Politische Manövriermasse

Auf der Herbsttagung der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt stellte deren Leiter Alfred Schickel seine jüngste zeitgeschichtliche Arbeit „Die deutschen Heimatvertriebenen. Ihre Rolle in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs von 1945 bis zur Gegenwart“ vor. Darin läßt er detailliert das Schicksal der vertriebenen Ost- und Sudetendeutschen in den zurückliegenden 58 Jahren lebendig werden. Und zwar nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in Österreich. Schickel verliert sich dabei aber nicht in einer bloßen Nacherzählung der Ereignisse, sondern erläutert den Wandel der Vertriebenenpolitik der Bonner und Wiener Regierungen von Adenauer bzw. Renner bis zu Schröder und Schüssel. Sein Resümee ist ebenso aufschlußreich wie niederdrückend. Zeigte das österreichische Kabinett den aus Südmähren und Südböhmen in die Alpenrepublik „abgeschobenen“ Deutschen 1945/46 die kalte Schulter und suchte die mittellosen Ankömmlinge alsbald nach Westdeutschland „weiterzuleiten“, setzt sich die heutige Wiener Regierung unter Kanzler Wolfgang Schüssel ungleich engagierter für die Belange der Sudetendeutschen ein, als ihr Berliner Pendant unter Gerhard Schröder. Schickel belegt diese Erkenntnis in seiner 200 Seiten umfassenden Studie mit vielen Beispielen (für 10 Euro zu beziehen über die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle, 85110 Kipfenberg). Am bedrückendsten ist wohl der beklatschte Verzicht auf die Ostgebiete des Deutschen Reiches durch den Grenzvertrag mit Polen. Schickels Kommentar dazu: „Damit erlebte Ulbrichts ‚Görlitzer Vertrag‘ von 1950 über vierzig Jahre später seine traurige Absegnung durch Adenauers ‚politische Enkel'“. Einen „Sieg der anderen Seite“ sieht der Autor auch in der „Deutsch-tschechischen Deklaration“ von 1997, mit der er sich insbesondere als Historiker kritisch auseinandersetzt. Seine Eingangsfeststellung, daß „die Erinnerung an die Vertreibung als den schmerzhaftesten Vorgang der deutschen Geschichte fortschreitend verblaßt“, habe Schickel bewußt im Jahre 2003 getroffen, weil er die „momentane Beschäftigung bestimmter Meinungsführer in Medien und Politik mit der Vertreibung der Deutschen letztlich für einen raffinierten Versuch hält, über dieses Thema die Deutungshoheit zu erringen“.

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