden, die sie ethisch verbieten. Erstens brauchen wir Kinder, und zweitens ist die Homosexualität längst anerkannt – auch rechtlich.

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