Trübe Aussichten in Königsberg

Seit zehn Jahren bin ich nun jedes Jahr in Ostpreußen, insgesamt habe ich etwa anderthalb Jahre dort verbracht. Vor zehn Jahren herrschte dort eine fast euphorische Stimmung. Ostpreußen sollte die Wirtschaftssonderzone „Jantar“ (Bernstein) werden, das „Hongkong des Nordens“, gemeinsam mit Rußland würden die interessierten Staaten – darunter selbstverständlich auch Deutschland – hier investieren und so den Aufbau dieses Gebietes vorantreiben. Der damalige Gouverneur des „Oblast Kaliningrad“ wollte dazu 250.000 Rußlanddeutsche ins Land holen. Private, aber durchaus prominente russische Kreise, beispielsweise von der Universität, forderten auch die alten Ostpreußen auf, zurückzukehren! Unter der einheimischen Bevölkerung gab es starke Bestrebungen, der Stadt Königsberg und damit dem ganzen Bezirk den alten Namen zurückzugeben. Von all dem ist wenig geblieben. Der Umbenennung der Stadt und anderer ostpreußischer Städte hat Moskau einen Strich durch die Rechnung gemacht, so daß Kaliningrad wohl die einzige Stadt in Rußland ist, die noch den Namen eines kommunistischen Funktionärs trägt. Auch die 700-Jahrfeier der Gründung von Königsberg wurde dieses Jahr weitestgehend unterbunden. Es wird die Legende verbreitet, das Gebiet sei „urslawischer“, ja sogar „urrussischer Boden“. Die Zukunft als EU-Enklave wird noch schwieriger Das nördliche Ostpreußen, das schon in der ganzen Sowjetzeit ein armes Gebiet war, ist noch mehr verarmt, denn es hat seinen Daseinszweck für Rußland weitgehend verloren. Es hat zwar noch immer einen fast jeden Winter eisfreien Hafen, aber nun ohne Hinterland, weit entfernt und durch Grenzen getrennt vom eigentlichen Rußland. Auch das Ziel, die ewig aufmüpfigen baltischen Staaten ruhig zu halten, wurde nicht erreicht, diese Staaten sind für Rußland verloren. Der „Oblast Kaliningrad“ sollte auch einmal das Sprungbrett nach dem Westen für den „Tag X“ sein, deshalb auch die Erhaltung der Bahnstrecke zwischen Königsberg und Berlin in europäischer Normalspur, aber auch das spielt heute keine Rolle mehr, die Raketenbasen sind darum auch wohl fast alle abgebaut, und der Oblast ist nicht mehr militärisches Sperrgebiet. Die Armee und der Hafen waren aber einmal die großen Arbeitgeber im Gebiet. Nicht umsonst lebt fast die Hälfte der Bevölkerung in der Hauptstadt. Nun droht mit dem Beitritt Polens und Litauens zur EU eine weitere Katastrophe, der kleine Grenzhandel, – man könnte auch Schmuggel sagen – würde dann aufhören, wenn die Bewohner des Grenzgebiets nicht mehr ohne Visum ihre Tagestouren über die Grenze machen könnten, um in Polen und Litauen billiges Benzin, Zigaretten und Wodka zu verkaufen und dafür von dort Textilien und ähnliches mitzunehmen. Angeblich soll das schon in diesem Herbst beginnen. Das versprochene Dauervisum für Fahrten von und nach Rußland ist für die meisten ohne Wert, es begünstigt nur die staatlichen Beamten und die kleine Gruppe von „Neuen Russen“, wie man die Neureichen, oft Mitglieder der alten Nomenklatura, nennt. Einem wirtschaftlichen Aufschwung steht eine wuchernde Bürokratie und eine korrupte Verwaltung entgegen. Ausländische Investoren kamen bisher nur wenige. Beispielsweise schreiben die schwierig und nur langfristig zu bekommenden Arbeitsvisa eine direkte Anmeldung in Königsberg vor. Besonders die korrupte „Miliz“ (Polizei) sieht in den meist deutschen Touristen eine Chance zur Aufbesserung der armseligen Gehälter durch unverschämtes Abzocken unter den fadenscheinigsten Vorwänden. Zwar nahm das Warenangebot im ganzen Gebiet zu, aber die Kaufkraft blieb sehr gering. Die zunächst zugewanderten Rußlanddeutschen stellten fest, daß die Arbeitsmöglichkeiten sehr begrenzt, dafür die Arbeitslosigkeit extrem hoch waren, daß die Bundesrepublik zwar beträchtliche Summen zur Finanzierung rußlanddeutscher Einrichtungen in Sibirien ausgab, aber das nördliche Ostpreußen für „nicht besonders förderungswürdig“ erklärte (so wörtlich ein Vertreter des Bundesinnenministeriums vor acht Jahren in Königsberg vor Vertretern der Rußlanddeutschen). Deshalb wanderten und wandern die Rußlanddeutschen zum großen Teil in die Bundesrepublik weiter. Selbst der Tourismus stagniert in Nordostpreußen Die „weiße Industrie“ des Tourismus kommt nicht in Schwung. Die Schwierigkeiten bei der Visumbeschaffung, bei und nach der Einreise mit stundenlangen Wartezeiten an der Grenze, die allerdings auch zum Teil von den polnischen Zöllnern verursacht werden, und immer noch mit anschließender Anmeldepflicht bei der Miliz des zuständigen „Rayons“ behindern den Tourismus, der eine gute Einnahmequelle sein könnte, denn das Land ist schön und hat an der Ostsee und auf der Nehrung, in der Rominter Heide und am Wystiter See viel zu bieten. Die Polen in Masuren und die Litauer im Memelland nutzen diese Chance. Dort nimmt der Tourismus zu, im nördlichen Ostpreußen geht er zurück, weil die „Heimweh-Touristen“ aussterben und andere durch die erwähnten Schikanen und die mangelnde touristische Infrastruktur vom Besuch abgehalten werden. Daneben könnte die Landwirtschaft, der Bernstein und das dort vorkommende hochwertige Erdöl gute Einnahmequellen sein. Statt dessen werden Lebensmittel zum Teil aus Polen und Litauen eingeführt, während große Flächen von Ackerland versteppen, Bernstein ist oft in Polen billiger, obwohl das nördliche Ostpreußen das einzige Gebiet der Welt ist, wo der Bernstein in Palmniken im Tagebau gefördert wird. Schon bald nach der Öffnung des Gebietes ging die Rede: „Nach Ostpreußen gehen nur Idealisten, Spinner und Spekulanten“. Die Spekulanten bleiben schon länger aus, es gibt nichts zu spekulieren. Ich habe es aber nicht bereut, daß ich nach Ostpreußen gegangen bin und – wenn es meine Gesundheit erlaubt – auch weiter gehen werde, denn ich habe ein schönes Land mit seiner großen deutschen Tradition kennen und lieben gelernt. Ich lernte auch die Russen und ihre Welt, ihre Kultur kennen, verstehen und schätzen und begriff, daß Deutschland und wir Deutschen eine Brückenfunktion zwischen Ost und West hatten und haben. Ich konnte in meiner Arbeit zum besseren Verstehen zwischen diesen beiden Völkern beitragen, die ja beide im letzten Jahrhundert so schrecklich gelitten haben. Ich habe Sympathie und Verständnis für die Rußlanddeutschen gewonnen, die nach ihrem furchtbaren Schicksal, von dem man bei uns kaum etwas weiß, endlich eine Heimat finden wollen – und die dabei in der Bundesrepublik wenig Verständnis finden und oft sogar auf Ablehnung stoßen – und das oft bei Leuten, die uns sonst von der „multikulturellen Gesellschaft“ vorschwärmen. Und ich konnte helfen – bei den Russen und Aussiedlern, sowohl dort in Ostpreußen als auch in der neuen Heimat in Deutschland. Die Sprachkurse und die Informationen über Deutschland haben geholfen, und hier in der „kalten Heimat Bundesrepublik“ half oft einfach die Tatsache, daß jemand sich überhaupt – und nicht „von Berufs wegen“ – für die Aussiedlerfamilien interessiert. So steht über der Zukunft des nördlichen Ostpreußen ein großes Fragezeichen – schade für die Menschen dort, sie hätten unsere Hilfe für eine bessere Zukunft verdient, und die meisten Russen hoffen dabei immer noch auf deutsche Unterstützung, aber sie scheinen dabei weder in Berlin noch in Moskau auf allzuviel Interesse zu stoßen!

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