Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

In dualen Mustern Leben organisieren

Vom 11. bis 14. März führte das Institut für Staatspolitik in Thüringen seine 4. Winterakademie durch. Zu verhandeln galt es den zweiten Teil des unerschöpflichen Themas „Rechts-Links“, dessen erste Etappe schon ein größeres Publikum angezogen hatte. Acht Referenten trugen zu diversen Aspekten linker Politik und Philosophie bei, dazu ein bunter Filmabend mit Rückblick auf die APO. Auch diesmal: intellektuell wuchtige Durchdringung, keine Dünnbrettbohrerei, was Chancen und Risiken der Seminare einmal mehr verdeutlicht. Seit Beginn will das Institut nicht nur akademischen Standards genügen, sondern die Diskussion in eine breitere philosophische Besinnung einbauen und auch politisch pointieren, weshalb ein schärferer Wind weht als auf konventionellen Fachtagungen, wo sich autistische Experten ihr Stelldichein geben. Doch gerät solcher Anspruch leicht in eine Intellektualisierungsspirale. Kritische Würdigung von Marx und Adorno Moderne Gesellschaften bilden einen Interaktionszusammenhang dynamisch-offener, sich selbst erzeugender Systeme, die sich nur funktionell vernetzen, nicht aber inhaltlich integrieren. Das ist Spezialthemen günstig, erschwert jedoch die Klärung aller Fragen, die uns gemeinschaftlich, also „interdisziplinär“ betreffen. Am Beispiel der Ökologie hat Niklas Luhmann das verdeutlicht. Eine produktive Verknüpfung wissenschaftlicher und politischer/religiöser Aspekte erzwingt also automatisch Komplexitätssteigerung. Solche intellektuelle Verdichtung machte sich diesmal empfindlich bemerkbar. Das aber erschwert dann die Harmonisierung der Teilnehmer, Erwartungen driften auseinander. Tatsächlich oszillierte der Dialog zwischen studentischem Horizont und elitärer Denkfabrik, intelligenter Orientierung und Höhenrausch. Vielleicht besinnt man sich im Institut zukünftig wieder auf das ursprüngliche Projekt eines Forums für den akademischen Nachwuchs. Referenten, Themen, Methoden, Perspektiven zeigten gegeneinander Profil, ein intensiver Ausschnitt der widersprüchlichen Zeitlage. Karlheinz Weißmann bot die anthropologische Einführung ins „linke Prinzip“, die „ewige Linke“ (Nolte) in welthistorischer Perspektive. Peter Boßdorf gab das ideale Referat klassischen Zuschnitts über politische Wanderungen, speziell Renegaten von links nach rechts am Beispiel Robert Michels, des zackigen Sozialisten, Soziologen, dann italienischen Faschisten („Linke Überläufer“). Der Harich-Schüler Stefan Dornuf bot substanzielles Philosophieren, Eingehen in die Sache selbst, diskutierte die Gehlen-Rezeption im ostdeutschen Marxismus, der Lukács-Schule, bei Leo Kofler und Wolfgang Harich („Marxistische Dissidenz und Deutsche Nation“). Provokant seine strikte Polarisierung von „links“ (antiautoritär, libertär, hedonistisch) und „marxistisch“ (etatistisch; der alte Marx) und die These vom rechts-sozialistischen Konsens bei Antiparlamentarismus und Liberalismuskritik. Eine Sonderrolle kommt stets den süddeutschen Gästen zu, deren Charme den preußisch-kargen Institutsstil belebt. Jetzt hatte den Part Konrad Löw inne, bekannter Ideologiekritiker des Marxismus, ein begnadeter Rhetoriker. Da funkelten Parodie und Komik, subversiver Witz in seinen Anekdoten. Nicht genug, glänzte er noch dazu als amüsanter Komödiant, der den intellektuellen Strapazen eine willkommene Einlage bot mit einer „dadaistischen“ Marxexegese als ironischem „Gesamtkunstwerk“. Marx wurde verulkt in Form einer monströsen Zitatkollage aus Löws Zettelkasten. „Was wir schon immer wissen wollten“: daß der sozialistische Altvater bereits als Kind ein ekliger Tyrann war, als sentimentaler Student kitschige Lyrik produzierte und im Abiaufsatz sage und schreibe sechsmal das Wort „vernichten“ gebraucht hat – dem würdigen Emeritus ein Gleichnis von Machttrieb und Zerstörungswahn, Menetekel zukünftiger Gewaltdelirien eines Stalin, das wurde hier einmal bündig auf den Punkt gebracht. Marx: ein Finsterling, der seine Privatneurosen bloß sozialisiert habe, projiziert in sein unsinniges „Werk“: den weltanschaulichen Rülpser aus subjektiver Triebnatur und sprachlichen Reflexen (Bibel und Hegel). Als Hanswurstiade ewig tiefschürfenden Analysen zum Trotz erfrischt solch interpretatorischer Nonsens. Doch prinzipiell darf der authentische Gedanke die Wahrheitsfrage nicht durch Taschenspielerei ersetzen. Wie produktiv hermeneutisches Gespür sein kann, zeigte daneben Lorenz Jäger, Autor einer großen Studie zu Adorno, der an dessen Beispiel Glanz und Elend der Kritischen Theorie verdeutlichte. Didaktisch geschickt, exponierte er zwei Hauptwerke, „Dialektik der Aufklärung“ (1947) und „Autoritäre Persönlichkeit“ (1950), Adornos stärkste und schwächste Arbeit, doch systematisch verknüpft über den Herrschaftsbegriff, der hier zum generellen Paradigma wird: Schlüssel zur individuellen Triebökonomie, zur politischen Geschichte und zum Natur-Verhältnis. Jäger drang in die Argumentstruktur des zweiten Werks ein und unterzog die Relation von Begriffsbildung und empirischen Daten einer skeptischen Prüfung, was Adorno den niederschmetternden Befund einer „politisch instrumentalisierten Sozialforschung“ eintrug, die „Charakterstörungen“ und „faschistische Potentiale“ als „Frage des richtigen Zeitpunktes“ konstruiert. Der totgesagte Rechts-Links- Gegensatz bleibt bestehen Bernd Rabehl, Freund und Mitstreiter Rudi Dutschkes, fand mit seinem, auch biographisch fesselnden Referat über Neue Linke und APO die intensivste Aufnahme und Diskussion im Kreis. Nicht bloß Wissenschaftler, vielmehr Repräsentant der leidenschaftlich-wildbewegten 68er, bot seine Verschmelzung von Generationsschicksal und Zeitanalyse eine spezifische Urteilsdichte und Zeugnis unbeirrter Widerständigkeit. Die populäre Meinung, die Gegenwart gehe direkt auf den linken Protest zurück, wies er empört von sich. Das „Empire“ als planetarisches Kommerzsystem sei vielmehr die realisierte Gegenutopie. Die Globalisierungsdimension beizusteuern, besorgte eindringlich Michael Wiesberg. Er präsentierte Hardt-Negris „Empire“, eine vielschichtige „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“, welche die postmoderne Lebensform von Kommunikation und Weltmarkt als hybriden, völlig neuartigen Machttyp systematisiert. Zum Schluß knallte Thomas Drescher den Zuhörern Systemtheorie um die Ohren, keine Alltäglichkeit auf einem rechtskonservativen Treffen. Der neuartige Zugriff auf das Phänomen „Antifaschismus“ zeigt, jenseits altbackener Meinungen, wie ergiebig die Arbeit am Kommunikationsbegriff sein kann gerade bei mikropolitischen Vorgängen der Mentalitätssteuerung. Der Antifaschismus hat seine konstruktive Rolle verloren, ist linksextremer Kernbestand, zugleich aber sozial entgrenzt als diffuse Ideologie, ein Minimalkonsens über das Böse im Licht demokratischen Heils. Er macht positive Selbst- und aggressive Feindbestimmung möglich, schematisiert Konfliktszenarien dualistisch, wobei man alle Legitimität sich selber zuschreibt: ein linker Triumphalismus, von dem aus andere in den sozialen Kältetod schlittern, runter die abschüssige Bahn progressiver „Rigidisierung“ und seifiger „Assoziationsketten“ („rechts“, „faschistisch“). In Deutschland ist so ein Normensystem „historischer Korrektheit“ installiert mit komplizierten Sozialtechniken von Ritualen und Tabus und einer Symbolsprache der „Stoppzeichen“ und „Bannworte“. Auch der „Antifaschismus“ reduziert „Komplexität“, und zwar effektiv. Er konzentriert Vieldeutiges auf einen Feind, ruft den moralischen Ernstfall aus und bläst der eigenen Schar zum Kampf. Es handelt sich um Machtspiele, eben Politik. Das betonte auch Karlheinz Weißmann mit seinem Hinweis, Emanzipationsprojekte in der Massendemokratie seien bloß Vorstufen neuer Privilegierung, also Startlöcher künftiger Eliten. Begreiflich, wenn man annimmt, daß Größen wie politische Macht und sozialer Einfluß konstant bleiben, ihre Verteilung also einem Nullsummenspiel gleicht, im Unterschied zur Ökonomie. So wird man auch in Zukunft mit dem Politischen zu rechnen haben, innen wie außen; menschliches Zusammenleben bleibt elementar konflikthaft. Dem wird auch der politische Mythos von „Rechts und Links“, oftmals totgesagt, gleich einem Schatten folgen. Weißmann unterstellt hier eine anthropologische Konstanz und Differenzfunktion, notwendig in einer Logik, in dualen Mustern Leben zu organisieren, um den agonalen Weltprozeß vorantreiben. Kritische Notiz am Schluß: Wem die Perspektive einer „ewigen Linken“ fragwürdig bleibt, interessiert sich desto mehr für das Wesentliche des Aufklärungsdenkens und die Ausbildung der modernen politischen Doktrinen um 1800. Bedauerlich, daß beide Facetten im Themenspektrum fehlten; zwei problemgeschichtliche Beiträge wären hier sachdienlich gewesen. Hätten sie doch den Antagonismus von „rechts-links“ als typische Konfliktlinie der letzten zweihundert Jahre, eine moderne Spezialität, plausibel gemacht. Armdrücken: Positive Selbst- und aggressive Feindbestimmung

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