Neue Technologien: Fortpflanzungstechnik und Sexualmoral

Ob es „total spontan“ ist, wenn man sich zum Sex in eine öffentliche Toilette quetscht und dabei die Tür offenläßt, muß die Stadtzeitung Zitty wissen. Jedenfalls erfreut das Blatt die Berliner diese Woche mit einem entsprechenden Titelbild. Da es keine Geschlechtsteile zeigt, ist es keine Pornographie, und keiner darf sich aufregen. In der Tat entrüstet sich auch kaum einer mehr über die immer noch zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit. Noch besser wäre es, wenn sich auch keiner mehr dafür interessieren würde. Werbung und Medien zeigen solche Bilder nicht, weil sie die Moral untergraben wollen. Sie dienen einzig den Wünschen ihrer Kunden. Vor zehn Jahren, als der Börsenhype und die Internetwelle auf ihrem Höhepunkt waren, sah es einen Augenblick so aus, als hätten die Menschen endlich entdeckt, daß es etwas Interessanteres gibt als die ewige Fleischbeschau. Doch die Kurse verfielen, und das Internet dient jetzt bloß noch der bequemen Banküberweisung – und dem unkontrollierten Konsum von Pornographie. Zwar hat der Mensch immer dazu geneigt, wenn er mit seinen hochfliegenden Plänen mal wieder auf die Nase gefallen war, sich an Mutters Brust zu flüchten und freudianisch zu „regredieren“, um, mit Goethe zu sprechen, „tierischer als jedes Tier zu sein“. Trotzdem haben die Moralisten recht, daß es heute anders ist. Die Hemmungslosigkeit hat einen melancholischen Beigeschmack bekommen. Mit anderen Worten: Das Sündigen macht keinen Spaß mehr, weil man nicht mehr erwischt werden kann. Genau den Augenblick des Erwischens versucht das Zeitschriftenfoto einzufangen – doch der Reiz schwindet, wenn dafür erst ein öffentlicher Ort aufgesucht werden muß. „Ich bin die öffentliche Frau,“ singt das Schlagerduo Rosenstolz, „bin das Tabu, das dir so fehlt.“ In der Tat: das Tabu fehlt, und der Hochglanz versucht, es wieder herzustellen. Vergeblich, denn die Schamlosigkeit hat technische Gründe. Weil die Sexualität heute durch Empfängnisverhütung einerseits und künstliche Befruchtung andererseits von der Fortpflanzung schon weitgehend abgekoppelt ist, hat die Sache ihr Geheimnis verloren. Es fehlt die Gefahr des ungewollten und die Gnade des Wunschkindes. „Alles am Weibe ist ein Rätsel“, sagt Nietzsche, „aber die Lösung heißt Schwangerschaft.“ Sex liegt jetzt auf einer Ebene mit „Kaloriensünden“ bei einer allgemeinen Überernährung. Sie beschäftigen ständig den Geist, ohne noch irgendeine existentielle Bedeutung zu haben. Alles individuelle Ankämpfen dagegen ist sinnlos und die ideologische Aufrüstung erst recht. Denn solange wir ein Genom haben, das sich auf der Grundlage von Ernährung und Fortpflanzung entwickelt hat, werden genau diese Interessen im Zentrum stehen. Um sich der ihn umgebenden Technik innerlich gewachsen zu zeigen, müßte der Mensch sich also nach Möglichkeit technisch revolutionieren.

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