Potsdamer Wachablösung

Das militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) hat seit seiner offiziellen Gründung 1958 eine große Zahl überwiegend ausgezeichneter Beiträge zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges vorgelegt, die nicht von einem „Mythos der sauberen Wehrmacht“ geprägt, sondern durch Sachkenntnis und Sachlichkeit bestimmt waren. Erst in den achtziger Jahren kam es unter Manfred Messerschmidt, dem Leiter des Forschungsbereiches (1970 bis 1988), zu schwerwiegenden Dissonanzen. Dieser hatte sich damals durch Berufung ihm konformer Mitarbeiter einen Kreis geschaffen, der sich als „Freiburger Schule“ bezeichnete, von Gegnern im Amt jedoch nicht nur scherzhaft „Rote Zelle“ genannt wurde. An Messerschmidts Stelle steht heute Hans-Erich Volkmann (64). Eine anstehende Neubesetzung des Amtes wird sicher Weichen für die künftigen Forschungsprojekte stellen, denn unter den vier Bewerbern werden Rolf-Dieter Müller und Gerhard Hirschfeld Chancen eingeräumt. Rolf-Dieter Müller gehörte als jüngster zum Team von Messerschmidt, einem unermüdlichen Förderer und Begleiter der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“. Vor kurzem hat Müller, Leiter des Projektes „Geschichte des Zweiten Weltkrieges“ in der Information für die Truppe sein vernichtendes Urteil über den „handwerklichen Pfusch und die armselige Didaktik“ der ersten „Wehrmachtsausstellung“ wiederholt und verschärft, das ihm schon 1999 eine vergebliche Klage von Jan Philipp Reemtsma eingetragen hatte. Die Wehrmacht sollte demnach als eine Art marschierendes Schlachthaus und eine verbrecherische Organisation demaskiert werden. Müller folgert daraus: „Die Ausstellungstafeln gehören auf den Müll oder bestenfalls in das Museum der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wo sie die Irrungen und Wirrungen des Zeitgeistes … dokumentieren könnten.“ Die neue Ausstellung hält Müller für wissenschaftlich sorgfältig gestaltet. Bei den Einzelbeispielen scheint ihm jedoch bemerkenswert, daß es sich in den weitaus meisten Fällen um Erschießungen und Mordtaten von SS- und Polizeieinheiten teils unter der Beihilfe oder Beteiligung einzelner Wehrmachtsangehöriger handelt. Die deutsche Nabelschau und der einseitige Blick auf die „Täter“ seien geblieben. Wenn Müller schreibt, nur in der Demokratie hätte der Soldat die Gewähr, keine verbrecherischen Befehle durchführen zu müssen, muß ihm widersprochen werden. Man denke nur an die 2000 Toten bei der Versenkung der französischen Flotte durch die Engländer 1940 bei Oran (Algerien) und an den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung. Eine gegensätzliche Position zu Reemtsmas Unternehmen vertritt Gerhard Hirschfeld, Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart. Er kam als Wissenschaftlicher Beirat des Fördervereins für die Wehrmachtsschau und danach als Sprecher der von Reemtsma eingesetzten Gutachterkommission mit Militärgeschichte in Berührung. Kopfschütteln hat erregt, daß die acht Gutachter zum Ergebnis kamen, die Ausstellung hätte weder Manipulationen noch Fälschungen enthalten, sie könne weiterhin in überarbeiteter Form einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der historisch-politischen Kultur der Bundesrepublik leisten. Trotz aller Querelen und Klagen ist es inzwischen zum Schulterschluß zwischen dem MGFA und dem Dauerbetreiber der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ gekommen. Die große Stunde hatte geschlagen, als bei einer Buchpräsentation im MGFA ihr Amtschef Kapitän zur See Jörg Duppler die Laudatio Jan Philipp Reemtsmas entgegennahm, der die inhaltlichen Verbindungen des MGFA zu einem Institut hervorhob und unwidersprochen das einigende Thema, Gesellschaftsgeschichte des Krieges zu betreiben, betonte. Die Zukunft wird zeigen, ob die Kritik an dieser „Verwischung jeglicher Trennschärfe zwischen den beiden Instituten“ (FAZ vom 19. 09.2002) berechtigt ist, in der dem Amtschef des MGFA vorgeworfen wurde, er habe vor Reemtsma die weiße Flagge gezeigt.

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