Moralischer Rigorismus gegen einen Chronisten

Im Irak steckt die angelsächsische Besatzungsmacht augenblicklich in ähnlichen Schwierigkeiten wie einst die Wehrmacht im europäischen "Großraum". Sie beklagt allwöchentlich den Tod von Soldaten, die Attentaten zum Opfer fallen. Ob dies erst die Vorstufe zu einem Partisanenkrieg ist oder ob die Engländer und US-Amerikaner bereits mittendrin stecken, ist eine Definitionsfrage. Sicher hingegen ist, daß Besatzungstruppen im Jahr 2003 – anders als 1940 – über eine Option nicht mehr verfügen, um die Gewalt von Zivilisten einzudämmen: Sie können keine Geiseln mehr erschießen. Es wäre, auch wenn sich dies völkerrechtlich legitimieren ließe, undenkbar, nach jedem Selbstmordattentat in Bagdad oder künftig vielleicht in Kabul und Kundus einhundert Iraker oder Afghanen hinzurichten.

Diese Ächtung eines bis 1945 in der kriegsvölkerrechtlichen Grauzone praktizierten und akzeptierten Verfahrens, mit drakonischen Repressalien auf den Kleinkrieg von Nicht-Kombattanten zu reagieren, ist wohl weniger auf das Konto des humanitären Fortschritts zu buchen. Entscheidend ist die deprimierende Erfolglosigkeit des deutschen "Feldversuchs", der weder in Frankreich noch auf dem Balkan und schon gar nicht im Rücken der Ostfront den gewünschten "Befriedungs"-Effekt zeitigte.

Fast gleichzeitig sind jetzt zwei Aufsätze erschienen, die sich aus recht verschiedener Perspektive mit der deutschen Besatzungspolitik in Frankreich befassen. Sven Olaf Berggötz, der vor zwei Jahren erstmals Ernst Jüngers "Politische Publizistik" aus der Zeit seines konservativ-revolutionären Aktivismus vor 1933 in einem dicken Band versammelte, präsentiert nun in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte (Heft 3/03) aus dem Nachlaß eine lange verschollene Denkschrift des Autors, "Zur Geiselfrage in Frankreich", entstanden 1941/42.

Nach zwei Monaten als fotogener Kompaniechef bei der Wachtruppe in Paris war Jünger im Juni 1941 zum Kommandostab des Militärbefehlshabers in Frankreich, Otto von Stülpnagel, versetzt worden. Dort war er zuständig für "Feindaufklärung und Abwehr". Nach dem Wunsch Stülpnagels sollte er aber vor allem als Chronist wirken und den besatzungspolitischen Konflikt zwischen Wehrmacht und Partei, also der politischen Führung in Berlin und ihren zuverlässigsten Statthaltern, den SS-Dienststellen in Paris, dokumentieren.

Elementare Gegensätze zwischen Paris und Berlin

Von den beiden Denkschriften, in denen Jünger diesen Erwartungen nachkam, ist nur die über die "Geiselfrage" überliefert. Die andere, betitelt, "Der Kampf um die Vorherrschaft in Frankreich zwischen Partei und Wehrmacht", verbrannte der Verfasser nach dem 20. Juli 1944. Wie Berggötz in seiner Einleitung resümiert, die Jüngers Denkschrift in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang einbettet, enthalte sie, gerade weil deutsche und französische Historiker auf diesem Terrain jeden Stein umgedreht haben, "keine zusätzlichen Informationen über den Verlauf des Konflikts zwischen den deutschen Militärbehörden in Paris und dem Führerhauptquartier". Jünger beschränke sich auf seine Chronistenpflicht und verzeichne kommentarlos den Ablauf des Geschehens.

Aber gerade weil Hauptmann Jünger militärisch knappe Sachverhaltsschilderungen bevorzugt, zeichnen sich die Konturen der elementaren Gegensätze zwischen Paris und Berlin in schärfster Form ab. Daß es mit der relativen Ruhe der im Juni 1940 einsetzenden "Kollaboration" nach dem 22. Juni 1941, dem Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, vorbei sein würde, hatte Stülpnagel in richtiger Einschätzung der Kommunistischen Partei Frankreichs und ihrer sofort einsetzenden Agitation vorausgesehen. Jüngers Denkschrift läßt aber keinen Zweifel daran, daß die Militärverwaltung – auch nach den sich im Herbst 1941 häufenden tödlichen Attentate auf deutsche Soldaten und mehreren Sabotageakten – erkannte, daß die Täter keineswegs wie die "Fische im Wasser" auf einer breiten Welle des Widerstands schwammen. Vielmehr agierten kleine Terrorzellen, zum Teil vom englischen Geheimdienst finanziert und munitioniert. Erst die von Hitler befohlene und von Stülpnagel nach Kräften behinderte, wenn auch nicht verhinderte Praxis, für jeden getöteten deutschen Soldaten hundert französische Geiseln erschießen zu lassen, verschaffte den Tätern so etwas wie eine Massenbasis.

Die Parallelen zu dem Attentat auf Reinhard Heydrich im Mai 1942 sind nicht zu übersehen, da der Prager Reichsstatthalter aus Londoner Sicht beseitigt werden mußte, um den extrem unterentwickelten tschechischen Widerstandswillen durch deutsche Repressalien erst zu entfachen. Die gelungene Eskalation in Frankreich könnte hier vorbildlich gewirkt haben. Doch auch in Frankreich, wo sich die "härtere Gangart" Hitlers mit der Ablösung Stülpnagels im Februar 1942 durchsetzte und die SS in der Person des neu installierten "Höheren SS- und Polizeiführers" Carl-Albrecht Oberg den besatzungspolitischen Kurs festlegen durfte, wurde die Kollaboration erst nach Stalingrad zum Auslaufmodell. Die militärisch-ökonomischen Kalamitäten, mit denen die Besatzer zunehmend rechnen mußten, hatten fraglos ihre Ursache in dieser von Hitler zu verantwortenden Abdankung der Politik zugunsten der Polizei.

Stülpnagel wird Teilhabe am Vernichtungswerk unterstellt

Ein neuerdings immer häufiger zu beobachtender moralischer Rigorismus unter Zeithistorikern – auffällig oft auch unter Zeithistorikerinnen – kann sich mit dieser Verteilung der Verantwortlichkeiten, denen zufolge eine aus Pragmatismus "humane" Wehrmacht dem Gewaltmenschen Hitler in den Arm gefallen sei, schwerlich zufriedengeben. Die mit einigen Publikationen zum Thema bereits hervorgetretene Regina M. Delacor möchte deshalb partout beweisen, daß Stülpnagel mit seiner Taktik, die Geiseln nicht zu erschießen sondern in osteuropäischen Lagern zu internieren, zum "Vordenker der Massendeportationen" geworden sei (Militärgeschichtliche Mitteilungen, Heft 1/03). Er habe damit die Bekämpfung der Résistance "in das ideologisch begründete Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten eingebunden".

Um diese These plausibel zu machen, greift sie auf angeblich antisemitische Dispositionen Stülpnagels zurück, der stets die jüdischen Antriebskräfte des französischen Widerstandskräfte herausgestrichen habe. Einmal abgesehen davon, daß Delacor explizit von der "nicht unbeträchtlichen Beteiligung osteuropäisch-jüdischer Immigranten aus der zweiten Generation" an der Résistance spricht, ja sogar in Übereinstimmung mit einer jüngeren Studie Ahlrich Meyers konzediert, daß der "Auftakt" der französischen Widerstandbewegung ohne ihre Initiative gar "nicht zu denken" sei, will sie den Lesern zumuten, Stülpnagel hätte sich mit seinen Auffassungen vom "jüdisch-bolschewistischen" Terror bloßen Phantasmagorien hingegeben.

Berggötz wendet dagegen mit gutem Grund ein, wie stark das Gewissensmoment Stülpnagels Entscheidungen schon gegen die Geiselerschießungen determinierte. Hätte er die angeblich von ihm eingeleitete, mit den Deportationen beginnende Vernichtungspraxis dann nicht viel vehementer ablehnen müssen? Eine rhetorische Frage, zumal, wie Berggötz zutreffend einwendet, Delacor nicht einmal nachweist, daß das Vorstellungsvermögen des Generals für eine solche Realität ausgereicht hätte. Die von Hitler und der SS in Gang gesetzte Vernichtungspolitik ist also als autonomer Prozeß zu denken, dessen Natur und Ausmaß von den tief im 19. Jahrhundert verhafteten preußischen Kavalieren wie Stülpnagel – oder seinem von der Welt der "Schinderhütten" letztlich doch überforderten Untergebenen Ernst Jünger – nicht einmal ansatzweise verstanden wurde und auf den sie nicht den geringsten Einfluß hatten.

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