Zwischen Islamismus und Assimilation

Mehr als 2,1 Millionen türkische Staatsbürger leben dauerhaft in Deutschland. Zusammen mit etwa 450.000 bis 500.000 Türken mit deutschem Paß bilden sie ein Bevölkerungspotential von über zweieinhalb Millionen Menschen – mehr als drei Prozent der Wohnbevölkerung Deutschlands. Die bei weitem größte Ausländergruppe in unserem Land ist alles andere als homogen: Sie umfaßt nicht nur mehr als eine halbe Million ethnischer Kurden, sondern Menschen aus allen sozialen Schichtungen. Die erfolgreichen Geschäftsleute, Akademiker, Aufsteiger, die hart arbeitenden Facharbeiter und Angestellten, auf die sich die Multikulti-Lobby so gerne beruft, sind freilich eine Minderheit. Die große Mehrheit der Türken in Deutschland will von Assimilation nichts wissen und lebt am Alltag der Deutschen vorbei in Parallelgesellschaften in den wachsenden Ghettos der Großstädte. Soziologen warnen vor einer Parallelgesellschaft „Ihr Deutschen seid verrückt“, schimpft Arslan. Vor vielen Jahren kam der elegant gekleidete Mann von der türkischen Westküste nach Deutschland, erwarb den deutschen Paß und verdient sein Geld als vereidigter Dolmetscher für Ämter und Behörden. „Ihr laßt zu, daß dieselben Leute, die schon in der Heimat auf unsere Kosten gelebt haben, wieder hierherkommen und uns ausnutzen. Das ist ausländerfeindlich!“ So spitzfindig wie Arslan denken nicht viele seiner Landsleute. Immerhin, es gibt sie, die erfolgreich Assimilierten. Wie den Reiseunternehmer Vural Öger, Gründer und Chef des erfolgreichen Pauschalurlaubsanbieters „Öger Tours“. Oder den türkischen Familienvater aus dem Problem-Stadtteil Eglosheim im württembergischen Ludwigsburg, der von der Regierung Ausländerquoten an den Schulen verlangt, damit seine Kinder die Chance hätten, ordentlich Deutsch zu lernen und eine vernünftige Ausbildung zu erwerben. In dieser Bevölkerungsgruppe ist die Akzeptanz für das deutsche Staats- und Gesellschaftssystem hoch, höher bisweilen als bei den Deutschen selbst. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung förderte hierzu Interessantes zutage: Über 90 Prozent der Befragten in einer Meinungserhebung unter in Deutschland lebenden Türken waren der Meinung, in einer gerechten oder zumindest teilweise gerechten Gesellschaft zu leben. Fast die Hälfte der deutschen Gesamtbevölkerung meint dagegen, bei uns ginge es „ungerecht“ zu. Ähnlich hoch ist die Identifikation mit der Demokratie als Staatsform; Justiz, Regierung, Polizei und Behörden genießen deutlich höheres Ansehen als beispielsweise die türkischen Medien. Der Haken: Mehr als die Hälfte der angesprochenen türkischen Haushalte schlug den Befragern die Tür vor der Nase zu, nur 326 waren überhaupt zum Interview bereit. Ein Großteil der Türken in Deutschland lebt an der deutschen Mehrheitsbevölkerung vorbei in einer eigenen Welt, mit eigenen Regeln, Werten und Bezugsgruppen. Soziologen warnen vor dem Sprengstoff, der in der Herausbildung solcher „Parallelgesellschaften“ steckt. Mehrere Faktoren haben die Ghettobildung innerhalb der zahlenstärksten Ausländergruppe in Deutschland begünstigt. Dazu gehört die Eigengesetzlichkeit der Einwanderung, die Neuankömmlinge veranlaßt, in der Fremde die Gesellschaft der bereits im Gastland lebenden Landsleute zu suchen. Aus ihr erklärt sich die Konzentration der türkischen Bevölkerung in Großstädten und dort in bestimmten Stadtteilen, wo sie nicht selten zweistellige Prozentzahlen und sogar Mehrheitssituationen erreicht. Die Herkunft vieler türkischer Einwanderer aus einfachen Verhältnissen in armen, ländlichen Gegenden ist ein weiterer Faktor. Geringqualifizierte mit schlechten Deutschkenntnissen, die sich trotz schwindender Chancen auf dem Arbeitsmarkt zum Bleiben entschlossen, klammerten sich in der Fremde an traditionelle, ländliche Lebensweisen und Familienstrukturen. Für die Söhne werden statt „verwestlichter“ Mädchen aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration Ehepartner aus dem dörflichen Milieu der Heimat bevorzugt, die sich dem Haushalt und dem Regiment der Schwiegermutter unterzuordnen haben. Die Chance auf Erwerb deutscher Sprachkenntnisse als Bildungsvoraussetzung ist für sie und ihre Kinder gering. Fundamentalistischer Islam fällt auf einen Nährboden Ausgehend von den großen Städten hat sich in Deutschland eine dicht gewebte türkische Infrastruktur herausgebildet, die als Wirtschaftsfaktor zunehmend an Bedeutung gewinnt. Deutsche Unternehmen – Anbieter von Telekommunikation, Unterhaltungselektronik, Automobilen vorweg – bemühen sich mit eigens gestalteter Werbung auf Türkisch um die Zielgruppe und unterstützen somit den Abgrenzungsprozeß. Selbständigkeit mit dem „eigenen Geschäft“ ist für die türkische Bevölkerung ein hoher Wert; die Gründungsfreude türkischer Kleinunternehmer ist ungebrochen, Kebabstände und türkische Lebensmittelläden verdrängen nicht nur deutsche, sondern auch griechische und italienische Konkurrenten zunehmend aus den Innenstädten. Preis der Selbständigkeit ist nicht selten, daß Kinder und jugendliche Verwandte auf Kosten ihrer schulischen Ausbildung mithelfen müssen. Die auflagenstarken türkischen Zeitungen, die im Großraum Frankfurt verlegt werden, üben trotz der Ablehnung durch gebildete und assimilierte Einwanderer großen Einfluß auf die Masse der türkischen Wohnbevölkerung aus. Sie pflegen oft ein Deutschlandbild, das forcierten Eigenstolz propagiert und vermeintliche und tatsächliche Diskriminierung der Landsleute als Erklärungsmaßstab gern in den Vordergrund stellt. In vielen deutschen Städten kann ein hier geborener oder eingewanderter Türke sich von der Kindheit bis zum Greisenalter in einem rein türkischen Milieu bewegen: In der Familie wird nur Türkisch gesprochen, gearbeitet wird beim türkischen Kaufmann, die Freizeit in türkischen Clubs, Diskos, Restaurants oder Einrichtungen verbracht. Moscheezentren in den Großstädten bündeln diese Bedürfnisse und sind Kristallisationspunkte der Parallelgesellschaft. In den zirka 3.000 türkischen Moscheen und Koranschulen auf deutschem Boden findet auch der Islamismus zunehmend Nährboden. In Deutschland können sich fundamentalistische türkische Organisationen wie Milli Görus freier betätigen als in der Heimat; „Almanya“ ist für sie ein Hauptbetätigungsfeld für Rekrutierung und Spendensammlung. Ermuntert wird diese Entwicklung durch die zumindest bis zum 11. September 2001 extrem nachgiebige Praxis der deutschen Behörden, die in Gerichtsurteilen wie der jüngsten Entscheidung des Kölner Verwaltungsgerichts, den „Kalifen“ Metin Kaplan von der Abschiebung zu verschonen, ihre Entsprechung findet. Mehr noch als der Islam bieten subkulturelle Jugendgangs mit kriminellem Hintergrund den Gescheiterten eine Ersatzheimat, in der sie Anerkennung finden. Jugendliche, die aufgrund fehlender Qualifikation und Sprachkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt chancenlos sind, verlassen nicht das türkische Milieu ihrer Stadt, sondern gehen auf die Straße. Die Kriminalitätsbelastung türkischer Jugendlicher übertrifft die der deutschen Bevölkerung und vieler anderer Einwanderergruppen beträchtlich; türkische Jugendgangs bieten der organisierten, meist ethnisch strukturierten Kriminalität ein willkommenes Rekrutierungsfeld. Parallelen zu den Schwarzen-Ghettos der USA wie die Selbstbezeichnung als „Kanaken“ mit dem Schimpfwort der „anderen“ und die Pflege eines eigenen Slangs („Kanak Sprak“) stilisiert der Schriftsteller Feridun Zaimoglu zur Heraufkunft einer eigenständigen Szenekultur. In der deutschen veröffentlichten Meinung werden ethnisch fundierte Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern ausschließlich unter dem Blickwinkel der „Ausländerfeindlichkeit“ betrachtet und Zuwanderer konsequent vor allem als „Opfer“ wahrgenommen. Festzuhalten ist indes, daß zwischenethnische Gewalt nicht nur häufig zwischen unterschiedlichen Einwanderergruppen, etwa Türken und Kurden oder Türken und Russen oder Albanern, stattfindet, sondern auch im Konflikt mit einheimischen Deutschen häufig von Zuwanderern ausgeht. Eine forcierte Einbürgerung ändert nur die Statistik Zündstoff bietet nicht zuletzt das Bestreben seitens türkischer Zuwanderer, schnell in preisgünstigen, oft von mehreren Familien gemeinsam erworbenen Immobilien seßhaft zu werden. Auch in ländlichen Regionen entstehen so geschlossene Kolonien, in denen die angestammte Bevölkerung rasch zur Minderheit werden kann, während mancher türkische Häuslekäufer sich selbst als Eroberer bei der Landnahme sieht. Wird in einem schwäbischen Weinort eine alte Frau, die sich gegen ruhestörendes Bolzen gegen die Kirchentür während des Gottesdienstes verwahrt, von türkischen Jugendlichen beschimpft, sie solle „das Maul halten, das wird sowieso bald eine Moschee“, können derartige Vorfälle schwerlich mit „Ausländerfeindlichkeit“ erklärt werden. Der Umgang der deutschen Politik mit dieser Herausforderung schwankt zwischen Ignorieren, Verharmlosen und Anbiedern. Letzteres bestätigt lediglich das besonders bei jungen Türken verbreitete Vorurteil gegen die „deutschen Weicheier“. Zudem wird von deutscher Seite nur mangelhaft versucht, die eigene Identität an die hier siedelnden Türken weiterzugeben. Forcierte Einbürgerung, die durch Erleichterung der Zugangshürden zum deutschen Paß auch Integrationsunwillige mitnehmen will, die den (Doppel)-Paß nur als praktisches Papier betrachten, ändert zwar die Statistik, aber nicht die Mentalität.

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