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„Hitler mußte getötet werden, um Deutschland zu retten“

Henning von Tresckow galt als der charismatische geistige und militärische Führer aus der sogenannten Führungsstaffel der Heeresgruppe Mitte. Er ist für mich aufgrund seiner zutiefst religiösen Verwurzelung, seiner Vaterlandsliebe und seiner Pflichtauffassung zum Vorbild geworden, und es ist mir ein großes Anliegen, das Andenken dieses Mannes und seiner Freunde Fabian von Schlabrendorff, Berndt von Kleist, Georg Schulze-Büttger, Horst Pretzell, Hans Ulrich Oertzen, Rudolf Freiherr von Gersdorff und Hans Alexander Voss wachzuhalten. Tresckow wurde am 10. Januar 1901 in Magdeburg geboren. Sein Vater hatte als Leutnant die Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles mitgemacht, ein Erlebnis, das unvergeßlich war. Als General der Kavallerie hatte er mit 51 Jahren seinen Abschied genommen, um das Gut Wartenberg zu übernehmen, das er von einem Onkel geerbt hatte. Wartenberg mit seinen mageren Sandböden verlangte den ganzen Einsatz. Das Leben in dieser kargen Landschaft und die Liebe seines Vaters zu Jagd und Pferden prägten Hennings Jugend. Das elterliche Haus lag auf einer kleinen Anhöhe. Von ihm hatte man einen herrlichen Blick auf den Wartenberger See. In dieser stillen, aber einprägsamen Gegend der Neumark wuchs Henning mit seinen Geschwistern auf. Damals entstand seine Reit- und Jagdpassion, mit der er die heimatlichen Kiefernwälder durchstreifte. Tresckow wuchs im Milieu überzeugter Preußen heran Seine Mutter war eine schlesische Gräfin Zedlitz-Trützschler. Ihr Vater war in Preußen Kultusminister gewesen. Sie war lebhaft an Geschichte und Politik interessiert und sehr musikalisch. Die Anspannung durch die Einschränkungen des Lebens in Wartenberg mit den vielen alltäglichen Pflichten ließ sie kühl erscheinen, aber im Grunde war sie warmherzig. Ihren hellen Verstand und ihre schnelle Auffassungsgabe vererbte sie ihrem Sohn. So wuchs Henning in einem Haus von überzeugten Preußen heran, deren Loyalität gegenüber ihrem König und deren Glaube an Gott tief verwurzelt war. Mit ihrer sozialen Einstellung hatten sich die Eltern nach der Gutsübernahme bald eine feste Stellung im Dorf Wartenberg erworben. Die Quelle eines gesunden Lebens war für sie der märkische Boden, in dem sie fest verwurzelt waren. Die Feinde Preußens, die Sozialdemokraten und das Zentrum, waren auch ihre Feinde, und jede Konzession an diese Gruppen bedeutete Niedergang. Mit zwölf Jahren kam Henning dann mit seinem Bruder in das Internat des Klosters Lockum, um in Goslar zur Schule zu gehen. Seine Lieblingsfächer waren die modernen Sprachen, aber auch im Sport zeichnete er sich aus. Wenn er allzu viel Heimweh hatte, las er begeistert Hermann Löns und später mit gleicher Vorliebe Rainer Maria Rilke. Der Kriegsausbruch beendete die friedliche Schulzeit in Goslar. Die patriotische Welle, die ganz Deutschland erfaßt hatte, riß auch die Brüder von den Schulbänken. Aber während der Bruder Gerd gleich eingezogen wurde, wurde der dünne, schmächtige Henning zurückgestellt. Erst nach dem Notabitur 1917 wurde er mit 16 Jahren Fahnenjunker im 1. Garderegiment zu Fuß in Potsdam. Für einen preußischen Adligen war es das größte Vorrecht, in einem Garderegiment der Infanterie zu dienen. 1. Garderegiment zu Fuß – das war eine Weltanschauung. Das Wort „zurück“ gab es nicht. Nach den entsprechenden Lehrgängen kam er dann am 1. Juni 1918 als Zugführer einer MG-Kompanie zum Regiment und war damals mit 17 Jahren der jüngste Leutnant. Schon im Juli 1918 bekam er das Eiserne Kreuz und erlebte die Zuverlässigkeit und Kameradschaft seiner Leute, die ihn stolz auf seinen Zug werden ließen. Henning war stets ein eigenwilliger und manchmal ein unbequemer Untergebener, der auch Befehle ummodelte, wenn sie der Kriegslage nicht mehr entsprachen. Aber stets konnte er seine Eigenmächtigkeit mit der Erfüllung des eigentlichen Kampfauftrages begründen. Das Kriegsglück war aber nicht mehr zu wenden, und nach der Kapitulation deckte das 1. Garderegiment den Rückzug der deutschen Truppen. Nachdem es am 11. Dezember 1918 mit klingendem Spiel in Potsdam eingerückt war, paradierte es an seinem Kommandeur Prinz Eitel Friedrich vorbei. Dieser verabschiedete sich mit einer Ansprache in der Garnisonkirche von den Regimentsangehörigen. In Deutschland brach nach dem Umsturz ein kommunistischer Aufstand gegen die junge Republik aus. Tresckow stellte sich auf die Seite der Regierungstruppen, die den Staat gegen die Aufständigen verteidigten. So retteten sie im Januar 1919 den jungen Staat und im Juni des gleichen Jahres wurde Tresckow in das Infanterieregiment (I.R.) 9 übernommen, das die Tradition der alten Garderegimenter weiterführen sollte. Der Leutnantsdienst im Friedensregiment entsprach nicht seinen Vorstellungen, und obwohl seine Leistungen in der Ausbildung der Soldaten anerkannt waren, stellte er selbstkritisch fest, daß er auf vielen Gebieten Lücken hatte. Ihm fehlte es noch an Welterfahrung und Bildung, um ein selbständiges Urteil fällen zu können. Daher beschloß er, aus der Armee auszutreten, um sich durch ein Studium eine solide Lebensgrundlage zu schaffen. Im Oktober 1920 schied er aus der Reichswehr aus und wurde Berliner Student. Er belegte Staatstheorie, Börsenwesen und Jura. Im darauffolgenden Jahr ging er an die Kieler Universität und hörte dort Vorlesungen über Finanzwirtschaft, Welthandel, Politik und bürgerliches Recht, um sein Wissen zu vermehren. Als sich ihm dann im Frühjahr 1923 die Gelegenheit bot, in eine Privatbank einzutreten, griff er zu, da er unter seinen engen finanziellen Grenzen litt. Rasch fand er sich, der allseitig begabt war, im Geldwesen zurecht, und nach der Inflation, die ihn erschreckt hatte, gelang es ihm, sich in Kürze ein beachtliches Vermögen zu verschaffen. Seine Intelligenz und sein wirtschaftliches Gespür erleichterten ihm den raschen Aufstieg. Sein Chef, der mit seinen Leistungen sehr zufrieden war, ließ ihm freie Hand. Einen größeren Gegensatz als den zwischen einem Börsenmakler und einem preußischen Gardeoffizier konnte man sich kaum vorstellen, aber der Ausstieg hatte sich gelohnt. Seine Tätigkeit hatte ihn zum Weltmann gemacht, ohne daß die Grundtugenden des Gardeoffiziers verlorengegangen wären. So urteilten seine Freunde, die ursprünglich seinen Ausstieg aus dem I.R. 9 nicht verstanden hatten, da ihm dort eine große, militärische Karriere sicher war. Schließlich hatten 21 Mitglieder der Familie in der Armee den Generalsrang erreicht und 15 den „Pour le Mérite“ erhalten. Doch für Tresckow hieß Tradition nicht Wiederherstellung früherer politischer Verhältnisse, sondern illusionslose Nüchternheit, die den Staat durch ständige Fortentwicklung an die moderne, technisch verwandelte Welt anpaßte. Dabei hatte der Einzelne die Aufgabe, sich ständig weiterzubilden, um seine Pflichten gegenüber der Allgemeinheit erfüllen zu können. Als er 1924 den Oberleutnant Kurt Hesse, einen damals schon bekannten Militärschriftsteller, kennenlernte, der eine Weltreise plante, fragte Tresckow ihn spontan, ob er mitfahren könne. Die Reise sollte seinen Horizont erweitern und ihm auch geschäftlich nützlich sein. Während dieser Tour erhielt er in Buenos Aires Nachrichten über die wirtschaftliche Lage Wartenbergs. Sofort entschloß er sich, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fahren, um das Familiengut zu retten. Mit einer größeren Summe gelang ihm dies auch, aber nun war die Frage „was nun“, da seine Geldmittel erschöpft waren. Nach längerem Abwägen reifte in ihm der Entschluß, wieder Soldat zu werden, um der Allgemeinheit zu dienen. Mit einiger Mühe und nach der Fürsprache des Reichspräsidenten von Hindenburg glückte der Wiedereinstieg in das Infanterieregiment 9. Zuvor heiratete er Erika von Falkenhayn, die Tochter des ehemaligen Chefs der Heeresleitung und preußischen Kriegsministers. Sie wurde ihm mit ihrer Religiosität und Intelligenz in den kommenden Jahren eine unglaubliche Stütze. Die Reichswehr hatte, als Tresckow wieder Soldat wurde, ein zwiespältiges Gesicht. Auf der einen Seite hatte sie und ihre Vorläufer die junge Republik gerettet, und trotzdem mißtraute auf der anderen Seite die Republik der Reichswehr und verdächtigte sie reaktionärer Gesinnung. Das führte zu Spannungen, und die linken Parteien verunglimpften offen die militärische Führung. Deshalb suchte Reichswehrchef Hans von Seeckt die Truppe aus den innenpolitischen Querelen herauszuhalten. Die Soldaten erhielten kein Wahlrecht und konnten auch nicht Mitglieder einer politischen Partei werden. Die Truppe beherzigte Seeckts Maxime, daß die Armee der Einheit Deutschlands, nicht den Parteien, sondern nur dem Staat zu dienen habe. Seeckt selbst sah in Hindenburg einen Platzhalter für eine künftige konstitutionelle Monarchie. Tresckow war am 1. Februar 1928 Oberleutnant und Adjutant des 1. Bataillon im I.R. 9 geworden. Preußische Tradition hatte er aus dem Kaiserreich übernommen, glaubte aber nicht, daß diese Zeiten wiederkommen würden. Die Verunglimpfung und Angriffe der Linken gegen die junge Reichswehr ließen ihn nach rechts tendieren, doch vermißte er bei den Rechten die soziale Komponente. Die wirtschaftliche und politische Krise, die über die Weimarer Republik hereinstürzte, erweckte Ratlosigkeit und Unwillen. Die Arbeitslosigkeit stürzte den Staat in ein Chaos, das in einem kommunistischen oder nationalsozialistischen Staat zu münden drohte, da die Misere, in der die Masse lebte, sie für radikale Parolen anfällig machte. Es siegten die Nationalsozialisten. Hitler versprach den Nationalen die Wiederherstellung der Deutschen Ehre und die Sprengung der „Ketten von Versailles“, den Akademikern neues Ansehen und den Arbeitern Arbeit und Brot. Die Formel von der Vereinigung des Nationalen mit dem Sozialen bestach Tresckow. Da Hitler zudem seine Liebe zu Deutschland betonte und glaubhaft machte, daß unter ihm die Klassenschranken fallen würden und die Deutschen wieder zur inneren Geschlossenheit geführt würden, hoffte Tresckow auf Hitler. Er hatte unter der Ohnmacht und Zerrissenheit des Reiches gelitten. Er traute Hitler zu, „die Ketten von Versailles“ zu brechen, und sein Begriff von der Volksgemeinschaft könnte der Linken mit ihrem Schlagwort von der „klassenlosen Gesellschaft“ den Wind aus den Segeln nehmen. Voller Freude hatte er auch die ersten Anzeichen einer Aufrüstung begrüßt und begeistert am Tag von Potsdam, dem 21. März 1933, an Hindenburg und Hitler vorbei mit seinem Bataillon paradiert. Aber der 30. Juni 1934 rüttelte ihn auf. Nachdem er zuerst wirklich an einen SA-Putsch geglaubt hatte, erschütterte ihn zutiefst das Verhalten der Reichswehrführer nach dem Mord an Ferdinand von Bredow und dem ehemaligen Reichskanzler Kurt von Schleicher. Von nun an beobachtete er den Aufstieg des Dritten Reiches mit kritischen Augen. Bedenken häuften sich, als die Nationalsozialisten begannen, den Reichsbischof zu favorisieren und gegen die Kirche vorzugehen. Im Herbst 1934 wurde er zur Generalstabsausbildung kommandiert und 1936 als Generalstabsoffizier in die Operationsabteilung des Kriegsministeriums unter Heusinger versetzt. Er lernte im Ministerium Fritsch und Beck kennen und schätzen. Die Blomberg-Fritsch-Krise erschütterte ihn so, daß er mit seinem Regimentskameraden Graf Baudissin beschloß, die Reichswehr zu verlassen. Erst der spätere Feldmarschall von Witzleben überredete sie zu bleiben mit der Begründung, die Armee brauche Offiziere, die dem Nationalsozialismus nicht verfallen seien, und obendrein sei geplant, mit der Gestapo und der SS abzurechnen. Zutiefst entsetzt hörte er 1937 von den unverantwortlichen Kriegsplänen Hitlers und war verzweifelt über das Vabanquespiel Hitlers, das leicht hätte zum Krieg und damit zur Katastrophe führen können. Ein Krieg, das war Tresckow klar, der inzwischen die Welt etwas kennengelernt hatte, konnte von Deutschland nur verloren werden. Bei dem Haß gegen die Deutschen, den er in England und Frankreich noch selbst gespürt hatte, war ihm auch klar, daß die Friedensbedingungen nach einem zweiten verlorenen Krieg für Deutschland endgültig vernichtend sein würden. So erwog er erstmals 1938 Hitler auszuschalten. Er war neben Hans Oster der erste, der diesen radikalen Entschluß faßte, da er fest davon überzeugt war, daß Hitler den Krieg plante und wollte. Es hatte lange gedauert, bis er zu diesem radikalen Entschluß kam, da er es zunächst nicht für möglich hielt, daß die Staatsführung als solche ehrlos handelte, Rechtlosigkeit herrschen ließ und den Terror gegen Andersdenkende selbst organisierte. Und doch entschloß er sich nach der Reichskristallnacht im November 1938 früher als alle anderen, Deutschland selbst und die Ehre des deutschen Volkes zu retten. Im Polenfeldzug 1939 war Tresckow Generalstabsoffizier für operative Führung der 228 Infanterie-Division und erhielt, eine ganz seltene Ausnahme, als Generalstabsoffizier das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse. Nach dem Polenfeldzug beobachtete er voller Abscheu, daß die Generalität die Greuel des Regimes an der polnischen Bevölkerung nicht zur Kenntnis nahm. Im Oktober 1939 wurde Tresckow auf Erich von Mansteins Empfehlung zum Generalstab der Heeresgruppe A unter Generaloberst von Rundstedt versetzt und lernte in dieser Position nun die Oberbefehlshaber der Armeen und Heeresgruppen kennen. Es gelang ihm über seinen Freund, General Rudolf Schmundt, der Adjutant bei Hitler war, von Mansteins Sichelschnittplan für den Frankreich-Feldzug an Hitler heranzubringen, der diesen zur Durchführung und zum schnellen Sieg der deutschen Truppen in Frankreich führte. Es wurde klar, daß Hitler das Völkerrecht mißachten würde Bei den Vorbereitungen zum Rußland-Feldzug mit dem berüchtigten Kommissarbefehl vom Juni 1941 und sonstigen Anweisungen wurde Tresckow klar, daß Hitler keinerlei Rücksicht auf das Völkerrecht nehmen würde. Nur etwas später, bereits im August 1941, erfuhr er durch die über seinen Schreibtisch laufenden Meldungen der SS-Einsatzgruppe B, die der Heeresgruppe nicht unterstand, von deren Judenmorden. Voller Empörung schickte Tresckow seinen Vetter Fabian von Schlabrendorff nach Berlin. Er sollte die dort vorhandenen Widerstandsgruppen informieren und mit ihnen Verbindung aufnehmen. So entstand ein weiterer Grund für seine Attentatsplanung, denn nach einem verlorenen Krieg würden die Sieger nun Deutschland endgültig vernichten, fürchtete er. Es durfte also, um Deutschland zu retten, der Krieg nicht verloren werden, und gleichzeitig mußte Hitler möglichst bald ausgeschaltet werden, um weiteres Unrecht zu verhindern. Durch eine geschickte Personalpolitik gelang es Tresckow, verantwortlich für die operative Führung im Stab der Heeresgruppe Mitte, in die Führungsabteilung der Heeresgruppe entschiedene Gegner Hitlers um sich zu versammeln, mit deren Hilfe er Hitler töten wollte; seinen Vetter Schlabrendorff, Oberstleutnant Georg Schulze-Büttger, Oberstleutnant Bernd von Kleist, Major Rudolf Freiherr von Gersdorff und Major Pretzell. Später kam an die Stelle von Schulze-Büttger Major Hans Alexander von Voss und an die Stelle von Pretzell Major Hans Ulrich von Oertzen. Ich selbst wurde im Herbst 1942, ich war damals Ordonnanzoffizier beim Feldmarschall Günther von Kluge, in dieser Gruppe aufgenommen, und das geschah so: In unserem Ordonnanzoffizierszimmer hatten wir einen Lautsprecher, der uns ermöglichte, alle Telefongespräch, die Kluge führte, mit anzuhören, um immer genauestens orientiert zu sein. Zu Kluges sechzigstem Geburtstag Ende Oktober 1942 rief plötzlich Hitler an, um ihm zu gratulieren. Gegen Ende des Gesprächs sagte Hitler dann zu Kluge: „Herr Feldmarschall, ich habe gehört, Sie wollen einen Kuhstall in Böhne (dem Gut seiner Frau) bauen. In Anbetracht Ihrer Verdienste um das deutsche Volk schenke ich Ihnen für 250.000 Reichsmark Bezugsscheine für Baumaterial.“ Damit verabschiedete sich Hitler. Mir hatte es den Atem verschlagen. Kluge klingelte, und ich ging zu ihm hinein. Kluge begann das Gespräch: „Boeselager, haben Sie gehört, was der Führer am Schluß gesagt hat?“ Ich bejahte. „Was halten Sie von dem Geschenk?“ Ich antwortete, damals gerade 25 Jahre alt, „Herr Feldmarschall, ich kann mich nicht erinnern, je gehört zu haben, daß ein preußischer Feldmarschall oder General im Krieg eine Dotation bekommen hätte. Nach einem gewonnenen Krieg ja, selbstverständlich, aber nicht während des Feldzuges. Ich würde das Geld dem Roten Kreuz geben.“ Drei Attentatsversuche vor dem 20. Juli schlugen fehl Mit etwas schlechtem Gefühl ging ich weg. Ob mein Rat wohl richtig war? Ob er wohl von Kluge befolgt würde? Ich eilte zu Tresckow und erzählte ihm den Inhalt des Gespräches zwischen Kluge und Hitler. Am Schluß fragte ich ihn, ob ich Kluge richtig geraten habe. Da ich vermutete, Kluge würde nochmals auf das Telefongespräch zurückkommen, wollte ich mir bei Tresckow Rat holen. Er war mir ein väterlicher Freund. Ich wußte, daß ich mit ihm darüber sprechen könnte, ohne die Schweigepflicht als Ordonnanzoffizier zu verletzen. Zu meinem Erstaunen wollte Tresckow von mir die Erlaubnis haben, in einem Gespräch mit Kluge das Telefonat mit Hitler erwähnen zu können. Daraufhin gab es einen lebhaften Disput zwischen Tresckow und mir. Am Schluß sagte ich ihm: „Herr Oberst, ich bin persönlicher Ordonnanzoffizier des Feldmarschalls. Das ist eine absolute Vertrauensstellung. Herr Oberst dürfen von diesem Gespräch zwischen uns keinen Gebrauch machen. Ich bin nur zu Ihnen gekommen, um einen persönlichen Rat zu erbitten, und nicht zu meinem Vorgesetzten. Mein Vorgesetzter ist allein der Feldmarschall.“ Als Tresckow sah, daß es mir ernst war, begründete er seine Bitte, indem er sagte: „Der Feldmarschall darf sich nicht vom Führer abhängig machen. Wir brauchen ihn im Kampf gegen Hitler.“ Mit diesem Satz hatte sich Tresckow offenbart und mich in den Kreis seiner Widerstandsgruppe hineingenommen. Von dieser Stunde an gehörte ich zur Widerstandsgruppe Tresckow. Zu dieser Gruppe gehörte auch Carl-Ludwig Graf von Berg-Schönfeld, der Adjutant beim Heeresgruppennachrichtenführer, General Eugen Oberhäuser, war. Berg erzählte mir später, im Winter 1942/43 habe ihn Tresckow kommen lassen und ihm den Auftrag gegeben während einer Wolfsjagd, an der Kluge und er teilnehmen würden, aus Kluge herauszubekommen, wie dessen Einstellung zu Hitler sei und ob er gegebenenfalls Verständnis für eine Beseitigung Hitlers habe. Am Abend nach der Jagd habe er Tresckow berichten können, daß Kluge „Verständnis für unsere Absicht“ habe. „Daraufhin ging Tresckow am nächsten Morgen zu Kluge, weihte ihn im großen und ganzen in die Planung ein, und am Schluß dieses Gesprächs habe Kluge die Arme ausgebreitet und gesagt: ‚Ihr habt mich‘.“ Tresckow suchte lange Zeit für seine Attentatspläne eine Einheit, auf die man sich absolut verlassen könne, und für diese Einheit auch den entsprechenden Kommandeur. Letzteres war fast noch schwieriger, da die Offiziere immer wieder hin und her versetzt wurden und durch Verwundungen ausfielen. Mein Bruder Georg, damals schon ein hochdekorierter Kavallerieoffizier, schien mir für Tresckows Attentatspläne besonders geeignet, und dies sagte ich Tresckow. Als mein Bruder mich dann ein halbes Jahr später mehr zufällig bei Kluge besuchte, schlug mein Bruder Kluge vor, aus den einzelnen Reiterschwadronen der Aufklärungsabteilung der Infanterie-Division, die im Stellungskrieg nun nicht mehr sinnvoll einsetzbar waren, einen voll beweglichen Verband zu machen, der bei jedem Wetter schnell eingesetzt werden könne. Damit verfüge die Heeresgruppe über eine ständige Eingreifreserve. Dieser Plan wurde von Kluge genehmigt, und er sagte zu meinem Bruder: „Gehen Sie zu Tresckow und regeln Sie mit ihm die Einzelheiten.“ Der Reiterverband Boeselager wurde mit dem 1. Januar 1943 aufgestellt, und bis zum März 1943 waren die ersten vier bis fünf Schwadronen beisammen. Bei ihnen waren ausgezeichnete Offiziere, mit denen man den Teufel aus der Hölle holen konnte. Anfang März wurde klar, daß Tresckows alter Wunsch, Hitler zum Heeresgruppen-Stab zu locken, in Erfüllung gehen würde. Schon lange war besprochen worden, daß Hitler bei einem Frontbesuch getötet werden sollte, da dann die größte Chance bestand, Hitlers Sicherheits-Kordon auszuspielen. Es war besprochen und bis in alle Einzelheiten durchexerziert, daß Hitler und Himmler, der mitkommen wollte, im Offizierskasino der Heeresgruppe durch ein Pistolenattentat getötet werden sollten. Ich hatte Kluge eingeweiht. Er hatte grundsätzlich zugestimmt. Erst als feststand, daß Himmler nicht mitkommen würde, untersagte Kluge das Attentat. Er fürchtete einen Bürgerkrieg zwischen Heer und SS, wenn Himmler am Leben bleiben würde. So wurde das Attentat, das genauestens vorgeplant wurde – jeder wußte, wo er hereinkommen oder sitzen mußte – abgesagt. Als zusätzliche Sicherung war noch die damalige 1. Schwadron des Reiterverbandes als Straßensicherung unter ihrem hervorragenden Chef, Oberleutnant Wilhelm König, eingesetzt. Sie sollte offiziell die Straße zwischen dem Flugplatz und dem Hauptquartier Kluges sichern. In Wirklichkeit war besprochen und vorgesehen, daß die Schwadron Hitler festnehmen sollte, wenn aus irgendwelchen Gründen ein Pistolenattentat scheitern sollte. Bei uns allen war die Enttäuschung nach Hitlers Heimflug groß. Ich spüre in der Erinnerung noch die gespannte Atmosphäre, als Hitler mit seiner Begleitung zu uns in die Baracke kam. Als die Besprechung zu Ende war und wir dann ins Kasino gingen, wo das Attentat geplant gewesen war, war es mir kaum möglich, einen unbeteiligten Eindruck zu machen. Die Spannung war fast unerträglich und dieser Tag ein Tag größter Enttäuschung. Auch ein zweiter Attentatsversuch am gleichen Tage scheiterte, da die beiden Bomben, die Schlabrendorff auf Tresckows Geheiß über den Oberstleutnant Heinz Brandt in Hitlers Flugzeug geschmuggelt hatte, nicht zündeten. Das Mißlingen beider Anschläge bedrückte uns schwer. Ein dritter Attentatsversuch im Zeughaus anläßlich des Heldengedenktages 1943 scheiterte, da Hitler vorzeitig das Zeughaus verließ, so daß Gersdorff, der Hitler herumführen sollte, die Bombe nicht mehr zünden konnte. Damals sagte Tresckow zu Gersdorff: „Ist es nicht ungeheuerlich, daß sich hier zwei Oberste im Generalstab darüber unterhalten, wie sie am besten das Staatsoberhaupt umbringen können.“ Damit waren drei Attentatsversuche, die Tresckow initiiert hatte, gescheitert. Aber er ließ sich nicht irre machen. Hitler mußte getötet werden, um Deutschland zu retten. Anläßlich der Attentatsversuche im März hatte sich erwiesen, daß die Umsturzplanungen im Reich noch nicht genügend erarbeitet worden waren. Nun benutzte Tresckow seine Versetzung in die Führerreserve und einen Urlaub, um im Rahmen der sogenannten „Walküreplanung“ gemeinsam mit Oertzen den Umsturz im Detail bis zu den Vertrauensleuten in den einzelnen Wehrkreisen und in den entsprechenden zivilen Stellen vorzubereiten. Offiziell und zur Tarnung ging man bei der „Walküreplanung“ von einem Aufstand der Fremdarbeiter aus. Gleichzeitig benutzte Tresckow diese Zeit, um Verbindungen zu knüpfen. Ende September 1943 konnte er die vorbereiteten Befehle für „Walküre“ und die Aufrufe dem zukünftigen Oberbefehlshaber des Heeres, Feldmarschall Erwin von Witzleben, zur Unterschrift vorlegen. Damit war ein fester Grund für den Umsturz nach dem Attentat gelegt. Tresckow wurde nach einem kurzen Intermezzo als Infanterie-Regimentskommandeur Mitte November 1943 als Chef des Stabes zur 2. Armee, der südlichsten der Heeresgruppe Mitte, versetzt. Die Attentatsplanung lag nun in den Händen Claus von Stauffenbergs, mit dem Tresckow sich in dieser Zeit häufiger getroffen hatte. Sie kannten und schätzten sich seit 1941. Tresckow selbst hatte in der Zwischenzeit mehrmals versucht, in die Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres versetzt zu werden oder zumindest den Chef der Operationsabteilung, General Alfred Heusinger, in dessen Urlaub zu vertreten, um an Hitler persönlich heranzukommen und ihn dann zu erschießen. Aber das war ihm nicht gelungen. So mußte Stauffenberg, der für ein Attentat nach seiner schweren Verwundung körperlich eigentlich ungeeignet war, doch einspringen, da niemand in der nächsten Umgebung Hitlers zu einem Attentat bereit war. Anfang Juli 1944 hatte mir mein Bruder gesagt, das Attentat im Führerhauptquartier stände kurz bevor und ich solle auf Tresckows Geheiß zur Sicherung der neuen Regierung in Berlin 1.200 Mann, also sechs Schwadronen aus der Front vorsichtig herausziehen, die dann unter meiner Führung nach Berlin geflogen werden sollten. Wir sollten in Berlin die SS-Dienststellen in der Prinz-Albrecht-Strasse und in der Willhelmstrasse sowie das Propagandaministerium in unsere Hand nehmen. Er selbst bleibe aber bis zum Attentat beim Stab der 2. Armee bei Tresckow. Kluge, der im Herbst 1943 schwer mit dem Auto verunglückt war, wurde Anfang Juli 1944 Oberbefehlshaber West mit Sitz in Paris. Ihm unterstand damit die gesamte Westfront. Das geplante Attentat stand dicht bevor, und es war für Tresckow und die Verschwörer von entscheidender Bedeutung, zu wissen, wie jetzt Kluge zu einem Attentat stünde und ob er vielleicht sogar bereit sei, nach der Invasion in der Normandie im Westen zu kapitulieren und damit das Kriegsende zu beschleunigen. Tresckow schickte meinen Bruder zu Kluge mit dem Auftrag, das alles zu klären. Er sollte Kluge nahelegen zu kapitulieren, da sonst auch ein gelungenes Attentat Deutschlands Schicksal nicht mehr wenden würde, aber Hunderttausende von KZ-Insassen, deutsche und russische Soldaten noch gerettet werden könnten. Für seine Überzeugung sein Leben hingeben Ich sah Tresckow zum letzten Mal Anfang Juli 1944, während der äußerst schwierigen und harten Rückzugskämpfe der 2. Armee, die durch seine Führungskunst als einzige Armee der Heeresgruppe Mitte gerettet wurde. Beim Abschied sagte er mir: „Passen Sie auf sich auf. Wir brauchen Sie bald“. Damit war klar, das Attentat stand kurz bevor. Nach dem Mißlingen des Attentats, an dessen Erfolg Tresckow nur halbherzig geglaubt hatte, opferte er sich ganz bewußt, um seine Freunde zu retten. Er verabschiedete sich von seinem Freund Schlabrendorff mit den denkwürdigen Worten: „Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor dem Richterstuhl Gottes treten werde, um Rechenschaft zu geben über mein Tun und Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unseren Willen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“ Ich danke dem Herrgott, daß ich dem Menschen Henning von Tresckow in einem so schwierigen Abschnitt meines Lebens begegnen durfte. Literatur zum Thema: Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Propyläen Verlag, Berlin 2004 (Neuausgabe), 287 Seiten, Abbildungen, 22 Euro Christoph L‘ Estocq: Soldat in drei Epochen: ein Hommage an Henning von Tresckow. Frieling Verlag, Berlin 1990, 220 Seiten (vergriffen) Bisher wurden hier Eduard Wagner, Karl-Friedrich Goerdeler, Ulrich von Hassell, Helmuth James Graf von Moltke, Carl-Heinrich von Stülpnagel, Julius Leber, Dietrich Bonhoeffer, Albrecht Haushofer, Alfred Delp und Fritz-Dietlof von der Schulenburg porträtiert. Philipp Freiherr von Boeselager , Teilnehmer des 20. Juli, wurde durch die Standhaftigkeit seiner Kameraden vor der Hinrichtung in Plötzensee gerettet. Der 1917 auf dem Stammgut Heimerzheim bei Bonn geborene Sproß einer alten rheinischen Adelsfamilie studierte nach dem Krieg Forstwirtschaft und diente als Oberstleutnant der Reserve bei der Bundeswehr. Fotos: Tresckow mit seiner Frau in Wartenberg: Nicht für möglich gehalten, daß die Staatsführung ehrlos handelte / Führungsabteilung der Heerestruppe Mitte (Tresckow, Vierter v. r.; Kleist, Dritter v.l.; Schulze-Büttger, Vierter v. l., Schlabrendorff, ganz rechts stehend): „Wir brauchen ihn im Kampf gegen Hitler“ 20. Juli 1944 Am 20. Juli 1944 schlug das Attentat einer weitgegliederten Gruppe um Claus Graf Schenk von Stauffenberg gegen Hitler und sein Regime fehl. Damit scheiterte der letzte Versuch, die kaum mehr abzuwendbare Niederlage des Reiches um fast ein Jahr zu beschleunigen – und damit unzählige Opfer an Menschen und Kulturgütern zu vermeiden – und den alliierten Truppen in dem Bewußtsein gegenüberzutreten, die Diktatur selbst abgeschüttelt zu haben. Anläßlich des 60. Jubiläums dieses nationalen Tages der stolzen Erinnerung möchte die JF mit mehreren Sonderseiten einen Schwerpunkt setzten. So wird der Historiker Stefan Scheil den genauen Ablauf von „Walküre“ schildern, Karlheinz Weißmann wird die Porträtreihe mit Claus von Stauffenberg abschließen. Ferner werden die Historiker Georg Meyer und Alfred Schickel besondere Aspekte des 20. Juli beleuchten: Zum einen die Rolle dieses Tages in der Bundeswehr, zum anderen die (west)alliierte Perspektive zum deutschen Widerstand. Zudem werden einige Neuerscheinungenzum Thema vorgestellt.

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