Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu: ‘Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh’!“ Die Liebe der Deutschen zum Baum, wie im Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ besungen, ist ohne Übertreibung tief verwurzelt. Der Baum wie der Wald ist den Deutschen seit Jahrtausenden heilig.
Doch die Existenz unserer Bäume ist gefährdet. Nicht nur durch Raubbau, Umweltverpestung oder Versiegelung. Seit einigen Jahren werden Eichen, Linden, Pappeln Opfer sogenannter Baumkiller. Unbekannte, die sich sägend, nagelnd, bohrend und vergiftend durch Alleen und Wälder meucheln. Scheinbar wahllos.
Der Schaden geht in die Millionen Euro. Die Polizei ermittelt. Allerdings sind die Chancen, unerkannt zu bleiben, für die Täter groß.
Unbekannte Täter brachten Herbizide in den Boden
„Anfang Juli erstattete die Stadt Elmshorn Strafanzeige wegen eines besonders schweren Falles einer Umweltstraftat“, meldete die Polizeidirektion Bad Segeberg am 22. Juli dieses Jahres. „Unbekannte Täter hatten Roteichen in der Schooltwiete nachweislich mittels Glyphosat geschädigt.“ Anwohnern in Elmshorn waren zwei Eichen aufgefallen, deren Blätter braun geworden waren. „80 bis 90 Prozent der Belaubung und der jungen Triebspitzen waren zu diesem Zeitpunkt stark verbräunt oder bereits verkümmert.“
Die Stadtverwaltung ließ die Bäume untersuchen: Die beiden Roteichen in der Schooltwiete wurden nach Einschätzung des Gutachters vermutlich bereits in den ersten Monaten des Jahres 2025 vergiftet, so die Polizei. Und zwar sollen der oder die Täter um die Bäume herum größere Mengen Herbizide in den Boden eingebracht haben.
Die Laboruntersuchung bestätigte den Verdacht. Es war Glyphosat. „Der Umweltermittlungsdienst der Polizei Elmshorn ermittelte zu den Vorwürfen einer möglichen Bodenverunreinigung nach Paragraph 324a Strafgesetzbuch“, sagt Jens Zeidler von der Pressestelle der Polizeidirektion gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Die Strafandrohung ist eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe.
In Hessen werden 79 Bäume beschädigt
Doch trotz Zeugenaufrufen und Anwohnerbefragungen konnte die Polizei bisher keinen Täter ermitteln. „Das Strafverfahren wurde mittlerweile zur weiteren Entscheidung an die Staatsanwaltschaft Itzehoe abgegeben“, sagt Zeidler. „Gleichzeitig wurde das Ordnungswidrigkeitenverfahren zuständigkeitshalber an die Stadt Elmshorn weitergereicht.“ Tröstlich sei hingegen, daß gleichgelagerte Fälle der Polizei in umliegenden Bereichen bisher nicht bekannt sind.
Ganz anders die Situation in Hessen: Von 2020 bis 2024 wurden 79 Bäume beschädigt. Am 28. Juli teilte die Stadt Bad Hersfeld mit, daß Mitarbeiter an drei Winterlinden, alle um die 55 Jahre alt, im Stadtteil Sorga Bohrlöcher entdeckt hatten. In die Löcher wurde eine Flüssigkeit gespritzt. Die Bäume „zeigten bereits deutliche Schäden am Blattwerk“, so der Hessische Rundfunk.
Die Stadt hat Strafanzeige gestellt und bittet Zeugen um Hinweise. Im Mai mußten zwei 60 Jahre alte Platanen in Frankfurt am Main auf dem Merianplatz gefällt werden. Sie waren Opfer eines Giftanschlags geworden. In beiden Fällen, Bad Hersfeld wie auch Frankfurt, hatten Unbekannte schon zuvor mehrfach die Bäume schwer beschädigt.
Bis zu 6.000 Tierarten leben von und mit einer Eiche
Laut Nabu gibt es 11,1 Millionen Hektar Wald in Deutschland. Das entspricht etwa 32 Prozent der Landfläche. Alle zehn Jahre wird eine Bundeswaldinventur durchgeführt. 2015 veröffentlichte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft folgende Zahlen: „In Deutschlands Wäldern wachsen 90 Milliarden Bäume, davon rund 7,6 Milliarden Bäume ab sieben Zentimeter Brusthöhendurchmesser.“ Was soll also die Aufregung? Was sind schon ein paar Bäume gegen 90 Milliarden?
Nun, der Nabu-Hamburg hat einmal aufgelistet, was eine hundert Jahre alte Eiche in ihrem Leben produziert: Ein Baum kann im Wurzelwerk bis zu 40.000 Liter Wasser speichern. Bäume sind somit Grundlage für den Wasserreichtum in Deutschland, so der Nabu. Bis zu 6.000 Tierarten, davon zwischen 500 und 600 Insekten, leben von und mit einer Eiche. „Die Insekten sind für die Kleinvogelwelt als Nahrungsgrundlage und Aufzucht der Jungen unentbehrlich. Ein Meisenpärchen vertilgt beispielsweise bis zu 30 Kilogramm Insekten jährlich.“
Der volkswirtschaftliche Wert eines 100jährigen Baumes beträgt bis zu 255.650 Euro abseits der Nutzung des Holzes. Das umfasse die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, Stabilisierung des Wasserhaushaltes, die Produktion von Sauerstoff und Schutzfunktion gegen Wind, Lärm, Hitze und Erosion. Bäume produzieren Sauerstoff: Eine hundertjährige Eiche mit 120.000 bis 150.000 Blättern „verarbeitet“ jährlich 6.000 Kilogramm CO₂ und produziert bis zu 4.500 Kilogramm Sauerstoff, berechnet der Nabu.
Bäume werden als Störfaktor wahrgenommen
Damit decke die Eiche den Jahressauerstoffbedarf von elf Menschen. Und zu guter Letzt: „Neben den unbezahlbaren Funktionen haben Bäume auch einen ideellen Wert. So sind Stadtbäume eine Augenweide und Quelle von Schönheit im Häusermeer. Freude und Erholung, die man unter Bäumen findet, können nicht hoch genug geschätzt werden.“
Übrigens weist die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald noch auf Folgendes hin: „1,1 Millionen Menschen in 185.000 Betrieben arbeiten im Holz- und Forstsektor, die einen Jahresumsatz von 170 Milliarden Euro erwirtschaften.“ Damit beschäftige der Wald mehr Menschen als die Autoindustrie mit ihren noch 735.000 Stellen.
Doch Bäume scheinen in einer Gesellschaft, die sich von der Natur abwendet, immer stärker als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Sie lassen Teile des Grundstücks verschatten, verdecken die Solaranlage, sorgen durch herabfallende Blätter und Früchte für Schmutz, zerkratzen die Fassade oder stellen sich dem Blick zum See oder Meer in den Weg.
Auch Naturdenkmäler sind beschädigt
So landete Ende Mai dieses Jahres ein Fall vor dem Amtsgericht Blankenese, bei dem eine 78jährige angeklagt wurde, „weil einige der sie störenden Bäume plötzlich weg waren“, berichtet der NDR. „Drei Robinien und ein Weißdorn wurden gefällt.“ Der Nachbar zeigte die Frau an. Die bestritt vor Gericht jedoch, das Abholzen in Auftrag gegeben zu haben, so der Sender. „Sie habe einen Gärtner nur damit beauftragt, Totholz zu entfernen, damit niemand durch herabstürzende Äste verletzt werden könne.“
Wer nun was abholzen ließ, wurde nicht geklärt. Die Frau mußte dem Nachbarn allerdings 12.000 Euro Schadenersatz zahlen.
In Riedstadt-Goddelau im Landkreis Groß-Gerau wurden bisher zehn Bäume beschädigt. „Darunter auch die Karl-Spengler-Eiche, die ein Naturdenkmal des Kreises Groß-Gerau ist, und die Isler-Eiche“, wie die Stadt am 8. August mitteilt.
Die Stadt hat eine Belohnung ausgesetzt
Wurde zunächst ein Befall durch Schädlinge vermutet, zeigten nähere Untersuchungen, daß vorsätzlich an diesen Eichen „und sieben weiteren Bäumen Bohrlöcher angebracht und die Bäume mit einem Herbizid vergiftet wurden“. Der Täter sei perfide vorgegangen, so die Pressesprecherin Anke Mosch.
„Die Bohrlöcher seien, wie bei der Spengler-Eiche, tief unten am Stamm oder an der vom Feldweg abgewandten Seite angebracht und mit Gras und Buschwerk verdeckt worden.“ Die Stadt habe 550 Euro Belohnung ausgesetzt für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen.