Neue Technologien: „Der (im-)perfekte Mensch“

Am Deutschen Hygienemuseum in Dresden lief vom 20. Dezember 2000 bis 12. August 2001 die Ausstellung „Der (im)perfekte Mensch. Vom Recht auf Unvollkommenheit“, die bis zum 2. Juni nun auch in Berlin zu sehen ist. Das Thema weckt große Erwartungen. Die eigenen Mängel hatte man bisher hingenommen mit dem Trost, daß die anderen auch nicht vollkommen sind. Trotzige Selbstbejahung war die Reaktion nicht nur bei mäßigen Beeinträchtigungen wie Sommersprossen und schlechtem Zahlengedächtnis, sondern sogar für körperlich oder geistig Behinderte. Doch wie die Ausstellung zeigt, ist die Debatte unter den Bedingungen der Gentechnik aufs neue entbrannt. Als ob es Ernst Klee und die „Krüppelbewegung“ der siebziger Jahre nie gegeben hätte, wiederholt die „Aktion Mensch“ (früher Aktion Sorgenkind) mit der Ausstellung noch einmal den Diskriminierungsvorwurf an die „sogenannten Normalen“. Noch einmal versucht die Behindertenlobby uns einzureden, daß Blinde und Lahme gar kein Problem hätten, wenn die anderen kein Problem darin sähen. Dieser Unsinn hilft immerhin, das leidige Mitleid aus dem gegenseitigen Umgang zu verbannen. Rückblickend zeigt die Ausstellung Pflegeeinrichtungen, die vom christlichen Erbarmen getragen sind und die Hilflosigkeit der Heiminsassen zur Selbstbeweihräucherung nutzen. Dagegen stehen Bilder, die den behinderten Anteil an der Spaßgesellschaft einklagen und demonstrieren. Entscheidend ist der Zeitpunkt des Beitrags. Im Jahr des Human Genom Project spricht hier alles von der Furcht, das mühsam erkämpfte Behindertenimage könne dem „bioethischen Zeitgeist“ zum Opfer fallen. Die Furcht ist nicht ganz unbegründet. Wo ein behindertes Kind unvermeidlich ist, wird man es annehmen und vielleicht sogar fördern. Sobald es aber eine Wahl gibt, Stichwort Pränataldiagnostik, tritt die Rangordnung offen zutage. Man wird sich noch einmal nach dem verpönten Mitleid zurücksehnen. Entsetzt spricht der Katalog von den „Erfolgen einer humangenetischen Beratungstätigkeit“. Gemeint ist damit die schon jetzt zu erkennende Tatsache, daß die allermeisten Eltern ein behindertes Kind zu vermeiden wünschen. Deutlicher gesagt: Sie lehnen ein behindertes Kind ab. Behinderung gehört nicht mehr zu den Unvermeidlichkeiten, die unsere Anpassungsfähigkeit herausfordern. Aus Schicksal wird Panne. „Krüppel“-Aktivist Franz Christoph phantasiert eine Geburt, bei der die Eltern mit Bedauern feststellen, daß das Kind nicht behindert ist. Verlangt ist hier Widernatürlichkeit. Die allerdings wäre nur mit Hilfe der Technik zu schaffen. Statt den „perfekten Menschen“ herzustellen, könnte man versuchen, den Hang zur Perfektion und die ständige Unzufriedenheit des Menschen aus dem Genom zu tilgen. Dann dürften wir uns auch über jede Falte und jedes graue Haar freuen.

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