Produktivkräfte werden zur Minderheit

Die „Gesamtwirtschaftlichen Folgen des demographischen Wandels“ nahm der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan bei einem Vortrag in Stuttgart unter die Lupe. Fazit des Forschungsüberblicks, den das Mitglied der Rürup-Kommission auf Einladung der Tübinger „Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung“ gab: Wir müssen unsere Probleme selbst lösen, und zwar durch umfassende Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Die liebgewonnene These der Multikulturalisten, zur Sicherung von Renten und Krankenversicherung sei die massenhafte Einwanderung potentieller Beitragszahler vonnöten, hat der Experte in seinen Überlegungen längst abgehakt. Zwei demographische Prozesse hätten im Zusammenwirken die aktuelle Situation hervorgerufen, konstatierte Börsch-Supan: Zum einen die historisch einmalige Aufeinanderfolge von „Babyboom“ und „Pillenknick“, zum anderen die stete Zunahme des Durchschnittslebensalters – im Grunde ja „eine Erfolgsgeschichte sondergleichen“. Freilich eine mit Konsequenzen: Die deutsche Bevölkerung erreiche derzeit nur 60 Prozent der bestandssichernden Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau. Zwischen 2010 und 2035 werde der für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wichtige Anteil der Erwerbstätigen pro Konsument von über 55 auf unter 50 Prozent, die Pro-Kopf-Produktivität entsprechend um etwa ein halbes Prozent jährlich sinken. Klingt nach nicht viel, meint Börsch-Supan – in Relation zum (optimistisch angenommen) realen Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent aber immerhin ein Drittel. Mit anderen Worten: Um den Standard zu halten, wäre in diesem Zeitraum ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens 2,2 bis 2,3 Prozent vonnöten; für eine Volkswirtschaft, die ohnehin die „rote Laterne“ in Europa trägt, doch ein beträchtlicher Klotz am Bein. Ein weiteres Klötzchen sieht der Mannheimer Ökonom in der veränderten Altersstruktur der Erwerbstätigen. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt von 39 auf 43, die Quote der Über-55jährigen verdoppelt sich von zwölf auf 22 bis 24 Prozent. Nimmt man hinzu, daß das Rentenalter derzeit real bei 57 bis 59 Jahren liegt, die Weiterbildung von Arbeitnehmern schon lange vor diesem Lebensalter endet, stellt sich die Frage: Wirkt sich die Überalterung negativ auf die Produktivität aus? Der Alterungseffekt sei zwar schwer meßbar, von Branche zu Branche verschieden (gering bei Außendienstlern, stark bei Schreibtischarbeitern) und sicherlich auch nicht dramatisch, aber eben doch eine Belastung. Kompensationsmöglichkeiten für den drohenden Produktivitätsverlust unserer Volkswirtschaft sieht Börsch-Supan sowohl in quantitativen wie in qualitativen Maßnahmen. Zu den quantitativen zählt der Volkswirt die Anpassung der Lebensarbeitszeit an das steigende Lebensalter. Wer vier Jahre zusätzlicher Lebenszeit genießen wolle, könne dies nicht im kompensationslosen Ruhestand tun, sagt er an die Adresse des statistischen Durchschnittsbürgers erichtet: der müsse entweder länger arbeiten oder mehr sparen. Steigerungspotential liege ferner in der Mobilisierung der „Arbeitsmarktreserve“, sprich des Millionenheers der Arbeitslosen; diese stoße freilich auf Qualifikationsgrenzen. Kaum Luft sieht der Ökonom in der Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit; will man die Kindererziehung den Eltern nicht ganz entwinden, müssen eben mehr Männer zu Hause bleiben, wenn mehr Frauen arbeiten. Anreize zur Steigerung der Geburtenrate sind für Börsch-Supan allenfalls eine Lösung vor dem Horizont von Jahrhunderten, nicht aber für die akuten Probleme kommender Jahrzehnte. „Wir müssen unsere Probleme schon selbst lösen“ Bleiben die qualitativen Lösungen. Zum einen die Aus- und Weiterbildung, also die Steigerung des „Humankapitals“; diese wird laut Börsch-Supan eine wichtige Rolle spielen. Nicht nur, weil sich die Lebensarbeitszeit verlängern und die „Arbeitsmarktreserve“ mobilisiert werden muß: Sondern auch, weil unsere Arbeitswelt durch die Überalterung einen einschneidenden Strukturwandel erfahren wird. Wird die Bevölkerung älter, sinkt beispielsweise die Bedeutung der Tourismusbranche, während die Nachfrage im Gesundheitswesen wächst. Sektorale Mobilität, Bereitschaft zum Branchenwechsel ist also gefragt; „etwa jeder sechste Arbeitsplatz wird im Zuge der Alterung umgeschichtet werden“, meint Börsch-Supan. Kapitalintensivere Produktion nennt der Mannheimer Makroökonom als weitere Kompensationsmöglichkeit. Voraussetzung für mehr Kapitaleinsatz ist freilich eine Rentenreform – weg vom umlagefinanzierten und hin zum kapitalgedeckten System. Die Sparquote folge zwar der Demographie und werde sinken, prognostiziert Börsch-Supan, werde aber nicht einbrechen. Einen Ausgleich für den vermehrten Kapitalverzehr durch eine alternde Bevölkerung schaffe eine Reform, die mehr Freiraum zum Sparen für Haus und Alter läßt. Schließlich, so Börsch-Supans letzter Punkt, brauche eine alternde Gesellschaft die Globalisierung, um von der internationalen Arbeitsteilung zu profitieren. Etwa, indem Investitionen aus kapitalreichen „alten“ in bevölkerungsreiche „junge“ Länder wandern und in Form von Gütern wieder zurückfließen. Zum Vorteil beider; der höheren Kapitalrendite hier stehe dann die größere Arbeitsproduktivität dort gegenüber. Der Lösungsansatz der Zuwanderungsbefürworter, die statt das Kapital zu den Menschen zu führen, die Menschen zum Kapital kommen lassen wollen, war dem Volkswirt Börsch-Supan nicht mal eine Erwähnung wert. Erst in der Diskussion wurde die unvermeidliche Frage nach der Kompensation durch Migration gestellt – und von dem Ökonomen prompt verworfen: Erstens müßten rein rechnerisch 800.000 Zuwanderer jährlich netto kommen, statt 300.000 gegenwärtig, um den Populationsstand zu halten. Eine höhere Zuwanderungsrate als in das Einwanderungsland USA also, die zur Folge hätte, daß nach dreißig Jahren ein Drittel der Bevölkerung solche Neueinwanderer wären. Selbst wenn man das wollte, die Einwanderer, die man zur Sicherung der ökonomischen Leistungsfähigkeit bräuchte, kämen nicht, meint Börsch-Supan: „Die wirklich produktiven Leute gehen nach Amerika, da hilft uns auch kein Zuwanderungsgesetz.“ Wir müßten also unsere Probleme schon selbst lösen und unsere Reformen selbst machen. Schön, daß die Experten wenigstens wissen, was dafür notwendig wäre, wenn die Politik schon unfähig ist, dies auch umzusetzen.

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