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An Kaisers Statt

Mit dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verbindet sich die tragische Mischung großer deutscher Tradition und peinlichen Scheiterns sowohl dieser Tradition wie auch der ersten deutschen Republik vor 70 Jahren. Hindenburg ist das Symbol dieser Größe und dieser Tragik zugleich. Heute gäbe es vielleicht keinen Grund, Hindenburg ein Denkmal zu setzen. Aber es gibt auch keinen, ihn abzuwerten und zu entehren, wie es neuerdings geschieht. Am 2. Oktober 1847 wurde Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg in Posen geboren – in eine Familie preußischen Adels und bedeutender Militärs. Man legte Wert auf eine traditionelle Erziehung, und so wechselt er als Elfjähriger aus der Quinta des Glogauer Gymnasiums auf die Kadettenanstalt in Wahlstatt, um dort auf den Waffen- und Hofdienst vorbereitet zu werden. Die militärische Karriere war vorgezeichnet: 1866 Sekondeleutnant im 3. Garderegiment zu Fuß, Feldzug gegen Österreich. 1870/71 Bataillons- und Regimentsadjutant im Deutsch-Französischen Krieg und Regimentsvertreter bei der Kaiserkrönung in Versailles. 1873 bis 1887 Studium an der Kriegsakademie, Generalstabsoffizier, Kompaniechef und Major im Großen Generalstab bei Generalfeldmarschall von Schlieffen und Taktiklehrer an der Kriegsakademie. 1889 bis 1903 Karriere vom Oberstleutnant zum General der Infanterie und auf persönlichen Wunsch 1911 – 64jährig – Verabschiedung als General der Infanterie. Noch in diesem Alter war Hindenburg ein weitgehend unbekannter, nicht besonders auffallender Regimentskommandeur. Hindenburgs Popularität machte ihn zum Kandidaten Erst nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges begann für den alten Mann die große Karriere durch seine Berufung zum Armeeführer der 8. Armee im Osten, wo er bereits nach einer Woche die berühmte Schlacht bei Tannenberg gegen eine überwältigende Übermacht der Russen siegreich besteht und im selben Jahr zum Generalfeldmarschall, zwei Jahre später zum Chef des Generalstabes des Feldheeres ernannt wird. Nach Abdankung des Kaisers Wilhelm II. folgte im Sommer 1919 zunächst das Angebot Hindenburgs an den künftigen Reichspräsidenten Friedrich Ebert, sich ihm und der Republik zur Verfügung zu stellen, ein halbes Jahr darauf das Abschiedsgesuch und der Rückzug aus dem militärischen und politischen Leben in eine Stadtwohnung nach Hannover. In dieser Zeit genoß Hindenburg eine ungeahnte Popularität als der greise Sieger von Tannenberg und das Symbol der Ehre des im Grunde unbesiegten deutschen Soldaten. Straßen und Plätze wurden bereits in den zwanziger Jahren nach ihm benannt, zahlreiche Städte ernannten ihn zum Ehrenbürger. Diese Popularität war es, die ihn nach dem Tode Friedrich Eberts zumindest für die bürgerliche Rechte als würdigen Kandidaten attraktiv machte – als einen, der über den Parteien zu stehen versprach, zumal er sich selbst in kein politisches Amt gedrängt hatte. So wurde er durch das Volk in direkter Wahl 1925 mit 48,5 Prozent gegen Zentrum und Kommunisten für sieben Jahre zum Reichspräsidenten erkoren. Seine Machtstellung war mit der des heutigen Bundespräsidenten kaum vergleichbar. Der Reichspräsident nach der Weimarer Verfassung konnte das Reich völkerrechtlich vertreten, Kanzler, Minister und Reichsbeamte ernennen und entlassen, besaß den Oberbefehl über die gesamte deutsche Reichswehr, konnte gegen Länder, die ihre gesetzlichen Pflichten nicht erfüllten, sogar mit bewaffneter Macht einschreiten, in Notfällen die wichtigsten Grundrechte aufheben und praktisch autoritär regieren, wovon er – vor allem nach dem Scheitern der Großen Koalition 1930 unter Hermann Müller (SPD) – der letzten Regierungskoalition mit parlamentarischer Handlungsfreiheit – zunehmend häufig Gebrauch machte. Die Weimarer Demokratie war zumindest von da an nur noch eine Scheindemokratie, die Hindenburg allerdings mit gewissenhafter Sorgfalt durch die Klippen der zunehmenden Straßengewalt und der Ohnmacht der Staatsorgane zu steuern bemüht war (Werner Maser: Hindenburg. Rastatt 1992). Die zweite Reichspräsidentenwahl im März 1932 brachte kein klares Ergebnis und mußte wiederholt werden. Am 10. April standen in der Stichwahl nur noch Hindenburg, Hitler und der Kommunist Thälmann als Kandidaten einander gegenüber. Hindenburg erhielt 53,0 Prozent, Hitler 36,8 Prozent und Thälmann 10,2 Prozent der Stimmen. Hindenburg wurde dabei nicht nur von den Sozialdemokraten unterstützt, sondern auch von zahlreichen Wissenschaftlern und Kulturschaffenden, die sich in einem eigenen Aufruf für ihn einsetzten. Schon im ersten Wahlgang hatte der sozialdemokratische Ministerpräsident Otto Braun seinen Anhängern in einem Vorwärts-Artikel vom 10. März 1932 Hindenburg zur Wahl empfohlen: „Ich habe den Reichspräsidenten kennengelernt als einen Menschen reinen Wollens und abgeklärten Urteils. Weil dem so ist, trete ich für ihn ein. Ich wähle Hindenburg.“ Am 27. Februar, einen Tag, nachdem der bis dahin staatenlose Hitler deutscher Reichsbürger geworden war, erklärte die SPD in ihrem Wahlaufruf: „Jede Stimme, die gegen Hindenburg abgegeben wird, ist eine Stimme für Hitler. Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!“ Keine Unterstützung erfuhr des Kaisers oberster Kriegsherr dagegen von Hohenzollern-Kronprinz Wilhelm, der sich gegen Hindenburg stellte. „Da ich eine geschlossene Haltung der nationalen Front für unbedingt notwendig halte, werde ich im zweiten Wahlgang Adolf Hitler wählen.“ Der Kronprinz der Hohenzollern spricht sich also gegen den „Volkskaiser“ von Hindenburg aus! Der inzwischen 85jährige Generalfeldmarschall und Reichspräsident mag sich über die ihm zugedachte Rolle nicht bis zur letzten Konsequenz im klaren gewesen sein – angesichts dieser verwirrenden Ausgangslage von Unterstützern und Gegnern war dies kaum anders möglich. Tiefgläubig, gottesfürchtig und verfassungstreu dachte er sein Amt wie bisher auch weiterhin geradlinig und gerecht zu erfüllen. Es war schwer genug, hatte er doch in beiden Amtszeiten allein sieben von insgesamt zwanzig Reichskanzlern der Weimarer Republik einzusetzen, deren jeweils längste Amtszeit noch nicht einmal zwei Jahre dauerte. Die Nationalsozialisten hatten ihre Stimmen innerhalb von weniger als zwei Jahren mehr als verdoppelt, und zwar von 18,3 Prozent im September 1930 auf 37,4 Prozent im Juli 1932. Von da an war Hitler als Kanzleranwärter kaum noch aufzuhalten. Einen Vizekanzlerposten, zunächst unter von Papen, lehnte Hitler ab. Als Kanzler wollte Hindenburg den „böhmischen Gefreiten“, wie er ihn gern nannte (offensichtlich aufgrund einer Verwechslung des hitlerschen Geburtsortes Braunau am Inn mit einem heute weniger bekannten Braunau in Böhmen), so lange wie möglich verhindern. Als die inzwischen in der Harzburger Front vereinigte Rechte nach dem Scheitern des letzten Versuches der Republik, mit dem General Kurt von Schleicher eine alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte umspannende Regierung zu bilden, gescheitert war, immer mehr Einfluß gewann, war auch für den greisen Generalfeldmarschall das zähneknirschende Ja zu einem Kanzler Hitler nicht mehr zu umgehen. Dies wurde ihm schmackhaft gemacht durch die Tatsache, daß in dem neuen Kabinett nur drei Nationalsozialisten vertreten sein sollten. Der Versuch von Schleichers, noch drei Tage vor der Berufung Hitlers zum Kanzler, Hindenburg zu einem Verfassungsbruch zu veranlassen, scheiterte gerade an Hindenburgs Verfassungstreue, da die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der NSDAP ausfielen, die sich somit formell an die Verfassung hielt. Auch der bedeutende, 1999 verstorbene Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg urteilte im Jahre 1952, die demokratische Republik sei ihren Gegnern gerade durch Hindenburgs „formale Vertragskorrektheit“ ausgeliefert worden. Für diese Einhaltung der Verfassung durch die neue Regierung mit der NS-Minderheit wollte sich Hindenburg überzeugt einsetzen, solange es seine Kraft noch zuließ. Doch reichte seine Wachheit und Umsicht nicht mehr aus, sich gegen die Intrigen der ihn umgebenden Kamarilla, insbesondere um seinen Sohn Oskar und Franz von Papen, zu durchschauen, die ihm Hitler geradezu aufdrängten. So kam es am 30. Januar 1933 im Reichstag zur Wahl Hitlers zum Reichskanzler. Hindenburg hat die Kanzlerschaft Hitlers mit all den sofort eingeleiteten Unterdrückungs- und Gleichschaltungsaktionen, in die auch der sogenannte „Tag von Potsdam“ von Hitler geschickt eingefädelt wurde, nur um eineinhalb Jahre überlebt – in der letzten Zeit schon spürbar von Altersschwäche, Resignation und Krankheit gezeichnet. Am 2. August 1934 fällt er ins Koma, aus dem er noch einmal erwacht und die Worte murmelt: „Erlauben Eure Majestät, daß sich ein alter Soldat gehorsam abmeldet.“ Hindenburgs Geist atmete den Geist der Verständigung Hans Luther, noch von Ebert berufener Reichskanzler, verglich die beiden Staatsoberhäupter: „Beide Männer entfernten sich im Dienst am Ganzen des Reiches und Volkes mehr und mehr von ihrer politischen Ausganglage und fanden Rückhalt bei solchen Deutschen, die der Linie des Vernünftigen im Rahmen des Möglichen folgten: Ebert bis zum frühen Ende seines Lebens, Hindenburg bis zum Erlahmen seiner geistigen und moralischen Kräfte.“ Wilhelm Marx, zweimaliger Reichskanzler und Gegenkandidat Hindenburgs im ersten Wahlgang der zweiten Präsidentenwahl, würdigte Hindenburg: „Die Geschichte kennt wenige Beispiele, in denen ein gleicher Dienst am Vaterlande in so hohem Alter gefordert wurde.“ Theodor Eschenburg bekundete im Rückblick, „mit welch ehrlichem Respekt von Hindenburg gesprochen wurde, und zwar auch von Personen, die (seinen) Richtungsvorstellungen mit starkem Mißtrauen begegneten. (…) Stresemann hat mir mehrfach erzählt, daß es zu seinen zeitraubendsten und mühsamsten Aufgaben gehört habe, sich auf die Unterredungen mit Hindenburg zu präparieren.“ Und Stresemann selbst hatte sich gegenüber dem damaligen US-Botschafter Hougthon bereits nach Hindenburgs erster Wahl anerkennend geäußert: „Seine Bemerkungen über Außenpolitik und schon seine früheren Erklärungen atmeten den Geist jener Verständigungspolitik, die die alleinige Grundlage für die Konsolidierung der europäischen Verhältnisse sein kann.“ Foto: Reichspräsident von Hindenburg in österreichischer Uniform (Oktober 1927): Die Verpflichtung eines alten Soldaten

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