Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Aus Liebe zur Heimat

In den USA, Australien und Großbritannien heißt sie „Farmer Wants a Wife“, in Frankreich „L‘amour est dans le pré“, in Finnland „Maajussille morsian“, in Schweden „Bonde söker fru“, in Deutschland und Österreich „Bauer sucht Frau“. Diese Sendungen erreichen ein Millionen-Publikum — mit oft fragwürdigen Blicken auf die Realität. Doch die boulevardesk dargestellte Problematik hat einen ernsthaften Kern: Man muß es nicht nur mögen, das Leben auf dem Lande, man muß dort auch arbeiten können und dürfen. Im Kampf gegen die Landflucht stellt die Agrarpolitik Gelder in Milliardenhöhe für die „ländliche Entwicklung“ bereit. Zudem engagiert sich beispielsweise der Bund der Deutschen Landjugend (BDL), um das Leben auf dem Land attraktiver zu gestalten. Landfluchten in Deutschland und Europa sind nichts Neues. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zogen besonders viele Menschen aus den Dörfern in die Städte. In jüngster Zeit suchen speziell die Landbewohner Mitteldeutschlands ihr vermeintliches Heil auf dem urbanen Asphalt von Berlin, Erfurt oder Jena. Lebte vor 200 Jahren nur etwa ein Viertel der Bevölkerung in den Städten, so sind es heute in den elf Metropolen und deren Einzugsgebieten mit über 44 Millionen Menschen mehr als die Hälfte. Und zieht man eine strikte Linie um die Stadtgrenzen, sind es mittlerweile fast 26 Millionen. Der Verstädterungsgrad in Deutschland liegt demnach wesentlich über dem weltweiten Durchschnitt. Kein Landleben ohne Bauern möglich Dem seit Jahrzehnten rasant fortschreitenden Strukturwandel in der Landwirtschaft fällt in diesem Zusammenhang eine tragende Rolle zu. Gab es beispielsweise 1949 noch mehr als 1,6 Millionen Höfe, sind es in diesem Jahr nur noch rund 350.000. Konnte man zur damaligen Zeit noch über 4,8 Millionen Erwerbstätige in der Landwirtschaft zählen, sind es heute noch etwa 840.000. Insbesondere die soziale Komponente, die ökonomische Symbiose sowie Tradition und Kultur in einer Dorfgemeinschaft werden im wesentlichen von den Bauernfamilien getragen. Daher konnte eine solch drastische Entwicklung nicht ohne Folgen auf die Bevölkerungsstruktur bleiben. Die Folgen, die sich aus einer zunehmenden Urbanisierung ergeben könnten, sind in der gesamten Tragweite schwer vorhersehbar. Für die Europäische Union, Bund, Länder und Gemeinden ist dies Grund genug, seit geraumer Zeit auf das Pferd der „ländlichen Entwicklung“ zu setzen. Dafür wurde die „zweite Säule“ der EU-Agrarpolitik etabliert, welche die klassische Agrarmarktpolitik ergänzen soll. Über Förder- und Umsetzungsstrategien wie etwa Agrarumweltmaßnahmen, ländliche Entwicklungskonzepte, neue Infrastrukturen oder Dorferneuerungen sollen ländliche Räume gestärkt und damit letzten Endes eine Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zwischen Stadt und Land ermöglicht werden. Aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) stehen den 27 EU-Ländern bis 2013 über 88 Milliarden Euro zur Verfügung. Deutschland bekommt von diesem Kuchen 8,1 Milliarden Euro, die durch die Kofinanzierung mit nationalen Mitteln auf 17 Milliarden Euro angewachsen sind. Demnach werden hierzulande jährlich etwa 2,4 Milliarden Euro für die ländliche Entwicklung bereitgestellt. Doch mit Geld alleine ist es nicht getan. Denn neben der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit von Land- und Forstwirtschaft sowie den Aspekten von Umwelt und der Landschaft darf die soziale Komponente nicht aus dem Auge verloren werden. Hierzu bedarf es des engagierten Wirkens der dort lebenden Menschen, damit das Leben auf dem Lande attraktiv und damit lebenswert bleibt respektive wieder wird. Dieses Credo hat sich besonders der BDL schon seit den fünfziger Jahren auf die Fahnen geschrieben. Etwa 100.000 Mitglieder in 18 Landesverbänden sind es derzeit, die sich zum ländlichen Raum als ihrer Heimat bekennen und sich gleichzeitig der provinziellen Tristesse entgegenstemmen. Dieser Herausforderung stellt sich die Landjugend mit einer gelungenen Verknüpfung aus Tradition und Moderne und mit einem so attraktiven wie anspruchsvollen Bildungs-, Kultur- und Freizeitprogramm in vorbildlicher Art und Weise. Daß zudem noch Tugenden wie etwa Verantwortungsbewußtsein und Urteilsvermögen, Teamfähigkeit und Toleranz vermittelt werden, ist um so beachtenswerter. Einst ausschließlich aus dem bäuerlichen Lager hervorgegangen, sind heute nur noch etwa 20 Prozent der Mitglieder aktiv in der Landwirtschaft tätig. Zum einen kommt hier natürlich der eklatante Agrarstrukturwandel zum Tragen. Zum anderen könnte es aber auch ein Indiz dafür sein, daß der BDL möglicherweise seinem hehren Ziel, nämlich „Lebens- und Bleibeperspektiven für junge Menschen in ländlichen Räumen zu schaffen und zu erhalten“, ein gutes Stück nähergekommen ist. Das ist auch zu hoffen, denn ein apokalyptisches Szenario mit verlassenen Höfen und vergreisten Dörfern kann nicht im Interesse unseres Landes liegen. Der Bund der Deutschen Landjugend (BDL) im Internet: www.bdl.landjugend.info Foto: Bäuerliche Touristenidylle in den Alpen: Lebens- und Bleibeper­­spektiven für junge Menschen in ländlichen Räumen erhalten

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