Joachim Kuhs

 

Estlands vergebliche Suche nach Schutz

Schon als die Sowjetherrschaft sich ihrem Ende zuneigte, begannen estnische Historiker aus den Archiven ihres Staates zu publizieren. Was beispielsweise Küllo Arjakas in der Zeitschrift Vikerkaar über die estnische Außenpolitik der dreißiger Jahre ans Licht brachte, verdient gerade in Deutschland Aufmerksamkeit. Über Monate hinweg wurden hier Einzelheiten veröffentlicht, die auch die Politik der Großmächte vor dem Zweiten Weltkrieg beleuchten. Estland war, seit es 1918 seine Unabhängigkeit erlangte, sehr stark auf Großbritannien ausgerichtet, sowohl außen- als auch handelspolitisch. Das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935, das Deutschland eine Kriegsflotte zugestand, die 35 Prozent der britischen erreichen sollte, brachte eine entscheidende Wende. In den baltischen Staaten begriff man, daß die Briten sich damit aus dem Ostseeraum weitgehend zurückzogen und es dem Deutschen Reich überließen, sich um den „Cordon sanitaire“ zu kümmern. So begann eine planmäßige Annäherung Estlands an das Deutsche Reich, bei der auch die beiderseitigen Handelsbeziehungen systematisch ausgebaut wurden. Trotz skeptischer Kräfte in der estnischen Politik, die durch die Besetzung der Rest-Tschechoslowakei und der Eingliederung des Memellandes ins Deutsche Reich 1939 Deutschland mehr und mehr als Bedrohung denn als Schutzmacht wahrnahmen, blieb die estnische Regierung bei ihrer außenpolitischen Linie. Man sah klar, daß selbst in einem Konfliktfall von London keine Hilfe zu erwarten war. Das erstarkte Deutschland wäre durchaus in der Lage, die Meerengen zwischen Dänemark und Skandinavien zu sperren und westlichen Flottenverbänden den Zugang zur Ostsee zu verwehren. Außerdem ging die eigentliche Bedrohung – das hatte man in Reval klar erkannt – von der Sowjetunion aus. Innerhalb von 24 Stunden sei man mit Hilfe zur Stelle So schickte das estnische Militär im Frühjahr 1939 eine Delegation unter dem Generalleutnant Reek und dem Geheimdienstchef Oberst Masing zu Geheimverhandlungen nach Berlin, um die Möglichkeiten eines deutschen Beistandes im Fall eines sowjetischen Angriffs zu sondieren. Der Zeitpunkt war günstig gewählt, denn in Spanien entschied sich der Stellvertreterkrieg mit der Sowjetunion mit der Niederlage der Republikaner zugunsten Deutschlands, und die deutsche Propaganda wurde nicht müde, die „Bedrohung durch den bolschewistischen Weltfeind“ zu beschreiben. Im Sommer 1939 kam es zum Gegenbesuch einer Delegation des deutschen Generalstabs unter Generaloberst Halder. Hierbei wurde anläßlich eines festlichen Abendessens die Frage eines deutschen Beistandes im Fall eines sowjetischen Angriffs offen erörtert. Dabei stellte Halder die Frage, ob die estnische Armee in der Lage war, mindestens 24 Stunden lang Widerstand zu leisten. Als die estnischen Militärs dies bejahten, erklärte Halder: „Bis dahin sind wir mit der Kriegsmarine und der Luftwaffe zur Stelle.“ Es läßt sich bezweifeln, ob das estnische Heer tatsächlich in der Lage gewesen wäre, einer sowjetischen Offensive standzuhalten. Estland konnte zwar durch Einberufung seiner Reservisten und des paramilitärischen „Kaitseliit“ in kurzer Zeit eine Armee von 90.000 bis 110.000 gut ausgebildeten Soldaten auf die Beine stellen. Aber lediglich 14 Tanks aus dem Ersten Weltkrieg und 16 modernere Flugzeuge bildeten das Rückgrat der Bewaffnung dieser Armee. Vergeblich bemühten sich estnischen Diplomaten darauf, in Berlin eine verbindliche Bestätigung der Halderschen Hilfszusage zu erhalten. Immerhin wurde aber am 7. Juni 1939 zwischen Estland und Lettland einerseits und Deutschland andererseits ein Nichtangriffspakt geschlossen, wenn auch nicht der ersehnte Beistandspakt. Als am 26. August der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet wurde und bald darauf der deutsche Einmarsch in Polen begann, sickerten Gerüchte durch, die von dem geheimen Zusatzprotokoll wissen wollten, in dem der Sowjetunion die baltischen Staaten als „Interessensphäre“ zugestanden wurden. In den Hauptstädten der Baltenrepubliken wußte man, was das bedeutete. In der Tat ließ der Leningrader NKWD-Chef Serov bereits im Oktober Listen von Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz in den baltischen Staaten zusammenstellen, die für die Verhaftung, Erschießung oder Deportation nach Sibirien vorgesehen waren. Und im November 1939 wurde in Leningrad ein Weltatlas gedruckt, in dem die baltischen Staaten bereits als Bestandteil der Sowjetunion eingezeichnet waren. Zusagen von Ölschiefer und Phosphat für einen Beistand Von der einstigen Schutzmacht Großbritannien war schon aus geostrategischen Gründen keine Hilfe zu erwarten. Deutschland war durch seinen Pakt mit Sowjetrußland gebunden und konzentrierte sich zudem auf seinen Krieg gegen Großbritannien und Frankreich. So sahen sich die baltischen Regierungen gezwungen, dem Verlangen der UdSSR nach Flottenstützpunkten nachzugeben. Damit aber hatten sie den potentiellen Feind nicht nur an ihren Ostgrenzen, sondern im eigenen Land. In dieser verzweifelten Situation entschloß sich der estnische Staatspräsident Konstantin Päts zu einem verzweifelten Schritt. Wie die Zeitschrift Luup erst vor kurzem enthüllte, machte er der Reichsregierung ein überraschendes Angebot: Am 28. September telegrafierte der deutsche Gesandte Hans Frowein nach Berlin: „Der Präsident empfing mich und teilte mir mit,(…) daß die sowjetischen Forderungen Estland in Schwierigkeiten und in große Gefahr bringen. (…) Der Präsident bat mich, der Reichsregierung seinen Wunsch mitzuteilen, Deutschland möge anstelle der Sowjetunion die estnische Neutralität verteidigen oder dies gemeinsam mit der Sowjetunion tun. (…) In jedem Fall möge Deutschland Estland politisch stützen, um die Sowjetunion von einer kriegerischen Okkupation abzuhalten.“ In einem Gespräch mit dem deutschen Emissär H. Neuendorf im November im Hotel Palace bedrängte der estnische Außenminister Selter die Deutschen, Estland politisch zu stützen. Selter teilte mit, die estnische Regierung sei bereit, die von der deutschen Kriegsmarine dringend benötigten Lieferungen an Ölschiefer auf eine Million Tonnen jährlich zu erhöhen, wenn Deutschland die estnische Selbständigkeit garantieren würde. Neuendorf schrieb: „Zum Schluß wiederholte er den Wunsch des Präsidenten, dem Deutschen Reich sehr weitgehende, wenn nicht vollständige Rechte am Abbau des estnischen Ölschiefers und der Phosphoride zu überlassen, falls Deutschland seinerseits sich Stalin gegenüber zum Fürsprecher der staatlichen Unabhängigkeit Estlands macht.“ Hitler ist auf diese Angebote nicht eingegangen. So wurden Litauen, Lettland und Estland im Juni 1940, während die deutsche Wehrmacht tief in Frankreich stand, von Stalin besetzt und im August zwangsweise in die Sowjetunion eingegliedert. Erst 1991 konnten die baltischen Staaten sich mit der „Singenden Revolution“ aus diesem „Völkergefängnis“ befreien.

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