Renaissance der Edelmetalle

Die direkten Vermögensverluste, die den Deutschen bisher durch die US-Finanzkrise entstanden sind, belaufen sich laut Bundesbank auf mindestens 84 Milliarden Euro – das sind fast 1.000 Euro pro Bundesbürger. Weitere Milliardenverluste werden noch hinzukommen. In der Financial Times sprach vorige Woche Alan Greenspan, Ex-Chef der US-Notenbank (Fed), von einer Krise, wie sie nur ein- oder zweimal im Jahrhundert auftrete. Während sich nun zeigt, daß fast alle Segmente des Finanzsektors ausgereizt sind – ganz gleich, ob Immobilien-, Renten- oder Aktienmärkte -, wenden sich immer mehr Investoren den Edelmetallen zu. Unbemerkt von vielen Anlegern war zur Jahrtausendwende der zwei Dekaden währende Bärenmarkt für Gold zu Ende gegangen. Während nun Dow, Dax & Co. in heftige Turbulenzen gerieten, glänzte Gold immer heller und absolvierte die rasanteste Rally seit den Ölschocks der siebziger Jahre. Im Januar 1980 hatte Gold kurzzeitig das Allzeithoch von 850 Dollar pro Unze erreicht. Danach ging es bergab bis in den Bereich von 250 Dollar. So richtig ins Bewußtsein war Gold im Herbst 2002 gerückt, als sich die Frage stellte, ob Saddam Hussein die Uno-Resolution akzeptieren würde oder nicht – Gold machte seinem Ruf als „Krisenmetall“ alle Ehre. Obwohl das gelbe Metall zuvor bereits stark gestiegen war, gab es noch genug Raum für weitere Aufschläge. Analysten sahen im November Potential für Notierungen bis 350 Dollar. Daß sich der Goldpreis dann weit über diese Marke hinaus bewegte, lag sicherlich auch an der zunehmenden Gewißheit eines Krieges im Mittleren Osten und später an dem schwachen Dollar. Weit gravierender sind jedoch tieferliegende Ursachen. Lockere Geldpolitik, Spekulationen an den Aktienmärkten, Börsencrash, Wirtschafts- und Bankenkrise, Zerrüttung der öffentlichen Finanzen, Anwerfen der Notenpresse und Untergrabung der Währung stellen erhebliche Risiken für die Vermögenswerte der Anleger dar. Die Rolle des privaten Vermögens für die langfristige Altersvorsorge ist inzwischen offensichtlich. Das Überalterungsproblem in allen großen Industrienationen wird in den kommenden Jahrzehnten zur Zerreißprobe für die umlagefinanzierten wie auch für die kapitalgedeckten Sozial- und Rentenversicherungssysteme. Privatanleger müssen widersprüchliche Informationen über die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage verarbeiten. Neue Fragen tauchen auf: Kann man in Aktien oder Immobilien investieren, deren Preise durch spekulative Luft und überproportionales Kreditwachstum aufgebläht wurden? Wie sicher sind die Anleihen der immer stärker verschuldeten privaten und öffentlichen Schuldner wirklich? Wie strapazierfähig sind die Währungen im internationalen Finanzmarktgefüge? Während Geld praktisch unbegrenzt und zu minimalen Kosten „gedruckt“ werden kann, stellt Gold einen handfesten Gegenpol dazu dar. Als physisches Gut entsteht es nicht über Kreditschöpfung, sondern es muß in einem aufwendigen Produktionsprozeß gewonnen werden. Deshalb haben fast alle Gesellschaften der letzten 4.000 Jahre dem knappen Rohstoff eine Geldfunktion zugebilligt. Wenn heute eine Finanzinstitution, eine Bank, eine Maklergesellschaft oder ein riskanter Hedgefonds mit sehr großen Schulden von staatlicher Seite gerettet wird, dann sind es letztendlich aber die Bürger und Steuerzahler, die dafür bezahlen. Der Staat „leiht“ den Bankrotteuren Geld und belohnt sie dadurch noch für ihr Tun. Aber dieses „geliehene“ Geld wird niemals mehr zurückgezahlt – konkret bedeutet dies Enteignung von Bürgern zugunsten von Unternehmen, deren Manager über Jahre fette Gehälter eingestrichen haben und am Ende ihrer erfolglosen Tätigkeit mit dicken Abfindungen in Pension geschickt werden. Der einzige Schutz gegen diese systematische Enteignung ist der Besitz von Gold und Silber. Um die Illusion vom sicheren Finanz-System aufrechtzuerhalten, wird von einer anderen Seite aber gegengesteuert. Denn wer zunächst glaubte, daß angesichts der Finanzkatastrophe Gold und Silber einen ungehinderten Aufstieg erleben würden, der wurde enttäuscht. Inzwischen hat es Methode und ist es ist ein wichtiger Bestandteil zur Erhaltung des Systems, daß besonders in Zeiten, wo positive Nachrichten für Gold und Silber (also schlechte Finanznachrichten) angesagt sind, genau das Gegenteil von dem eintritt, was man erwarten würde. Der Goldpreis fiel seit dem Bekanntwerden der Probleme der US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddy Mac um 100 Dollar, während der Dollar stieg: verkehrte Welt. Zur Unterstützung der maroden US-Finanzen werden die europäischen Hilfstruppen herangezogen. In der Woche nach den verzweifelten Rettungsversuchen der US-Regierung für Fannie Mae und Freddy Mac verkaufte das Euro-System Gold und Goldforderungen in Höhe von 578 Millionen Euro, um den Goldpreis zu drücken. Das ist das vielfache Volumen einer „normalen“ Woche – obwohl die EZB bereits vorher nach eigenen Angaben ihr Verkaufskontingent gemäß dem 2. Washingtoner Goldabkommen für das laufende Fiskaljahr abgeschlossen hatte (JF 29/08). Daß in den letzten zwanzig Jahren der ältesten und wohl auch beständigsten Anlageform der Welt eine eher bescheidene Rolle zugedacht war, hat sich zweifellos geändert. Im März 2008 durchbrach Gold die Schallmauer von 1.000 Dollar pro Unze. Heute wünschen sich viele Anleger, sie wären bereits vor fünf Jahren auf den Goldzug aufgestiegen. Auch wenn der Goldpreis in den letzten Tagen unter die 900er Marke gefallen ist, bleibt der langfristige Aufwärtstrend der Edelmetalle intakt. In der momentanen Lage, in der starke Zweifel an den wirtschaftlichen und finanzpolitischen Grundfesten aufgekommen sind, in der die Verfassung des Geldwesens, die Politik der Zentralbanken sowie die Bonität der öffentlichen und privaten Schuldner kritisch hinterfragt werden, sind Edelmetalle als sicherer Hafen wiederentdeckt worden und feiern ihre Renaissance.   Hubert Roos ist Gründer des Gold- und Silberportals www.silvior.de. 2003 erschien sein Buch „Gold-Boom. Gewinne und Sicherheit mit Gold“. 2004 veröffentlichte er „Big Silver. Gewinnbringend investieren mit Silber“, beides im Verlag Börsenmedien AG. Abbildung: Goldwaage mit Unzen und Aktien: Gold ist die älteste und wohl beständigste Anlageform der Welt

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