„Eindruck der Verharmlosung der NS-Zeit“

Die Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg ist ein eingetragener Verein, der die Fachgebiete Geo- und Biowissenschaften umfaßt. Nach Eigendarstellung hat die Gesellschaft die Funktion, zur naturwissenschaftlichen Erforschung des Landes sowie zur Verbreitung von deren Ergebnissen beizutragen. Bereits 1844 ist die heute über 800 Mitglieder zählende Gesellschaft in Stuttgart unter dem Namen „Verein für vaterländische Naturkunde in Württemberg“ gegründet worden und damit als altehrwürdig zu bezeichnen. Beispielgebender Ausgräber, Forscher und Lehrer Riek Allerdings fallen in diese Zeit die zwölf Jahre der NS-Diktatur, welche bezüglich der Rolle der Wissenschaftler einer Aufarbeitung bedarf. Dies geschah etwa dadurch, daß in der Stuttgarter Zeitung 1986 ein vernichtender Bericht über den bis dahin als verdient geltenden Geologie-Professor Gustav Riek (1900-1976) erschien. Als dann 2004 im britischen Journal Nature Riek auch noch als wissenschaftlich überfordert präsentiert wurde, nahmen das zwei Riek-Kenner, die Professoren Karl Dietrich Adam und Mebus Andreas Geyh, zum Anlaß, 2005 in den Jahresheften der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg sowohl dessen wissenschaftliche Leistungen wie auch seine Rolle in der NS-Zeit detailliert darzulegen. Die beiden Autoren sind bemüht, sich von einer sensationslüsternen Medienlandschaft abzuheben und eine Einschätzung der akademischen Leistung Rieks abzugeben, die positiv ausfällt. Riek sei ein „beispielgebender Ausgräber, als Forscher und Lehrer, als Deuter und Künder“ gewesen. Gegen Ende seines „zwar schweren, doch reichen Lebens“ habe er den „Respekt vor dem Ausgrabungswesen“ betont, der für die Gewinnung und Bewahrung eines „unveräußerlichen Kulturbesitzes des württembergischen Volkes“ so wichtig sei. Nach Darstellung der Stuttgarter Zeitung sei Riek nicht nur Chef einer Wehrgeologen-Kompanie gewesen, sondern (1940) auch ein Schulungsleiter im SS-Sonderlager Hinzert, das 1939 als Polizeihaft- und Erziehungslager des Reichsarbeitsdienstes eingerichtet wurde. Allerdings wird laut Adam und Geyh verschwiegen, daß der zur SS einberufene Riek um seine Versetzung gebeten habe, um besser als Geologe arbeiten zu können, und diesem Gesuch entsprochen worden sei. Riek wurde daher nach 1945 von den Alliierten als „Mitläufer“ eingestuft und damit entnazifiziert. Der Artikel aus der Stuttgarter Zeitung habe sich darüber hinweggesetzt, um einen Verstorbenen abzuqualifizieren, der sich nicht mehr gegen Anschuldigungen wehren kann, so Adam und Geyh. Ihr Fachbeitrag hält hingegen an der alliierten Einschätzung fest, indem sie darlegen, wie sich Riek im Dienste der Wissenschaften mit dem NS-System arrangierte und nicht als Held aufspielte, sondern zum Mitläufer wurde. Die wissenschaftliche Leistung bleibe beachtlich, sein Andenken sei zu wahren. Als unbefangener Leser wird man den Text als der Auseinandersetzung würdig empfinden dürfen, da er sachlich und faktenreich argumentiert und damit einer selektiven und unhistorischen Wahrnehmung zu widersprechen sucht. Mit einem Einladungsschreiben zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg vom 9. Februar 2006, das der JF vorliegt, erfahren die Mitglieder aber, daß der Vorsitzende und dessen Stellvertreter, Gerd Dietl und Thomas Aigner zurückgetreten seien. Denn die Abhandlung des 2003 mit der Ehrenmedaille der Universität Stuttgart ausgezeichneten Adam über Riek in den Jahresheften der Gesellschaft habe für „Irritationen“ gesorgt, da sie durch „Tenor und politische Inhalte zur NS-Zeit außerordentlich viel Brisanz birgt“. Unstimmigkeiten mit dem Museum für Naturkunde Demnach hätte Rieks journalistischen Kritikern mehr Verständnis entgegengebracht werden müssen und nicht nur entschiedener Widerspruch. Ein Bedürfnis nach Ausgewogenheit ist aber noch kein materieller Einwand. In den Wissenschaften muß auch kontrovers diskutiert werden können, ohne anstelle von Argumenten die bloße Behauptung aufzubieten, es entstehe der „Eindruck der Verharmlosung der NS-Zeit“. Dieser habe dann zu „Unstimmigkeiten mit dem Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart“ geführt, mit dem die Gesellschaft laut Satzung eng verbunden ist und wo Adam die Ehrenmitgliedschaft entzogen wurde. Dem von Volkmar Wirth unterschriebenen Einladungsschreiben zufolge wurde sogar auf Wunsch eines Referenten, Peter Rothe, dessen Vortragstermin auf den 27. April verschoben; der ursprüngliche Termin war der 20. April 2006, auf den auch Adolf Hitlers Geburtstag fällt. Zwischen den Zeilen gelesen heißt das, wer am 20. April in einem lange vor 1933 existierenden Verein auch nur eine naturkundliche Veranstaltung anberaumt, setzt sich dadurch schon dem Verdacht aus, sich nicht genug von der NS-Diktatur zu distanzieren. Unter solchen Vorzeichen muß ein Klima der Verdächtigung entstehen, das einen Forscher davon abhält, unbefangen zu denken und zu schreiben ­sowie einzuladen. Zwar gab es in der Vergangenheit Deutschlands Fälle, bei denen sich alte Nationalsozialisten zu Lasten der Wahrheit gegenseitig deckten. Aber unwahre Aussagen werden im Einladungsschreiben nicht behauptet, angeblich fragwürdige politische Inhalte oder Wertungen nicht belegt, sondern es wird nur davon gesprochen, wer welchen vielleicht auch falschen Eindruck zu einem als brisant geltenden Thema gewinnen könnte. Die von den Fachautoren geltend gemachten schwerwiegenden Fehler der betreffenden Zeitungsjournalisten sind hingegen keine Notiz wert. Letztlich dreht sich alles nur noch um die Demonstration von Bekenntnissen. Dabei brauchen wir in Deutschland, wie vor Jahren der einstige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin in einer deutschen Wochenzeitung in einem anderen Zusammenhang schrieb, mehr eine feingliedrig geführte Diskussion und weniger Zwänge zu Bekenntnissen. Gesellschaft für Naturkunde, Rosenstein 1, 70191 Stuttgart, Telefon: 07 11 / 8 93 61 46 Internet: www.ges-naturkde-wuertt.de

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