Insolvenz als neue Chance

Jeder siebte deutsche Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt am Auto. Unsere Industrie braucht daher einen stabilen Neuwagenabsatz — auf dem Heimatmarkt und im Ausland. Die deutsche Volkswirtschaft braucht aber keinen bestimmten Autohersteller. Wenn Opel — mit einem Marktanteil in Deutschland von unter zehn Prozent — verschwände: Wäre das schlimm? Aus drei Gründen nicht. Erstens: Der Marktanteil von Opel ginge wohl zu einem Großteil auf deutsche Unternehmen wie Volkswagen über. Durch eine dann höhere Produktionszahl würden die Stückkosten sinken und die Produktivität steigen. Die bislang aus dem Opel-Volumen generierte Wertschöpfung bliebe in diesem Fall größtenteils im Lande. Zweitens: US-Konzerne benutzen, wenn irgend möglich, amerikanische Zulieferer. Der Zulieferbedarf für das umgeschichtete Opel-Volumen würde infolge der Marktumschichtung im Zweifel auf deutsche Zulieferer gelenkt werden. Drittens: Die Opel-Entwicklungsabteilung hat den technischen Fortschritt im General-Motors-Konzern wesentlich getragen. Warum muß dieses Fachwissen in die USA abfließen? Die dortigen Ingenieure würden von VW, BMW & Co. sicher mit offen Armen empfangen, die Patente könnten einen Teil der GM-Schulden decken. Die deutsche Wirtschaftspolitik beschäftigt sich vorrangig damit, bestehende Arbeitsplätze zu zählen. Sie sollte jedoch weniger konservieren und dafür neue Stellen schaffen. Deutschland hat eine gefährliche Schlagseite durch seine Autoindustrie. Neue Wirtschaftszweige ohne Autobezug sind nötig. Ein Opel-Konkurs und ein Anbieter weniger wäre kein Schaden. Denn nur der Insolvenzverwalter könnte verhindern, was offenbar droht: die Aussaugung Opels durch den Eigentümer in Detroit.

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