Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozeß

Im Sommer 1980 schrieb der Leipziger Schriftsteller Erich Loest, der 1981 aus dem SED-Staat ausreiste, eine anonyme Postkarte, abgestempelt irgendwo in der DDR-Provinz, worin er dem Verfasser mitteilte, aus Solidarität mit den Berliner Kollegen aus der Bezirksgruppe Leipzig des DDR-Schriftstellerverbands ausgetreten zu sein. Der Vorgang, auf den er sich bezog, hatte am 7. Juni 1979 im Sitzungssaal des „Roten Rathauses“ in Ost-Berlin stattgefunden, wo auf einer Mitgliederversammlung der Berliner Sektion des DDR-Schriftstellerverbands unter ihrem neuen Präsidenten, dem staatstreuen DDR-Schriftsteller Hermann Kant, neun oppositionelle Autoren in einer „Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozeß“ (Joachim Walther) ausgeschlossen worden waren. Ihr „staatsfeindliches“ Fehlverhalten hatte darin bestanden, die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Herbst 1976 öffentlich kritisiert und in Sachen Stefan Heym, der wegen „Devisenvergehen“ verurteilt worden war, einen Offenen Brief an Erich Honecker geschrieben zu haben. Unter dem Titel „Protokoll eines Tribunals“ (1991) hat Joachim Walther, der fünf Jahre später das Buch „Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der DDR“ (1996) edierte, diese Vorgänge öffentlich gemacht. In einem einleitenden Essay „Die Amputation“ beschrieb er akribisch und nicht ohne Zorn die „Vor- und Nachgeschichte der Ausschlüsse“: „Das Jahr 1979 gehört in meiner Erinnerung zu den finstersten Kapiteln im kulturpolitischen Schwarzbuch der DDR-Geschichte.“ Ein Vierteljahrhundert danach luden die Stiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ und ein „Autorenkreis“ in die Landesvertretung Brandenburg nach Berlin ein, um dieses düstere Kapitel in der Kriminalgeschichte der DDR-Literatur aus heutiger Sicht noch einmal aufzurollen. Leider sah man sich getäuscht, so man eine geist- und gedankenreiche Diskussion zum Thema „Staat und Literatur“ oder, wie es im Einladungstext hieß, „Geist und Macht“ erwartet hatte. Von Rainer Eppelmann, dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Aufarbeitung, der zur Begrüßung sprach, müssen nicht unbedingt Kenntnisse in DDR-Literatur vorausgesetzt werden, auch wenn er zwischen 1974 und 1989 Pfarrer der Samaritergemeinde in Ost-Berlin war und 1990 letzter DDR-Verteidigungsminister; immerhin war das dem Publikum mitgeteilte Zitat Konrad Naumanns (1928-1992), des einstigen SED-Bezirkssekretärs von Ost-Berlin 1971/85, der im Sommer 1992 in Guayaquil/Ekuador starb, höchst aufschlußreich, weil es die wahre Meinung der SED-Nomenklatura über die Intellektuellen zeigte: „… was da aus dem Rattenloch kriecht“, womit die widerspenstigen Schriftsteller gemeint waren. Wäre da nicht der Auftritt eines Literaturwissenschaftlers, der einen fundierten Überblick hätte geben können zur Situation der DDR-Literatur unter Erich Honecker 1971/89, die überzeugendere Alternative gewesen? Konrad Franke, der die Diskussion leitete, ist Literaturwissenschaftler und hat 1971 die erste und umfangreichste Geschichte der DDR-Literatur veröffentlicht. Er bemühte sich zumindest, tiefer in die Thematik einzudringen, wenn auch seine Moderation stellenweise zur Abfragerei geriet. Kulturpolitischer Einschnitt, der zum Untergang beitrug Von den Betroffenen des Jahres 1979 saßen neben ihm lediglich der 1955 aus Düsseldorf übergesiedelte Adolf Endler (*1930) und Rolf Schneider (*1932), der dritte auf dem Podium war Joachim Walther (*1943), der die Akten des politischen Strafgerichts von 1979 im Archiv des Schriftstellerverbands aufgefunden hatte. Katja Lange-Müller (*1951) aber, die 1979 noch als Krankenschwester gearbeitet, bevor sie 1984 die DDR verlassen hatte, war eine glatte Fehlbesetzung. Warum Dieter Schubert, einer der betroffenen Autoren, nicht auf dem Podium saß, sondern aus dem Auditorium zu erklärenden Zwischenrufen genötigt war, blieb unerklärlich. Mehr als das, was in Joachim Walthers Buch von 1991 steht, war freilich nicht zu erfahren. Daß damals Berufsverbote ausgesprochen und Existenzen vernichtet wurden, schien 2004 niemanden mehr aufzuregen. Nachfragen aus dem Publikum waren unerwünscht. Dabei hätte man doch gerne erfahren, wieso Rolf Schneider schon im Herbst 1980 nach Mainz reisen und dort sein Theaterstück „Die Mainzer Republik“ inszenieren durfte. Die Ausschlüsse von 1979 waren wohl aus heutiger Sicht ein kulturpolitischer Einschnitt, der zum Untergang des SED-Staates beitrug. Daß unter den Schriftstellern damals im „Roten Rathaus“ neben Parteiprominenz und Staatssicherheit auch der FDJ-Barde Hartmut König („Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst!“) saß, den Egon Krenz im Revolutionsherbst 1989 zum DDR-Kulturminister machen wollte, konnte da nur noch Heiterkeit erregen. Der Vorfall hatte noch ein Nachspiel: Hermann Kant, der Verbandspräsident und unter dem Decknamen „Martin“ auch „innoffizieller Mitarbeiter“ der Stasi, war offensichtlich tief verunsichert, daß er über andere Autoren Berufsverbot oder Ausbürgerung verhängen mußte, falls sie nicht „Selbstkritik“ übten. In Karl Corinos Buch „Die Akte Hermann Kant“ (1995) findet man einen Aktenvermerk vom 11. Juni 1979, daß er, wie er dem Genossen Gerhard Henniger, dem ersten Sekretär des Schriftstellerverbands und gleichfalls „inoffiziellen Mitarbeiter“, in einer schwachen Stunde mitteilte, erhebliche Zweifel daran hatte, ob diese Ausschlüsse gerechtfertigt wären. Vor allem, so erfährt man, billigte seine Freundin, die mit der oppositionellen Sängerin Bettina Wegner befreundet war, seine Haltung in keiner Weise und machte ihm bittere Vorwürfe. Genosse Kurt Hager vom SED-Politbüro habe ihm deshalb angeraten, sich von dieser Frau aus „politisch-ideologischen“ Gründen zu trennen! Die Ausschlüsse wurden trotz aller Einwände am 14. Juni vom Präsidium des Verbandes bestätigt. Dr. Jörg-Bernhard Bilke war Chefredakteur des Pressedienstes Kulturpolitische Korrespondenz und Vizepräsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA). Von 1961 bis 1964 war er politischer Häftling in der DDR.

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