Das Trauma des Goliath

Den Fluß hinaufzufahren war eine Reise zurück zu den frühesten Anfängen der Welt, als noch die Pflanzen zügellos die Erde überwucherten und die großen Bäume Könige waren. Ein leerer Strom, ein großes Schweigen, ein undurchdringlicher Wald. (…) Es war die Stille einer unversöhnlichen Macht, die über einer unerforschlichen Absicht brütete. Sie blickte einen mit rachgieriger Miene an“, schreibt der in der Ukraine geborene englische Schriftsteller Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Novelle „Herz der Finsternis“. So oder so ähnlich müssen die US-amerikanischen GI’s empfunden haben, die in den undurchdringlichen Dschungel Südvietnams einen demoralisierenden Abnutzungskrieg gegen einen weithin unsichtbaren Gegner führen mußten. Je länger der Krieg in Vietnam dauerte, desto mehr wurden die tropischen Regenwälder Südvietnams zum seelischen Schicksalsraum der USA, zur unversöhnlichen Macht, an der eine scheinbar unbesiegbare Kriegsmaschinerie zu guter Letzt scheiterte. Exemplarisch dargestellt wurde diese Entwicklung durch das filmische Meisterwerk „Apocalypse Now“ (1978) des US-Regisseurs Francis Ford Coppola, der Joseph Conrads angesprochene Novelle kongenial auf den Vietnamkrieg bezog. Coppolas epischer Streifen hinterließ noch in einer anderen Hinsicht Spuren. Denn er stilisierte den Hubschrauber zum Symbol des Vietnamkrieges. Ein Symbol, das nicht von ungefähr gewählt wurde. Kein militärischer Verband der US-Army, der in Vietnam eingesetzt wurde, kam ohne Hubschrauber aus. Sie dienten der Beschaffung von Nachschub, dem Abtransport von Verwundeten und auch der Aufklärung bzw. der Bekämpfung gegnerischer Einheiten aus der Luft. Vietnam traumatisierte lange die US-amerikanische Seele Am 15. März 1973 zogen sich die Amerikaner militärisch aus Südvietnam zurück. Nach langen und zähen Verhandlungen in Paris wurde am 24. Januar 1973 ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Weltmacht USA und der sozialistischen Republik Nordvietnam unterzeichnet. Trotz ihres gewaltigen militärischen Engagements mit einer kaum vorher gekannten logistischen Kraftleistung mußten die amerikanischen Soldaten ohne Sieg in die Heimat zurückkommen, wo der unpopuläre Krieg gegen das kleine Land als eine Niederlage empfunden wurde – was er faktisch auch war. Bis in die späten achtziger Jahre hinein beschäftigte diese „Niederlage“ die gekränkte Seele der US-amerikanischen Nation. Verteidigungsminister Robert Mc Namara bezeichnete diesen Krieg sogar als das „Trauma einer Weltmacht“. Im Gegensatz zu den beiden europäischen Kriegen beziehungsweise dem US-japanische Krieg nützte dieses Mal weder die unglaubliche Potenz der Kriegsmaschinerie noch aller menschlicher Einsatz etwas. Der Glaube des Pentagon, durch ein entsprechendes „War Management“ jedem Problem Herr werden zu können, wurde durch den Vietnam-Krieg gründlich erschüttert. Wie siegessicher sich die Amerikaner zunächst waren, zeigen zwei Aussagen, die dafür exemplarisch stehen: 1962 erklärte der damalige Justizminister und Präsidentenbruder Robert Kennedy: „Wir werden in Vietnam siegen. Wir bleiben so lange hier, bis wir gesiegt haben.“ Im selben Jahr versicherte McNamara: „Jeder uns zur Verfügung stehende Maßstab zeigt, daß wir diesen Krieg gewinnen.“ Daß die USA in Südostasien in eine kriegerische Verwicklung geraten könnten, war zunächst kaum absehbar. Vietnam gehörte der „Indonesischen Föderation“ an, die von Frankreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde. Diese umfaßte fünf Verwaltungseinheiten: Kotschinchina (Südvietnam), Annam (Mittelvietnam), Tonkin (Nordvietnam) sowie Kambodscha und Laos. Zur zentralen Figur für den Unabhängigkeitskampf Vietnams wurde schließlich der junge Journalist Ho Chi Minh, der die Formel vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, die US-Präsident Wilson 1917 in die Welt setzte, zum Anlaß nahm, den Kampf gegen die französische Kolonialmacht aufzunehmen. Vorrangig zu diesem Zweck gründete er 1929 die Kommunistische Partei Indochinas, die einem starken Verfolgungsdruck ausgesetzt war. Um den Widerstand auf eine breitere Plattform stellen zu können, rief Ho Chi Minh 1941 die „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“ ins Leben, die später unter dem Kürzel „Vietminh“ weltweit bekannt wurde. Die ersten Kontakte der US-Army mit Ho Chi Minh waren anfangs von gegenseitiger Sympathie geprägt. Während des Zweiten Weltkrieges kämpften Ho Chi Minhs Partisanen gegen die Japaner und halfen, abgeschossene US-Piloten vor den Japanern in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus lieferten sie den USA Informationen über die militärische Stärke der Japaner in Indochina. US-Offiziere waren auch zugegen, als Ho am 2. September 1945, kurz nach der japanischen Kapitulation, die unabhängige „Demokratische Republik Vietnam“ ausrief. Den Versuch Ho’s, eine Autonomie Vietnams durchzusetzen, wollte die alte Kolonialmacht Frankreich nicht hinnehmen. Französische Truppen, darunter viele ehemalige Soldaten der Waffen-SS, die zum Dienst in der Fremdenlegion gepreßt worden waren, sollten die unbotmäßigen Viet-namesen wieder unter das französische Joch bringen. 1946 kamen die kriegführenden Parteien in der „Konvention von Hanoi“ zwar überein, daß Vietnam autonomes Mitglied in der „Französischen Union“ werden sollte. Dies hinderte die Franzosen allerdings nicht, in Südvietnam eine Marionettenregierung zu errichten. Die Folge: Sowohl die Regierung in Hanoi als auch die in Saigon erhoben den Anspruch, für ganz Vietnam zu sprechen. Zum offenen Konflikt kam es nach einer Auseinandersetzung im Hafen von Haiphong, bei dem 29 Franzosen ums Leben gekommen sein sollen. Der französische Oberbefehlshaber ließ darauf ohne jede Vorwarnung das vietnamesische Viertel beschießen und schätzungsweise 6.000 Vietnamesen fanden dabei den Tod. Ho Chi Minh reagierte auf diesen Massenmord mit der Ausrufung des Guerillakrieges, der von beiden Seiten mit kompromißloser Härte geführt wurde. Bereits zu dieser Zeit wurde Frankreich von US-Militärberatern unterstützt, hatte sich doch die internationale Großwetterlage mit dem Einsetzen des Kalten Krieges und den kommunistischen Erfolgen in Korea und China grundlegend gewandelt. Doch auch die bald aufgestockte Hilfe Washingtons konnte die Unzulänglichkeiten der französischen Strategie in Südostasien nicht kompensieren. Im Gegenteil: das militärische Fiasko von Dien Bien Phu im Jahre 1954 bedeutete das definitive Ende der französischen Hegemonieansprüche. Dien Bien Phu wurde 1953 von dem multinationalen Expeditionskorps besetzt, weil die Franzosen eine kommunistische Okkupation von Laos erwarteten. Der Ort, unweit der laotischen Grenze zu Nordvietnam in einem zerklüfteten Tal, weit entfernt von den Nachschubbasen an der Küste gelegen, mußte zuletzt aus der Luft versorgt werden, so daß die Franzosen am 7. Mai 1954 kapitulieren mußten. Die anschließenden Waffenstillstandsverhandlungen führten zur Teilung Vietnams in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Kambodscha und Laos werden unabhängige Staaten. Die Infiltration des südlichen Teils durch kommunistische Guerillaverbände aus Nordvietnam führte zum ständig intensiver werdenden Engagement der USA, die nicht gewillt waren, das südliche Indochina den Kommunisten zu überlassen. Die Folge: Insbesondere Südvietnam entwickelte sich zu einem Klientelstaat der USA. Für deren Strategen spielte es dabei keine Rolle, daß dieses Gebilde bald zu einem Herrschaftssystem mutierte, das weit entfernt von „westlichen Standards“ war, denn Korruption, Ämterpatronage und offene Repression bestimmten das Bild. 1960 erreichten die Auseinandersetzungen mit der Gründung der „Nationalen Befreiungsfront“, hinter der sich die kommunistischen Guerillas in Südvietnam verbargen, an Schärfe. Für diese Guerilla setzte sich allmählich das Kürzel „Vietcong“ durch. Sie übernahmen primär in ländlichen Gebieten des Südens das Kommando. Zur Finanzierung ihres Krieges erhob der Vietcong eine Steuer, die mit allen Mitteln von der Landbevölkerung eingetrieben wurde. Der Nachschub lief über den „Ho-Chi-Minh-Pfad“ durch Laos und Kambodscha. Der Vorwand für den Krieg war eine Propagandalüge Die USA suchten und fanden mit einem Zwischenfall in der Tonkin-Bai am 4. August 1964 den Vorwand, ihr militärisches Engagement in Vietnam in eine offene Kriegführung umzuwandeln. An diesem Tag soll der US-Zerstörer „Maddox“ angeblich von nordvietnamesischen Torpedos getroffen worden sein. Die Folge war die Verabschiedung der sogenannten „Tonkin-Resolution“ durch den US-Kongreß, die Präsident Johnson die Vollmacht einräumte, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um weitere kriegerische Akte der Nordvietnamesen zu unterbinden. Es kann heute als weitgehend gesichert gelten, daß der vermeintliche Angriff auf das Kriegsschiff in der von den USA behaupteten Form niemals stattgefunden hat. Das Motiv für das aktive militärische Eingreifen dürfte wohl in dem damaligen Präsidentschaftswahlkampf zwischen Barry Goldwater und Lyndon B. Johnson zu suchen sein. Goldwater stand für eine Politik der Stärke und zwang damit Johnson, gleichzuziehen. Der Tonkin-Vorfall lieferte Johnson den Blankoscheck für beinahe alle militärischen Maßnahmen. Als sich für die südvietnamesische Armee im Frühjahr 1965 ein zweites Dien Bien Phu abzeichnete, gab er schließlich grünes Licht für den militärischen Einsatz amerikanischer Soldaten, ohne freilich Nordvietnam eine offizielle Kriegserklärung zu übermitteln. My Lai wurde zum Synonym amerikanischen Unrechts Es begann ein jahrelanger Abnutzungskrieg, der zunächst durch systematische Bombardements des Ho-Chi-Minh-Pfades, Nordvietnams und südvietnamesischer Guerilla-Stützpunkte geprägt war. Schließlich griffen auch US-Bodentruppen ein, die den Kampf gegen den „unsichtbaren Feind“ aufnahmen. Der Zweck heiligte dabei alle Mittel; Ob es nun das chemische Entlaubungsmittel „Agent Orange“ oder der Einsatz von Napalm-Bomben war: die US-Armee suchten den Erfolg über die Tötung einer größtmöglichen Anzahl von Feinden. Dabei spielte es keine Rolle, inwieweit Zivilisten zu Schaden kamen. Dieses Vorgehen brachte die USA in der „Weltöffentlichkeit“ mehr und mehr in ein ungünstiges Licht. Der „schmutzige“ Napalm- und Entlaubungskrieg gegen die Zivilbevölkerung wird von „kritischen“ Studenten in den USA und Europa zum Anlaß genommen, den US-Imperialismus zu geißeln. Aber auch die monatlich circa 1.000 Särge, die in die USA überführt wurden, wirkten auf die US-Öffentlichkeit demoralisierend. Endgültig beschädigt wird das Renommee der USA, in Vietnam stellvertretend für die Interessen der „freien Welt“ zu kämpfen, durch das Massaker von My Lai am 16. März 1968. Sechs Wochen vorher endete die Tet-Offensive, geführt von Vietcong und nordvietnamesischen Verbänden, die die USA an den Rand einer Niederlage brachte. My Lai steht für die Ermordung von 576 Vietnamesen, darunter Frauen, Kinder und Greise, durch eine US-Infanterieeinheit. Dieses Massaker, auf das in Oliver Stones Kriegsfilm „Platoon“ (1986) direkt angespielt wird, machte den Verlust der moralischen Legitimation der USA in diesem Krieg schlagartig deutlich. My Lai, die psychologischen Auswirkungen der Tet-Offensive sowie der zunehmende öffentliche Druck führten bei der US-Regierung schließlich zu dem Entschluß, die Südvietnamesen ihrem Schicksal zu überlassen. Der Waffenstillstandsvertrag wurde am 24. Januar 1973 zwischen dem damaligen Sonderbeauftragten der Regierung Nixon, Henry Kissinger, und seinem nordvietnamesischer Verhandlungspartner Le Duc Tho unterzeichnet. Die USA schieden damit aus dem Krieg aus. 58.134 US-Soldaten bezahlten diesen Waffengang im Herz der Finsternis mit dem Leben. Nur circa 600 Kriegsgefangene US-Soldaten kehrten in die Heimat zurück, was ein Hinweis auf die Bedingungen ist, denen sie ausgesetzt waren. Der US-amerikanische Filmregisseur Michael Cimino hat ihren traumatischen Erlebnissen im Filmopus „Deer Hunter“ (1978) ein bleibendes Denkmal zu setzen versucht. Der Krieg in Vietnam endet erst am 1. Mai 1975 mit dem Fall Saigons und dem Ausruf der Sozialistischen Republik Südvietnam. Am 2. Juli 1976 werden schließlich Nord- und Südvietnam zur Sozialistische Republiken Vietnam vereinigt. Erst seit dem Frühjahr 1997 unterhalten die USA und Vietnam wieder gegenseitige Botschaften. Foto: General Roseborough (r.) holt am 15. März 1973 die Flagge im US-Hauptquartier in Saigon ein: „Wir bleiben, bis wir gesiegt haben“

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