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Deutschland, deine Türken

An Figuren wie Metin Kaplan, den „Kalifen von Köln“, hatte sicherlich niemand gedacht, als vor fast einem halben Jahrhundert die ersten türkischen Gastarbeiter nach Wirtschaftswunder-Deutschland kamen. Noch weniger wäre es den politisch Verantwortlichen in der Adenauer-Zeit in den Sinn gekommen, daß die Gerufenen so schwer wieder loszuwerden wären, daß sie sich dauerhaft niederlassen und Millionen ihrer Landsleute nachziehen würden, die nicht die Arbeit, sondern das bessere Leben lockte. Wie konnte aus der konjunkturell motivierten Anwerbung billiger Arbeitskräfte eine Masseneinwanderung in die Sozialsysteme werden? Warum nahm die deutsche Politik die Herausbildung ethnischer und religiöser Parallelgesellschaften, die dem Staat ablehnend gegen­überstehen, tatenlos hin? Wann wird aus Millionen Einwanderern eine quasi-autochthone Volksgruppe, die sich den Rechtsanspruch auf Minderheitenprivilegien ersessen hat? Diesen Fragen und ihren Hintergründen gehen wir in einer dreiteiligen Reihe nach. Der Anwerbestopp bewirkte die Aufforderung zum Bleiben Als Ali Adigüzel 1961 in Düsseldorf landete, spielte eine Blaskapelle zur Begrüßung. Der Bergmann, der zu den ersten aus der Türkei angeworbenen Gastarbeitern gehörte, wurde gebraucht: Auf der Duisburger Zeche „Westend“ fehlten Malocher. So wie überall in Westdeutschland, wo der Wiederaufbau boomte – Ende 1961 verzeichnete die Statistik 500.000 offene Stellen, aber nur 180.000 arbeitslos Gemeldete. Die Lösung schien einfach: Um billige Arbeitskräfte zu gewinnen, wurden Anwerbeverträge mit südeuropäischen Ländern geschlossen, wo es viele Menschen gab und wenig Arbeit. Italien machte 1955 den Anfang, Jugoslawien 1968 den Abschluß. Am 31. Oktober 1961 unterzeichneten Bonn und Ankara das „Abkommen über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte für den deutschen Arbeitsmarkt“. Dieses Datum sollte sich als Wendepunkt der deutschen Geschichte erweisen. Seit 1957 zog es türkische Gastarbeiter nach Deutschland, wo es Arbeit und bessere Löhne gab. Jetzt kamen Millionen – und viele blieben, als sie längst nicht mehr gebraucht wurden. So einfach, wie die FAZ sich das 1959 vorgestellt hatte, war es eben nicht: „Bei eventueller Arbeitslosigkeit in Deutschland können die ausländischen Arbeiter wieder zurückgeschickt werden.“ Wirtschaftsinteressen sprachen zunächst dagegen. Die Unternehmen selbst bestanden auf längerfristigen Aufenthaltsgenehmigungen, damit sie von den einmal Angelernten länger profitieren könnten. Das ursprünglich geplante „Rotationsmodell“ – Gastarbeiter sollten für eine bestimmte Zeit angeworben und regelmäßig „ausgewechselt“ werden – rechnete sich aus Sicht der Unternehmer nicht. Vom Standpunkt der Gastarbeiter ebensowenig: Vielen reichte die gewährte Frist nicht, um genug Geld zu sparen für den Aufbau einer selbständigen Existenz in der Heimat. Die Unternehmer wollten, daß ihre billigen Arbeitskräfte länger blieben, die Arbeiter, die zunächst allein in die Fremde gegangen waren, wollten ihre Familien nachholen. Die Bundesrepublik gab beiden nach. Solange es mit dem deutschen Wirtschaftswunder stetig aufwärts ging, war das kein Problem. Im September 1962 wurde das Assoziierungsabkommen der EWG mit der Türkei abgeschlossen. Das Zusatzprotokoll vom November 1970 sagte zu, die Freizügigkeit der Arbeitnehmer zwischen beiden Vertragsparteien „zwischen dem 12. und 22. Jahr nach Inkrafttreten des genannten Abkommens“ – also zwischen 1974 und 1984 – schrittweise herzustellen. Am 21. Juli 1972 wurde Nesati Güven, der fünfhunderttausendste türkische Gastarbeiter, in München vom Generalkonsul willkommen geheißen. Die Ölkrise vom Herbst 1973 bremste die Euphorie. Die Bundesrepublik rutschte in eine Rezession, Arbeit in Hülle und Fülle war nicht mehr zu erwarten. Bonn zog eine Konsequenz: Im November 1973 verfügte die Bundesregierung einen Anwerbestopp für Ausländer, die nicht aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft kamen. Zu diesem Zeitpunkt lebten 910.500 Türken in Westdeutschland. Ziel dieser Maßnahme war, in Deutschland lebende Ausländer zur Rückkehr zu bewegen, ohne das offen auszusprechen. Daraus wurde nichts. Von der Aussicht geschreckt, nach einer Rückkehr in die Heimat möglicherweise nie wieder nach „Almanya“ zurückkommen zu können, entschieden sich viele Gastarbeiter, zu bleiben und ihre Familien nachzuholen. Obwohl keine Arbeitskräfte mehr angeworben wurden, stieg der türkische Bevölkerungsanteil kontinuierlich: Während in den acht Jahren nach dem Anwerbestopp die Zahl der in Deutschland lebenden Griechen um 193.500 und die der Spanier um 77.800 zurückging, wuchs die türkische Wohnbevölkerung um 436.500 Personen. Besonders Türken wurden Opfer des Strukturwandels Statt benötigter Arbeitskräfte kamen Familienangehörige ins Land, für deren Ernährung die Einkommen ihrer männlichen Oberhäupter bald nicht mehr ausreichten. Denn auch sie wurden zunehmend von Arbeitslosigkeit betroffen, stärker als andere Arbeitnehmergruppen. Die deutsche Wirtschaft reagierte auf die Krise der frühen Siebziger mit Strukturwandel: Automatisierung zog in die Werkhallen ein, unrentable Zechen wurden geschlossen. Ungelernte Muskelkraft war auf dem Arbeitsmarkt immer weniger gefragt, Qualifikation, Fachwissen und Weiterbildung wurden auch im produzierenden Gewerbe der Schlüssel zum Erfolg. Die zu Dauergästen gewordenen „Gastarbeiter“ verloren den Anschluß. Trotzdem ließen sie sich mit ihren Familien dauerhaft nieder. Kinder bis zum 18. Lebensjahr hatten ein Recht auf Familienzusammenführung, erst 1981 wurde das maximale Nachzugalter auf sechzehn Jahre gesenkt: ein Alter, in dem ein nicht Deutsch Sprechender kaum eine Chance auf den Erwerb der erforderlichen beruflichen Qualifikationen hat. Findet er keinen Job bei Freunden oder Verwandten, wandert er direkt in die Arbeitslosigkeit ein. Über siebzig Prozent der türkischen Erwerbsfähigen gelten heute als niedrigqualifiziert – doppelt so viele wie bei den Einheimischen. Die Politik reagierte auf diese Herausforderung mit halbherzigen Bemühungen. Anreize zur freiwilligen Rückkehr – eine der ersten Maßnahmen der Regierung Kohl – gingen ins Leere: In der Türkei sah die wirtschaftliche Lage schließlich noch viel finsterer aus. Ankara hatte folglich kein gesteigertes Interesse an der Rücknahme der Landsleute. „Warten Sie mal ab. Wir produzieren die Kinder, und Ihr werdet sie aufnehmen“, hat der türkische Ministerpräsident Suleyman Demirel dem deutschen Kanzler Helmut Schmidt Ende der siebziger Jahre nach dessen Darstellung offen ins Gesicht gesagt. Die Kinder kamen – Hunderttausende wanderten jährlich im Rahmen der Familienzusammenführung ein. Seit Beginn der Militärdiktatur kamen in den Achtzigern noch jährlich Zehntausende Asylbewerber hinzu. Die Wirtschaft hatte gegen eine „Reservearmee“ von arbeitslosen Einwanderern nichts einzuwenden: Konnte man sie beschäftigen, gewann man, standen sie auf der Straße, trug die Kosten ja „der Staat“. Und das linksliberale Milieu hatte inzwischen den „guten“ unterdrückten Ausländer entdeckt: Max Frisch raunte schon mitten im Wirtschaftswunder, ebenso oft wie variantenreich zitiert, man habe Arbeitskräfte gerufen, und Menschen seien gekommen. Udo Jürgens schnulzte mit „Griechischer Wein“ Gastarbeiter-Romantik in die Köpfe der Schlagerfreunde, und Günter Wallraff typisierte in „Ganz unten“ seine Phantasiefigur „Ali“ zum idealen ausgebeuteten Proletarier, den die Salonmarxisten in der deutschen Arbeiterschaft so lange vermißt hatten. Kein Politiker hatte die Kraft, gegen diesen moralischen Druck, der sich mit den „Lichterketten“ der frühen Neunziger noch dramatisch verschärfte, die Rückführung der nicht benötigten Einwanderung anzupacken. Die vielbeschworene Mär, „die Ausländer“ und insbesondere die türkischen Gastarbeiter und ihre Nachkommen hätten „das Land erst aufgebaut“ und trügen durch ihren Beitrag zum Wirtschaftsleben zum Wohlstand und zur Sicherung der Sozialsysteme bei, verpufft bei genauem Hinsehen. Sicherlich zahlen die sozialversicherungspflichtig beschäftigten Türken ihre Beiträge. Der Nutzen, den der deutsche Sozialstaat daraus gezogen hat, dürfte sich jedoch bescheiden ausnehmen im Vergleich mit dem Profit, den dem türkischen Staat die Arbeit seiner Bürger in der Fremde brachte. Der Beitrag zum Sozialsystem wurde zum Verlustgeschäft Seit den Sechzigern überweisen türkische Arbeitnehmer jährlich Milliardenbeträge in die Heimat. In manchen Jahren erreichten die Geldtransfers der Auslandstürken fast die Einnahmen des türkischen Staates aus Exporten. Da im Rahmen des deutsch-türkischen Sozialabkommens von 1964 auch in der Türkei lebende Familienangehörige nach dem weitgefaßten türkischen Familienbegriff mitversichert sind, dürfte der Beitrag türkischer Arbeitnehmer zu den deutschen Sozialsystemen inzwischen längst zum Verlustgeschäft geworden sein. Zumal der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter den in Deutschland lebenden Türken rapide gesunken ist: Lag er 1972 noch bei zirka 83 Prozent, sind es gegenwärtig nur noch etwa 27 Prozent der 2,1 Millionen türkischen Staatsbürger in Deutschland. Weniger als die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken im erwerbsfähigen Alter ist abhängig oder selbständig beschäftigt. Der Anteil der türkischen Sozialhilfeempfänger liegt heute dreifach über dem Durchschnitt. Das Versäumnis, in der Behandlung der türkischen Gastarbeiter konsequent nach deutschem Staatsinteresse vorzugehen und ausländische Arbeitskräfte, für die es auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Chance mehr gibt, in ihre Heimat zurückzuführen, rächt sich von Rezession zu Rezession verschärft. Daß das Problem bis heute aus dem politischen Diskurs ausgeblendet wird, trägt auch zum deutschen „Reformstau“ bei.

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