Neue Neue Technologien: „Wie die Hand den Menschen schuf“

Für den Gläubigen ist es kein Problem: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes, zwar nicht ganz fehlerfrei, aber allen anderen Lebewesen haushoch überlegen, da mit der Fähigkeit ausgestattet, "das Böse vom Guten zu unterscheiden". Bei den Philosophen ist es noch einfacher: Der Mensch ist das "Vernunftwesen" (animal rationale), wie Aristoteles formuliert. Dagegen läßt sich kaum etwas sagen, aber was ist eigentlich Vernunft? Etwas, das Tiere, auch höhere und selbst Primaten, nicht haben. Aber was fehlt dem Tier?

Einfacher ist es freilich, menschliche Leistungen aufzuzählen, zu denen ein Affe unfähig wäre. Doch auf welcher Eigenschaft beruhen diese Leistungen? Weshalb ist es prinzipiell unmöglich, daß das passiert, was George Orwell in "Farm der Tiere" beschrieben hat, die Machtübernahme der Schweine und die politische Diskussion im Hühnerhof?

Lange Zeit hat man die pure Größe des Gehirns für die menschliche Überlegenheit verantwortlich gemacht – so wie Tiere mit langen Beinen schneller laufen und die mit großen Zähnen besser zubeißen können. Demnach hätte sich das Gehirn im Zuge einer Reihe zunächst zufälliger Mutationen vergrößert, so daß der Mensch in die ökologische Nische der stumpfzahnigen, fußlahmen Intelligenzbestie hineinwuchs.

Andere bevorzugten die äußerlich sichtbaren Merkmale. So unterscheiden sich unsere geschickten Hände auf vorteilhafte Weise von Hufen wie bei Schweinen, die auch Allesfresser sind, aber nichts greifen und nichts tragen können. Sogar gegenüber der recht entwickelten Primatenhand ist der Mensch durch die Möglichkeit der Gegenüberstellung des Daumens zu den anderen Fingern im Vorteil. Erst so wird die Hand zum universalen Werkzeug, das zur Herstellung weiterer Werkzeuge befähigt.

Was ist nun richtig, die Definition des Menschen als "homo faber", als geborener Techniker also, oder seine geistige, um nicht zu sagen geisteswissenschaftliche Bestimmung? Nach neuesten Erkenntnissen, die sich in der Oktoberausgabe von Bild der Wissenschaft nachlesen lassen, hat evolutionär eine ständige Wechselwirkung zwischen Hirn und Hand stattgefunden. Erst die Beweglichkeit der Hand eröffnete Möglichkeiten, die das Gehirn zu immer neuen Höchstleistungen anregten. Auch der berühmte "aufrechte Gang" soll sich entwickelt haben, um die Hände – damals noch Vorderfüße – von der Aufgabe der Fortbewegung zu befreien und anderweitig einsetzbar zu machen. Daraufhin verbesserten sich die Augen auf Kosten des eher "bodenständigen" Geruchssinns, und all dies wirkte wieder auf das Hirn zurück.

Die betrübliche Entfremdung zwischen "Stirn und Faust" entstammt also keinem Naturgesetz, sondern ist eine kulturelle Erscheinung. Sie gehört einer bestimmten Epoche an, dem Idealismus, und sollte eigentlich längst behoben sein.

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